Seite vorlesen

von Anabel Roque Rodríguez, 05.08.2026

Der Himmel gehört mir

Der Himmel gehört mir
Die St. Galler Künstlerin Anita Zimmermann bespielt dieses Jahr das Sommeratelier der Remise Weinfelden. | © Anabel Roque Rodriguez

Diesen Sommer bespielt die St. Galler Künstlerin Anita Zimmermann das Sommeratelier der Remise Weinfelden. Der temporäre Arbeitsort wird zum Experimentierfeld für neue Arbeiten und zugleich zum Anlass, die eigene künstlerische Praxis wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. Denn in den vergangenen Jahren war Zimmermann vor allem mit ihrem Alter Ego Leila Bock präsent.(Lesedauer: ca. 4 Minuten)

In der Brust der St. Galler Künstlerin Anita Zimmermann schlagen zwei Herzen. Seit 15 Jahren bespielt sie als Leila Bock Räume, lädt Künstler:innen ein und schafft vor allem eines: Möglichkeiten, damit Ideen tatsächlich stattfinden können. Dabei ist Leila Bock längst nicht nur ihr Alter Ego, sondern viel eher eine Haltung zum Kunstmachen. „Mich macht es nicht glücklich, nur Kunst zu machen, ohne sie zu zeigen. Ich bin mit und über Leila Bock grösser geworden und habe einen anderen Blick bekommen. Dazu gehört es auch, Sachen, die scheinbar nicht zusammengehören, zusammen zu bringen und Dinge zu bewegen. Durch sie bin ich eine Grossdenkerin geworden. Ich mag, dass ich dadurch fokussiert und weit denke, so löst man Probleme.“

 

Anita Zimmermann lebt in ihrem Machen einen Ansatz, der Kunst ganz klar als Experimentierfeld verteidigt und dabei nah am Menschen bleibt. Kunst ist hier ein Raum voller Möglichkeiten, der für alle offen ist und nicht erst durch theoretisches Vorwissen zugänglich werden muss. Bild: Anabel Roque Rodriguez

 

Vom «GEILEN BLOCK» zum kleinsten Skigebiet der Welt

Wie wörtlich dieses Grossdenken werden kann, zeigte sich Anfang 2025 als Zimmermann alias Leila Bock gemeinsam mit Christian Meier, Sonja Rüegg und Thomas Stüssi für knapp zwei Monate das kleinste Skigebiet der Welt in St. Gallen realisierte. Das Kunstprojekt «Grauer Himmel» bestand aus einer 20 Meter langen schwarzen Piste samt kleinem Bügellift. Was zunächst wie eine absurde Vorstellung wirkt – ein Skigebiet mitten in der Stadt –, ist typisch für Zimmermanns Praxis: Aus einer scheinbaren Unmöglichkeit entsteht ein realer Ort, an dem Kunst, Alltag und kollektives Erleben ineinandergreifen. Gerade der Widerspruch zwischen dem Grössenanspruch eines Skigebiets und seiner geradezu lächerlich kleinen Dimension trägt dabei den Humor, der viele ihrer Projekte auszeichnet. Es geht nicht darum, die Realität abzubilden, sondern sie für einen Moment anders zu organisieren. „Manchmal darf der Künstler auch ein bisschen ein Kasperle sein“, beschreibt sie das.

 „Ich habe eine gespaltene Beziehung zu Kurator:innen. Mittlerweile steht auf Ausstellungseinladungen schon fast eher der:die Kurator:in als die Künstler:innen.“

Anita Zimmermann

Bekannt ist Leila Bock besonders für das Format «GEILER BLOCK», das sich als Plattform für das aktuelle zeitgenössische Kunstschaffen in der Ostschweiz versteht. Leila Bock taucht dort als Kuratorin auf, doch geht es Zimmermann weniger um die Legitimation von Künstler:innen durch die kuratorische Instanz als um das Zusammenbringen – von Menschen, Arbeiten, Räumen und Ideen. „Ich habe eine gespaltene Beziehung zu Kurator:innen. Mittlerweile steht auf Ausstellungseinladungen schon fast eher der:die Kurator:in als die Künstler:innen. Die Gewichtung von Kurator:innen hat eine schwierige Tendenz eingenommen.“

Kunst als Experimentierfeld

Anita Zimmermann lebt in ihrem Machen einen Ansatz, der Kunst ganz klar als Experimentierfeld verteidigt und dabei nah am Menschen bleibt. Kunst ist hier ein Raum voller Möglichkeiten, der für alle offen ist und nicht erst durch theoretisches Vorwissen zugänglich werden muss. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Zimmermann trotz exzellenter Vernetzung und langjähriger künstlerischer Tätigkeit bisher keine Einzelausstellung in einem Museum hatte. Museumswelt und Off-Spaces mischen sich noch immer erstaunlich wenig; zu oft begegnen sich institutionelle und selbstorganisierte Kunstwelten mit Argwohn, obwohl längst dieselben Künstler:innen, Diskurse und Öffentlichkeiten zwischen ihnen zirkulieren.

