von Maria Schorpp, 25.06.2026
„Es ist schön, das Schreiben“

Die in Müllheim lebende und schreibende Sprachkünstlerin Zsuzsanna Gahse feiert am 27. Juni ihren 80. Geburtstag. Seit 56 Jahren erscheinen ihre grandiosen Texte. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
„Seit etwa zehn Jahren nenne ich das, was ich schreibe, Störe." Störe schreiben? Sie könnte die Text-Kompositionen auch „Fische" nennen, fügt sie an, aber das klingt ihr zu christlich. Zsuzsanna Gahse liebt das Spiel mit Worten, das Ausprobieren von Wortbedeutungen, das Ausloten sprachlicher Eigenheiten. Sie könnte auch so etwas wie „Meine Texte verweigern sich den eindeutigen Gattungen“ sagen. Wahrscheinlich käme ihr ein solcher Satz aber nie über die Lippen. Stattdessen sagt sie „Störe schreiben“, wie ein neues Verb, das in den Duden gehört.
Was wäre das für ein Theatererlebnis
„Die Texte, die ich schreibe, können unterschiedliche Formen annehmen, dadurch entgleiten sie einem wie Fische. Sie sind nicht Roman, nicht Gedichte, keine Essays. Aber alles zusammen, und immer sind auch Szenen dabei und damit ein Stück Theater.“ Und wie aufregend kann es sein, auf einer ihrer „Erzählinseln“ zu landen. Gerade das Szenische lässt in ihrem Ende letzten Jahres erschienenen Buch „Spielbeginn“ aussergewöhnliche Bilder und Gedanken aufkommen.
Aufgeführt auf einer Bühne – könnte es in bestem Sinne ein Theaterabenteuer werden. Jetzt nun der runde Geburtstag. 80 Jahre, was heisst das schon, wenn Bücher an die Öffentlichkeit drängen. Mit „Angerichtet“ wartet schon der nächste Band anlässlich ihres Geburtstags auf seine Veröffentlichung in den kommenden Tagen. Und Weiteres ist in Planung.
Zsuzsanna Gahse verortet in ihren Büchern auch Lebensstationen: „durch und durch“, in dem sie Müllheim ausleuchtet, die Gemeinde zwischen Frauenfeld und Weinfelden, in der sie seit über einem Vierteljahrhundert wohnt. Der dortige Wellenberg in „Jan, Janka, Sara und ich“, Frauenfeld in „Zeilenweise Frauenfeld“, die Donau in „Donauwürfel“, die Alpen in „Bergisch teils farblos“.
„Österreich-deutsch-schweizerische Autorin, geboren in Budapest“
Die Topografie von Orten spielt eine Hauptrolle in den Texten der „österreich-deutsch-schweizerischen Autorin, geboren in Budapest“, wie sie schon selbst ihren internationalen Status beschrieben hat. Die Berücksichtigung der örtlichen Besonderheiten hat Auswirkungen auf das Wahrnehmen, auf die Sprache und dient in Zsuzsanna Gahses Literatur dem Erkennen von (Sprach-)Wirklichkeit.
Wirklichkeit einzufangen, darum geht es der Autorin vor allem und zwar so umfassend wie möglich. Von den roten Fäden akzeptiert sie höchstens den der mythologischen Ariadne, in Geschichten sind sie für sie zu unterkomplex. Die Wirklichkeit fordert quasi die vielfältigen Gattungen an: „Ich beschreibe vor allen Dingen Wirklichkeit, aber Fiktionen kommen von sich aus hinzu. Sie schleichen sich einfach ein.“ So besiedelt sie in „Jan, Janka, Sara und ich“ den eigentlich noch grünen Wellenberg vor ihrer Haustür mit 10‘000 Menschen, um so auf das Zubetonieren von Landschaft aufmerksam zu machen.
Zsuzsanna Gahlse ist eine subtile politische Beobachterin, die auch mal ihren schreibenden Kolleginnen nahelegt, nicht so viel über sich selbst nachzudenken, sondern gute Männerfiguren zu erfinden. Wie es Tolstoi mit Anna Karenina oder Fontane mit Effi Briest gelungen sei. Und ihr selbst mit „zwei ganz angenehmen Männern“ in „Spielbeginn“.
Sie öffnet mit ihren Texten Räume
Mit dem roten Faden sagen Autorinnen und Autoren, wo es langgeht in ihren Geschichten, Zsuzsanna Gahse eröffnet mit ihren Texten Räume, in denen sich die Lesenden denkend und fühlend frei hin und her bewegen können. Ohne überschaubare Aussagen, wie sie Romane nach ihrer Wahrnehmung meist bieten, würden Bücher allerdings kaum akzeptiert. Das liege an den Lesegewohnheiten. „Auf solche Aussagen zu verzichten ist mutig. Dabei komme ich mir tapfer vor“, sagt sie mit einem amüsierten Ton in der Stimme.
