von Roland Schäfli, 18.02.2026
Das Ende der Kultur naht – schon immer

Die Kultur der Schweiz ist gemäss Suisseculture am Ende ihrer Kräfte. Der Dachverband sagt den Zusammenbruch innert Kürze voraus. In der Kolumne «Der Thurgaukler» dauert es sogar nur noch zwei Minuten bis zum Ende. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
Kennen Sie die Weltuntergangsuhr? Die anzeigt, wie nah wir vor der selbstverschuldeten Katastrophe stehen? Sie steht auf 85 Sekunden vor Mitternacht. Was die Doomsday Clock für die Kultur angeht, so ist es schon fünf nach Zwölf. Das jedenfalls ist die Zeitmessung von Suisseculture-Präsidentin Estelle Revaz. Sie prognostiziert den Schweizer Weltuntergang der Kulturschaffenden. Ihre Widerstandsfähigkeit sei wie ein Gummiband, das seit Jahren gedehnt werde, warnt sie, und jetzt vor dem Zerreissen stehe.
Doch wo die auf Lohn angewiesenen Kulturschaffenden kaputt gehen, überlebt die Kultur. Genauso wie ihr Begriff ist sie selbst nämlich unendlich dehnbar. Ein paar Beispiele, wie unzerreissbar Kultur ist.
Das Drama haben die alten Griechen erfunden, lange bevor ihr Staat Pleite anmeldete. Was damals ein gesellschaftlicher Theaterevent auf der Akropolis war, ist heute der TV-Abend auf Netflix (Suchbegriff: «Ein Serien-Wochenende mit Freunden»). Üblicherweise sorgt das Ende einer auslaufenden Serie, wenn keine neue Staffel bestellt wurde, ja nochmals für Rekord-Ratings. Es könnte durchaus sein, dass wir der Kultur erst kurz vor ihrem Verschwinden nochmals erhöhte Aufmerksamkeit schenken.
Neu: Exilkunst jetzt auch auf Insta
Im Absolutismus finanzierte der Kaiser Mozarts Opern und in der Hochrenaissance war Michelangelo ein Lohnmaler des Papstes. Was heute allgemein als Subvention bekannt ist. Im Mittelalter dann die Hofnarren: nur sie durften dem König die schonungslose, witzige Wahrheit sagen. Der Hofstaat verschwand, der Witze-Reisser blieb: in Form des Slam-Poeten. Wenn er im Dichter-Wettstreit, dem Slam-Battle, einen Lacher erzielt, wird er nicht geköpft. Dass der Narr jede Staatsform überlebt hat, sollte uns sowieso zu denken geben.
Exilkunst gibt’s heute wie damals: Künstler mussten ihre Heimat fluchtartig verlassen, weil ihre Art der Kultur nicht mehr mit dem herrschenden Regime kompatibel war. Neu ist das digitale Exil: wenn jemand sich aus Facebook verabschiedet, um gegen Meta zu protestieren, oder bei Insta einfach einen Zweitaccount eröffnet, dann ist das Exilkunst ohne Koffer, nur mit WLAN.
Und so dehnte sich mit dem Gummiband der Kultur auch ihr Publikum, das ebenso nicht wegzukriegen ist. Bestimmt gab es schon im römischen Reich Besucher des Kolosseums, die monierten, «die Gladiatorenkämpfe waren auch schon mal besser». Das Publikum, das im alten Rom Brot essend mit dem Daumen über das Schicksal der Darsteller urteilte – das sind dieselben, die sich die Pizza nach Hause liefern lassen und «Likes» fürs Dschungelcamp geben.
Gott und das erste staatlich organisierte Crowdfunding
Um sogar noch etwas weiter zurückzugehen: der erste Kulturförderer war kein Minister, sondern Gott, und zwar schon in der Genesis: Jubal war der Stammvater aller Musiker, der „Vater aller, die Harfe und Flöte spielen“. Der Bau der Stiftshütte zu Moses’ Zeiten war sozusagen das erste staatlich organisierte Crowdfunding (gefragt waren freiwillige Beiträge wie Material, Stoffe und Gold), und Kunsthandwerker Bezalel wurde namentlich beauftragt, Kunstwerke zu ersinnen.
In diesem Zusammenhang ist es schon fast unheimlich, dass Frau Revaz’ Prophezeiung mit der Bibel übereinstimmt, genauer: mit der Offenbarung des Johannes. Ganz am Ende des Buchs (Achtung, Spoiler) lesen wir vom Weltuntergang:
„Und die Stimme der Harfenspieler und Musiker,
der Flötenspieler und Trompeter
wird nicht mehr in dir gehört werden.“
(Offb 18,22)
Die Musik verstummt. Nicht aus Mangel an Musikern, sondern an Mäzenen.
Könnte Kultur wirklich sterben, wäre sie längst tot
Allerdings glaubt der Schreiber dieser Zeilen nicht daran. Denn könnte Kultur wirklich sterben, wäre sie längst tot. Wegen mangelnder Hilfeleistung, was bei Verkehrsunfällen ein Unterlassungsdelikt, bei Kultur aber nicht strafbar ist. Dass Kultur immer einen Wert haben wird, zeigt doch schon der Einbruch in den Louvre. Das Ende? Nein, vielmehr der beste PR-Moment in der Kulturgeschichte.
Mehr zu dieser Kolumne «Der Thurgaukler»
«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Mit Ironie, Zuspitzung und bewusst überzeichneten Bildern beleuchtet sie politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen, die wir oft achselzuckend hinnehmen. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister. Die Kolumne erscheint künftig alle zwei Wochen. Alle Ausgaben bündeln wir in einem eigenen Themendossier.
Der Autor: Roland Schäfli ist Journalist, Autor und Thurgauer. Er schreibt seit Jahren für verschiedene Medien in der Schweiz und im Ausland über Kultur, Gesellschaft und das, was offiziell längst erklärt, aber praktisch noch immer unklar ist.

Von Roland Schäfli
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