 

Studiosituationen im Sommeratelier in der Remise Weinfelden. Bild: Anabel Roque Rodriguez

 

Es begann mit einem Ende

2026 sollte eigentlich auch ein bisschen das Jahr der Künstlerin werden. Neben dem Sommeratelier in Weinfelden war auch eine Ausstellung in der Lokremise in St. Gallen angedacht, die jedoch nach einem Veto der Kunstkommission wieder abgesagt wurde. Die Entscheidung hat Zimmermann sehr getroffen. Sie hatte die Ausstellung bereits durchdacht, die Arbeiten waren fertig – bei meinem Atelierbesuch im ersten Stock der Remise Weinfelden standen sie sorgfältig geordnet bereit. Ob es doch noch eine Wendung gibt, wird sich zeigen.

Aus diesem Rückschlag entwickelte sich allerdings schon bald etwas Neues. Zimmermann stellte sich die Frage: „Was könnte noch besser sein als eine Ausstellung in der Lokremise?“ Die Antwort fiel gross aus: „Der Himmel.“ Also nahm sie sich den – zumindest beinahe.

 

Arbeiten für die abgesagte Ausstellung in der Lokremise in St. Gallen. Bild: Anabel Roque Rodriguez

 

Doppelausstellung St. Gallen und Weinfelden

Während ihrer Zeit in der Remise Weinfelden wird es deshalb eine Doppelausstellung geben: In St. Gallen bespielt die Künstlerin vom 10. August bis zum 14. September die Engel- und Metzgergasse mit 24 grossen Fahnen. Sie werden dort hängen, wo normalerweise die bekannten Sterne der Weihnachtsbeleuchtung über den Gassen schweben – als erste künstlerische Intervention dieser Art. So entstand auch der Titel: «Der Himmel gehört mir». „Ich bin im Leben und in der Kunst eine Grenzgängerin und hab’s gerne ein bisschen mehr. Ich nehme ja niemandem den Himmel weg.“

Der Titel ist ein poetisches Statement und Selbstermächtigung zugleich. In einer Kunstwelt, in der Legitimation über Auszeichnungen, Preise, Institutionen und Zuschreibungen von aussen entsteht, liegt eine besondere Freiheit darin, selbst nach den Sternen zu greifen – und sie sich notfalls selbst anzuheften. Gerade nach langjährigem Schaffen ist darin auch die Behauptung der eigenen künstlerischen Position zu lesen: nicht darauf zu warten, dass einem ein Raum gegeben wird, sondern sich selbst Raum schaffen. Wenn eine Ausstellung nicht stattfinden kann, wird eben die Stadt zum Ausstellungsraum und der Himmel zum Dach.

 

Im Sommeratelier denkt Zimmermann auch über die eigene Praxis nach und probiert sich wieder dezidiert als eigenständige Künstlerin aus. Bild: Anabel Roque Rodriguez
Hände greifen, halten, zeigen, berühren, bauen und verändern; sie sind Werkzeug und Ausdruck zugleich und verbinden Denken unmittelbar mit Handlung. Bild: Anabel Roque Rodriguez

 

Nach so langer Zeit, in der sie vor allem als Leila Bock in Erscheinung trat, ist das Sommeratelier in der Remise auch zu einem Ort geworden, an dem Zimmermann über die eigene Praxis nachdenkt und sich wieder dezidiert als eigenständige Künstlerin ausprobiert. Anfang Juli zeigte sie beim «Wyfelder Fritig» bereits eine Kostprobe und gab Einblicke in ihre Ateliersituation. Vor allem zelebrierte sie dabei ihr Credo, dass Kunst zusammenbringt – und zwar Klein und Gross. Für die Kleinsten gab es Glace, während die Grösseren staunen durften, dass die Künstlerin Doris Naef kurzerhand die Bardame gab. Kunst nah am Menschen heisst eben auch, in Rollen schlüpfen zu dürfen und die eigene Neugierde zu verteidigen – auch oder gerade dann, wenn das bedeutet, Konventionen darüber aufzubrechen, wie eine Kunstausstellung auszusehen hat und wie man sich darin zu verhalten hat.

