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von Inka Grabowsky, 28.10.2026

Bunker in neuem Licht

Bunker in neuem Licht
So romantisch können Bunker aussehen, wenn Kerstin Kubalek ein Luftbild bearbeitet. | © Inka Grabowsky

Sie waren schon in der Schublade verschwunden, nun sind sie aktueller denn je: 37 künstlerisch bearbeitete Bilder zeigen die Bunker am Kreuzlinger Festungsgürtel. Was lange Geschichte schien, rückt angesichts der Weltlage wieder näher. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

«Eigentlich waren Dolores Claros-Salinas aus der Kunstkommission und ich im Kunst-Depot der Stadt auf der Suche nach etwas ganz anderem», erzählt Museumsleiter David Bruder. «Dann öffneten wir eine Schublade und sahen faszinierende Bilder von den Bunkern rund um Kreuzlingen. Wir wussten sofort, dass wir sie zeigen wollten.» Die 37 künstlerisch bearbeiteten Fotodrucke sind in den Wintern 2018 bis 2020 entstanden.

Ursprünglich waren die Bilder von der Stadt für eine Ausstellung im Kulturgüterschutzraum vorgesehen – Bunker-Bilder im ehemaligen Sanitätsbunker quasi. Doch dann kam Corona, und alle Pläne waren Makulatur. Nach der Pandemie überwogen praktische Erwägungen: Im Schutzraum sollen stets die gleiche Temperatur und Luftfeuchtigkeit herrschen. Würden viele Menschen hier Bilder betrachten, wäre das Raumklima gestört.

Auch die Aufsicht und die Zugänglichkeit sind schwer zu gewährleisten. So wurden die Werke schubladisiert, im wortwörtlichen Sinn.

 

Kerstin Kubalek und Christoph Laib haben sich gegenseitig angefeuert. Bild: Inka Grabowsky

Mit Begeisterung geschaffen

Dabei hatten die Künstlerin Kerstin Kubalek und der Fotograf Christoph Laib viel Arbeit und Zeit in die Erstellung der Werke gesteckt. «Seit ich 2010 in die Region gezogen bin, fahre ich mit der Bahn immer wieder an Bunkern vorbei», erzählt Kubalek. «Ich habe sie als Skulpturen in der Landschaft wahrgenommen und wollte lange etwas mit ihnen machen.»

Bei einem zufälligen Treffen sprach sie mit Christoph Laib über ihre Idee. Er liess sich sofort anstecken. Als Mitglied im Verein Festungsgürtel (Geschichte) ist er mit den über achtzig Objekten zwischen Bottighofen und Triboltingen vertraut, die 1995 ausser Betrieb genommen und entklassifiziert wurden. «Mein Vater musste dort noch einen Kommandoposten besetzen», so der Sechzigjährige.

Der Fotograf musste mit ungewöhnlichen Arbeitsbedingungen klarkommen: «Wegen der besseren Sichtbarkeit und der Lichtstimmung wollte ich Fotos der Bunker im Winter», so Kubalek. «Also haben wir uns jeweils spontan in den frühen Morgenstunden telefonisch verabredet. Das Projekt ist eskaliert, weil wir so begeistert waren.»

Einzigartige Technik

Hunderte von Aufnahmen entstanden. Laib ist seit 2003 ein erfahrener Drohnenpilot. So konnte er nicht nur seitliche Ansichten, sondern auch Bilder aus der Vogelperspektive zum Projekt beisteuern. Sie dienten Kubalek als Basis für die künstlerische Arbeit: «Die besten Fotos habe ich auf saugfähigem Künstlerpapier ausdrucken lassen. Dann habe ich mit einem breiten Pinsel eine von mir selbst entwickelte Mischung aus Wachs und Harz aufgetragen. Die warme Flüssigkeit sickert ins Papier ein.»

Das Verfahren verleihe den Bildern eine neue Tiefe, meint Ko-Kuratorin Dolores Claros-Salinas. «Man sieht die Pinselstriche noch. Jedes Bild ist ein Unikat. Es tritt aus der Zwei- in die Dreidimensionalität.» Dass die künstlerische Verarbeitung eines historischen Themas nun an einem passenden Ort gezeigt werden könne, sei etwas Besonderes.

 

David Bruder zeigt das Lego-Modell, mit dem die Ausstellungslandschaft entworfen wurde. Bild: Inka Grabowsky

Spuren der Menschen in der Landschaft

Kerstin Kubalek kam mit einer Präsentationsidee ins Museum. Sie wollte die Bilder nicht einfach an die Wand hängen, sondern den Seerücken, auf dem sie entstanden sind, symbolisch nachbilden.

