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von Katrin Zürcher, 13.04.2014

Ein Prozent für die Kunst an Bauten

Ein Prozent für die Kunst an Bauten
Diese Pentagon-Konstellation schenkte Natale Sapone der Stadt Frauenfeld. Vor dem Regierungsgebäude (im Hintergrund) wird die Installation von Kunst am Bau vorbereitet: "Die fabelhafte Regierung" von Joëlle Allet. | © Katrin Zürcher

Wegen der Bauarbeiten beim Kantonsspital Frauenfeld musste eine Skulptur von Natale Sapone – Kunst am Bau aus den 1970er Jahren – verschoben werden. Auch am Neubau wird es künstlerische Interventionen geben. Der Kanton Thurgau sieht für Bauten ab einer Bausumme von 3 Millionen Franken ein Prozent für die Kunst vor.

Katrin Zürcher

Vor dem Südeingang des Kantonsspitals Frauenfeld stand bis vor kurzem eine Skulptur des bekannten, im Jahr 2002 verstorbenen Frauenfelder Künstlers Natale Sapone. Sie gehört dem Spital, das sie als Kunst am Bau für das 1974 fertiggestellte Gebäude gekauft hat. Wegen der Bauarbeiten für die neue Buszufahrt musste sie verschoben werden und wartet nun zwischen Spitalgärtnerei und Pfaffenholz auf ihre Rückkehr, die für Dezember geplant ist. Wenn der Neubau im Jahr 2019 fertiggestellt ist, wird sie Gesellschaft durch neue Kunst am Bau erhalten. Im letzten Jahr wurde ein entsprechender Wettbewerb durchgeführt. Obwohl er entschieden ist, möchte Spitaldirektor Norbert Vetterli wegen der Bauplanung noch nichts dazu sagen. Gemäss Wettbewerbsausschreibung des kantonalen Hochbauamts wird aber bereits Ende Jahr mit dem Bau begonnen und das Objekt wird 2018/19 in Betrieb genommen. Für die Ausführung stehen 400‘000 Franken zur Verfügung.

 

Dialog mit der Architektur

Kunst am Bau hat Tradition im Thurgau. Dabei tritt laut Homepage der Stadt Frauenfeld die Kunst „in einen Dialog mit der Architektur, wird Anziehungspunkt, schafft Atmosphäre, verleiht einem Bauwerk einen unverwechselbaren Charakter und kann als Marketinginstrument das Image eines Unternehmens mitprägen. Die künstlerische Gestaltung geht weit über eine rein dekorative Wirkung hinaus“. Die Stadt bietet kostenlose Beratung in Sachen Kunst am Bau an. Genau wie beim Kanton wird in der Regel ein Prozent der Gebäudekosten für künstlerische Interventionen vorgesehen. Der Kanton hat seit 2003 eine „Verfahrensgrundlage für Projekte ‚Kunst am Bau‘ und ‚Kunst im öffentlichen Raum‘“. Sie gilt für Bauvorhaben ab 3 Millionen Franken. „Damit soll die Auseinandersetzung mit Kunst im öffentlichen Raum unter Berücksichtigung regionaler und überregionaler Künstler gefördert werden“, heisst es darin.

 

Unbewilligtes Traumschloss

In den letzten Jahren haben im Thurgau zahlreiche Künstlerinnen und Künstler Kunst am Bau verwirklicht: Max Bottini, Urs Graf, Ernst Thoma, Richard Tisserand, Doris Naef, Ute Klein, Rahel Müller und Judit Villiger sind nur einige, die an Schulhäusern, Spitälern, Altersresidenzen, Kirchenzentren und anderen Gebäuden ihre künstlerischen Spuren hinterlassen haben. Zurzeit wird vor dem Regierungsgebäude die Installation von Joëlle Allets „fabelhafter Regierung“ vorbereitet. Nicht immer verläuft die Installation von Kunst am Bau problemlos: In Diessenhofen verweigerte der Stadtrat die Bewilligung für die Bauvisiere von Yves Netzhammers „Traumschloss“ auf der Villa Rosenheim, da nach seiner Ansicht der Eingriff für das historische Gebäude zu gross gewesen wäre. Dennoch ist das imaginäre Traumschloss bis September zu bewundern. Man darf also auch gespannt sein auf die künstlerischen Interventionen am Neubau des Kantonsspitals. Bis dahin erfreut sich Natale Sapones farbige Pentagon-Konstellation der alleinigen Aufmerksamkeit von Kunstfreunden.