Von der Zeichnerin zur Malerin

Eigentlich ist Anita Zimmermann Zeichnerin. „Als Zeichnerin bin ich Hobbypsychologin, weil die auch Menschen lesen müssen. Mich macht das Zeichnen während des Machens glücklich, nicht unbedingt dann später beim Zeigen. Zeichnungen sind immer flüchtig, weil sie einen Moment einfangen. Sie übersetzen die Welt in Linien. Zeichnen passiert im Kopf. In der Remise wollte ich anders auftreten: Hier bin ich Malerin. Malerei macht aus einem Kreis eine Kugel.“

Entschieden hat sie sich für das Motiv der Hände – kaum ein Körperteil könnte besser zu einer Künstlerin passen, deren Praxis so sehr vom Machen geprägt ist. Hände greifen, halten, zeigen, berühren, bauen und verändern; sie sind Werkzeug und Ausdruck zugleich und verbinden Denken unmittelbar mit Handlung. Gleichzeitig erzählen Hände von Beziehungen: Wir reichen sie einander, arbeiten miteinander, weisen auf etwas hin oder lassen los. Und nicht zuletzt tragen sie Spuren von Zeit und Erfahrung – sie können als Porträt gelesen werden. „Ich habs gerne, wenn man mich erkennt, z.B. auch in meinen Hunderunden. Ich wollte kein Selfie, aber es gibt die Hände.“

 

Das Motiv der Hände – kaum ein Körperteil könnte besser zu einer Künstlerin passen, deren Praxis so sehr vom Machen geprägt ist. Bild: Anabel Roque Rodriguez

 

Auf den fertigen Fahnen für St. Gallen sind allerdings nicht einfach die Malereien zu sehen. Was aus den Händen geworden ist und wie sie sich über den Gassen behaupten werden, bleibt allerdings bis zur finalen Installation am 10. August ein kleines Geheimnis.

In der Remise Weinfelden werden indes die Originalmalereien, Studien und weitere Arbeiten zu sehen sein. Damit entsteht zwischen Atelier und Stadtraum, privatem Arbeitsprozess und öffentlicher Geste eine Verbindung. Die Fahnen verlassen den geschützten Kunstraum und schweben über dem Alltag der Stadt; in der Remise lässt sich zurückverfolgen, aus welchen Ideen sie entstanden sind.

Die Freiheit neugierig zu sein

Vielleicht lässt sich Anita Zimmermanns Praxis genau von hier aus verstehen: als Kunst des Machens, die nicht bei der Herstellung eines Werks endet. Sie schafft Situationen, bringt Menschen zusammen, nimmt Räume in Anspruch und verschiebt deren Regeln – mal als Anita Zimmermann, mal als Leila Bock und oft irgendwo dazwischen. Dass aus einer abgesagten Ausstellung ein Projekt entsteht, das sich über die Gassen St. Gallens spannt, passt deshalb erstaunlich gut: Wo eine Tür geschlossen wird, sucht Zimmermann nicht nach einer anderen Tür, sondern baut sich eine andere Möglichkeit.

Die Eröffnung am 29. August in der Remise Weinfelden wird entsprechend weniger der klassische Abschluss eines künstlerischen Prozesses als ein Fest für alle werden. Und vielleicht ist genau das die Einladung, die sich durch Zimmermanns Arbeit zieht: Kunst nicht nur anzuschauen, sondern sich von ihr anstecken zu lassen – von der Lust am Machen, am Ausprobieren und daran, sich die Freiheit zu nehmen, wieder neugierig zu sein.

«Der Himmel gehört mir»

Die Ausstellung von Anita Zimmermann im Sommeraterlier in der Remise Weinfelden wird am Samstag, 29. August 2026 mit der Vernissage eröffnet. Türöffnung: ab 16:30 Uhr, Einführung: 17:15 Uhr mit Brigitt Näpflin

 

Öffnungszeiten Ausstellung:
29. August–19. September 2026

 

Anwesenheit Künstlerin, jeweils:
Freitags 18:00 Uhr bis 20:00 Uhr
Samstags 14:00 Uhr bis 18:00 Uhr

 

Finissage mit Kunstdialog:
19. September um 17:15 Uhr

 

Die Carte Blanche Anita Zimmermann in St. Gallen in der Engel- und Metzgergasse findet vom 10. August bis 14. September 2026 statt.

 

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kunst

Werbung

Mit Sorgfalt für die Agenda – wir suchen Verstärkung

Ein kleines Pensum mit grosser Verantwortung für unser Service public-Angebot. 15 % | Start: September 2026

Gesucht per Herbst 2026: Geschäftsführung 20-30%

Das GENERATIONS steht für aktuellen Jazz, internationale Vernetzung und die nachhaltige Förderung junger Musiker.

Ausschreibung «Freies Atelierstipendium»

Bewerbungsdauer: 1. Juli bis Mitte August 2026 über die digitale Gesuchsplattform der Kulturstiftung Thurgau.

Dazugehörende Veranstaltungen

Kunst

Sommeratelier 2026 - Ausstellung

Weinfelden, Remise Haus zum Komitee

Kunst

Sommeratelier 2026 - Vernissage und Eröffnungsfest

Weinfelden, Remise Haus zum Komitee

Führung

Sommeratelier 2026 - Finissage mit Kunst-Dialog

Kunst

Sommeratelier 2026 - Finissage mit Kunst-Dialog

Weinfelden, Remise Haus zum Komitee