So liegen die Luftbilder nun auf niedrigen schwarzen Würfelelementen, sodass die Betrachtenden sie tatsächlich von oben ansehen können. Die seitlichen Ansichten lehnen in Nischen an den Quadern. Ergänzt wird die Kunstausstellung durch Texttafeln. «Ich hatte für das Projekt im Staatsarchiv recherchiert», erzählt Kerstin Kubalek.

«Dort liegen Tagebücher von Männern, die Dienst getan haben, und von Frauen, die währenddessen zu Hause allein alles am Laufen halten mussten. Es sind bewegende Aussagen, denn anders als wir heute wussten die Menschen damals nicht, dass die Deutschen die Schweiz nicht angreifen würden. Die Männer haben sich im Bewusstsein von ihren Familien verabschiedet, dass sie eventuell nicht wiederkommen würden.»

 

Die Berichte der Zeitzeugen sind berührend, mitunter aber auch unterhaltsam. Bild: Inka Grabowsky

Ergänzung für die Dauerausstellung zur Grenze

Nach der Ausstellung will die Künstlerin die Bilder verkaufen. Museumsleiter David Bruder hofft, drei davon für die Rosenegg erwerben zu können. «Wir haben keinen Ankaufetat, deshalb muss ich noch nach einer Lösung suchen.» Den idealen Platz gäbe es schon. Unten im Vorraum der Ausstellung «Hüben und Drüben» zur Grenze ist seit Neuestem ein Bohrkern aus einer Bunkerwand zu sehen.

«Zweieinhalb Meter Beton – und heute gibt es bunkerbrechende Waffen, die das einfach zerstören können», gibt Bruder zu bedenken. «Wir werden mit Vertretern des Vereins Festungsgürtel im März darüber sprechen.»

Auch Kerstin Kubalek ist nachdenklich. «Der Festungsgürtel verwies früher für mich auf die Vergangenheit. Die Bunker lagen im Dornröschenschlaf. Mit der weltpolitischen Situation heute haben sie eine andere Bedeutung bekommen.»

 

Neben dem Bohrkern im Vorraum der Ausstellung «Hüben und Drüben» wäre ein idealer Platz für drei der Bilder. Bild: Inka Grabowsky

Museumsunterstützung von Stadt und Kanton

Das Museum Rosenegg profitiert künftig von einer besseren Finanzierung. Die Kreuzlinger Stimmbevölkerung hat zugestimmt, die Zuschüsse der Stadt um 80'000 Franken auf 240'000 Franken pro Jahr zu erhöhen. «Dadurch müssen wir wegen eines betrieblichen Defizits nicht das Stiftungsvermögen angreifen oder unser Angebot einschränken», sagt David Bruder erleichtert. Eine Teilzeitstelle in der Administration bringe Entlastung.

Im Hinblick auf die aktuelle Ausstellung freut er sich zudem über die neue Leistungsvereinbarung mit dem Kanton, die 60'000 Franken pro Jahr umfasst. Nun könne eine Teilzeitstelle für Bildung und Vermittlung geschaffen werden, die Schulen gezielte Angebote mache. «Die Rosenegg ist nicht nur Stadtmuseum, sondern durch das Thema ‹Grenze› überregional von Bedeutung. Das Fluchtgeschehen ist immer noch nicht vollständig aufgearbeitet. Daran wollen wir uns als Teil eines nationalen Erinnerungsnetzwerks beteiligen.»

 

Das Rahmenprogramm

Die Ausstellung «Grenzland» im Museum Rosenegg läuft vom 24. Oktober 2026 bis zum 25. April 27. Geöffnet jeweils Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr. 

 

Mittwoch, 9. Dezember 2026, 18 Uhr: Znacht – Ausstellungsführung mit der Künstlerin, anschliessend Austausch und Suppe

Mittwoch, 24. März 2027, 19 Uhr: «2.5 m Beton» – Urs Ehrbar und Hansjörg Huber im Gespräch über die Geschichte des Festungsgürtels und aktuelle Bedrohungslagen

Samstag, 17. April 2027, 14 Uhr:  Exkursion zum Festungsgürtel, Anmeldung über www.festungsguertel.ch

 

Anfragen Schülerworkshop mit Kerstin Kubalek über info@museumrosenegg.ch

 

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