 

Die Schönheit des Lebens dargestellt

Markus Landert ist voll des Lobes über das Werk von Natale Sapone. „Er hat mit seinen geometrischen Figuren eine äusserst stringente, präzise und konzise Ausdrucksform gefunden“, sagt der Direktor des Kunstmuseums Thurgau. Und: „Sein spannendes, expressionistisches Frühwerk wird meiner Ansicht nach unterschätzt.“ Das kantonale Kunstmuseum in der Kartause besitzt rund 20 Werke des 2002 verstorbenen Frauenfelder Künstlers. Natale Sapone zählt zu den bekanntesten Vertretern der Konkreten Kunst der dritten Generation sowie der Op-Art in der Schweiz. Diese Stilrichtung der optischen Kunst, die in den 1960er-Jahren entstand, pflegte Sapone unter anderem in seinen Werken der Serie „Bewegung“, deren geometrische Farbfiguren verblüffende optische Täuschungen erzeugen.

 

Frauenfeld war kulturell tot

 

Dass Natale Sapone im Jahr 1951 nach Frauenfeld kam, hat mit Freunden zu tun, die ihn unterstützten. Der im Jahr 1921 in Kalabrien geborene Künstler sagte 1989 in einem Interview mit Elisabeth Grossmann, der damaligen Kuratorin des Kunstmuseums: „Es war zu Beginn sehr schwierig, mich in einer Kleinstadt durchzusetzen. Frauenfeld war damals noch sehr verschlafen und kulturell ziemlich tot.“ Später erfuhr er Unterstützung durch die Stadt und schenkte ihr als Dank eine seiner Pentagon-Konstruktionen, die noch heute vor dem Gebäude der Credit Suisse steht. Er bezeichnete das Fünfeck als „perfekte geometrische Form“. Neben der Skulptur beim Kantonsspital findet sich eine dritte Pentagon-Konstellation im öffentlichen Raum der Stadt: Sie steht als Leihgabe des Kantons vor dem ehemaligen Wohn- und Arbeitshaus des Künstlers, dem Sapone-Haus beim Alterszentrum Park. Vor kurzem wurde sie restauriert, doch jetzt hat jemand den blauen Lack zerkratzt, was laut Markus Landert einen Schaden in der Höhe von 2‘500 Franken darstellt.

 

Gedanken künstlerisch festhalten

 

Der 1986 in Frauenfeld eingebürgerte Süditaliener hinterliess bei seinem Tod vor zwölf Jahren einen umfangreichen Nachlass, dem sich der Verein „Werk Natale Sapone“ annimmt und den Markus Landert bis letzten Sommer präsidierte. Der Verein will die Tafelbilder, Grafiken, Objekte und Entwürfe dem Publikum zugänglich machen. Aktuell sei man daran, eines oder mehrere Werke von Sapone im Museum Haus Konstruktiv in Zürich unterbringen zu können. Natale Sapone erschuf mit seinen achtzentrischen Kreisen, der Bewegung und den Pentagon-Konstellationen seine eigene Bildformel, die den Betrachter allein über die optische Wirkung ansprechen soll. Er sagte: „Das Leben ist so reich, so schön, si bellissima, dass dieser Gedanke doch irgendwo festgehalten werden muss. Meine Möglichkeit, die bellezza des Lebens darzustellen und zu vermitteln, liegt in der bildenden Kunst.“ (kaz.)

 

 

 

www.natalesapone.ch

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