Dafür kann die Schriftstellerin eine lange, beeindruckende Liste von literarischen Auszeichnungen vorweisen – vom Aspekte-Literaturpreis (1983) über den eigens für sie ins Leben gerufenen Preis der Stadt Wiesbaden beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und Poetik-Dozenturen bis hin zum Grand Prix Literatur der Schweizer Literaturpreise.
Eine besondere Stellung nimmt der Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung ein, den sie für die Übertragung ungarischer Schriftsteller wie Péter Esterházy und Péter Nádas ins Deutsche erhielt. Übersetzen, das kann auch die Übertragung von Gottfried Keller ins heutige Deutsch bedeuten, ist für sie die beste Sprachschule. „Meistens gibt es keine wirkliche Entsprechung von einer Sprache in die andere. Trotzdem muss man zu einer entsprechenden Stimmung und dem gleichen Sinn kommen.“
Ihre Texte sind Unterhaltungen
Zsuzsanna Gahses Texte sind Unterhaltungen mit ihren Leserinnen und Lesern, mit ihren eigenen Gedanken und mit anderen Schreibenden. Der Dialog mit deren Texten nimmt erheblichen Raum ein in ihrer Arbeit. Ihre Wertschätzung für Autorinnen und Autoren wie etwa Gertrude Stein oder Thomas Bernhard ist gross, bei manchen Namen klingt obendrein so etwas wie Bewunderung mit. Beim französischen Autor Georges Perec etwa, der einen Roman geschrieben hat, in dem der Buchstabe „e“ nicht vorkommt, der häufigste Vokal im Französischen. Sprachkunst im wahrsten Sinne des Wortes.
Noch in Ungarn im Kindergarten fiel die Fünfjährige auf, weil sie Gedichte vor sich hinsagte. Eigene. „Das war mein Start“, stellt sie fest. Als die Eltern nach dem niedergeworfenen Aufstand 1956 aus Ungarn flohen, war sie zehn. Erste Station im neuen Leben war Wien. Dort schrieb sie als Vierzehnjährige mit der Unterstützung eines „wunderbaren Deutschlehrers“ ihren ersten und letzten Roman. Als ihr erstes Buch „Zero“ erschien, war sie schon knapp über 30. Der erste Satz lautete: „Es ist schön, das Schreiben.“
In Kassel war die erste Anstellung des Vaters, nach Stuttgart heiratete sie, dann folgten Luzern und schliesslich Müllheim, wo sie sich mit ihrem Mann, dem Künstler Christoph Rütimann, in dem schönen alten Haus an der Durchgangsstrasse niedergelassen hat. Für ihre Sprachstudien ist die kleine Gemeinde genauso gut wie eine Metropole. Nicht nur die verbale Sprache ist für die Schriftstellerin essentiell, auch die Körpersprache spielt mit bei ihrer Erfassung von Wirklichkeit.
Bei einem lange zurückliegenden London-Aufenthalt nutzte sie die Anonymität der Grossstadt, um hinter Menschen herzugehen und ihre Gangart nachzuahmen – um sich in die Person zu versetzen und so etwas über sie zu erfahren. Ergründen durch hinschauen, Menschen so beschreiben, dass sie in ihrem Tun und Verhalten sichtbar werden. Das bringt ihre Texte in die Nähe der bildenden Kunst.
Keine Psychologie, kein erhobener Zeigefinger
Solche Unmittelbarkeit strebt die Schriftstellerin immer wieder an, durch ihren Gattungsmix, aber auch durch Vermeidung jeglicher, ihrer Meinung nach überschätzter Psychologie, erhobener Zeigefinger oder sonstiger Belehrungen. „Wenn ich einmal behaupte, dass die Musik schon vor dem Urknall da war, will ich damit nicht sagen: So war es. Sondern ich will eine Überlegung in den Raum stellen, eine Möglichkeit. Wir können die grosse Wirklichkeit nur stückweise erkennen.“
Spontan, direkt, unmittelbar – so sieht Zsuzsanna Gahses Ideal der Weltabbildung aus. Im Komplizierten das Einfache finden. Seit 56 Jahren erscheinen Text von ihr, und es sieht so aus, als würden noch weitere dieser grandiosen Sprachgebilde folgen.

Von Maria Schorpp
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