von Alex Bänninger, 26.11.2013
Für ein Museum des Schweigens

Alex Bänninger
Im Thurgau braucht es ein weiteres Museum: ein Museum des Schweigens. Es wäre gerechtfertigterweise teuer, weil es symbolstark aus Gold gebaut werden müsste. Am Eingang hinge mahnend eine Tafel mit der dick durchgestrichenen Aufforderung Max Frischs, sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen.
Das Museum würde Exponate zeigen - Bilder, Bücher, Filme -, die der Tugend des Schweigens die Reverenz erweisen. Ein leerer, fensterloser und schalldichter Saal stünde den Kunstschaffenden jederzeit zur Verfügung, um sich darin zu versammeln, wenn es etwas zu sagen gäbe, aber nicht ausgesprochen werden kann oder will. Das einsame Schweigen im eigenen Atelier würde in seiner Wirkung durch das gemeinsame Schweigen eindrücklich und feierlich erhöht.
Zum Beispiel wenn es um den Beitrag der Kunst an die Expo Ostschweiz geht, die Planung der nächsten Werkschau, das neue Kulturkonzept oder - wie jetzt - um den Erweiterungsbau des Kunstmuseums.
Zu ihm äussern sich Kantonsrätinnen und Kantonsräte, Architektinnen und Architekten, Journalistinnen und Journalisten. Die Künstlerinnen und Künstler jedoch halten still. Aus Gleichgültigkeit? Weil ihnen das Studium des Projekts zu mühsam ist? Aus Vorsicht, Rücksicht, Kurzsicht?
Wie auch immer: Das Schweigen steht im krassen Gegensatz zu den Attributen, auf die Künstlerinnen und Künstler stolz sind, nämlich frei zu sein, kreativ, kritisch und unbequem. Diese Qualitäten wären auch im Zusammenhang mit dem Kunstmuseum gefragt. Es ist, wie unschwer zu erkennen, der Kunst gewidmet und weder dem Kunstturnen noch dem Kunsthonig.
Der Erweiterungsbau ist umstritten. Warum stärken die Kunstschaffenden nicht jenen den Rücken, die sich fürs regierungsrätliche Vorgehen engagieren? Weshalb leisten sie jenen keine Schützenhilfe, die sich ein besseres Projekt vorstellen können? Aus welchem Grund verlangen sie sich nicht laut und deutlich, Schwierigkeiten hin oder her, mit dem Bau zügig vorwärts zu machen? Oder alles zu stoppen und einen Neubeginn zu wagen?
Jedes Wort wäre ein Beweis, dass sich die Künstlerinnen und Künstler für ihr Kunstmuseum im allgemeinen und den Erweiterungsbau im besonderen interessieren und die Museumspolitik des Kantons als wichtig erachten. Die Grabesstille vermittelt die Botschaft, das Museum sei den Kunstschaffenden so gleichgültig wie ein Gummistiefelkombinat im Kaukasus oder eine EU-Richtlinie für die Normierung von Schiffscontainern.
Wir können nur hoffen, dass die der Kultur gewogenen Politikerinnen und Politiker aus der seligen Stummschaltung keine falschen Schlüsse ziehen und strafend das Museum des Schweigens blockieren.
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