von Katrin Zürcher, 15.09.2016
Flügelbrand

Was passiert, wenn eine junge Frau von zu Hause auszieht, um in einer fremden Stadt ihr Glück zu suchen? Auf diese Frage gab die Tuttwilerin Rahel Kolland mit ihrem Stück „Flügelbrand" im Gleis 5 eine Antwort. Eine musikalisch untermalte, nachdenklich stimmende Antwort in neun Akten.
Die rund 100 Zuschauerinnen und Zuschauer in der Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 kamen am 14. September in den Genuss eines eindrücklichen Theatererlebnisses. Mit Leichtigkeit hielt Rahel Kolland, die das Theaterstück „Flügelbrand" als Maturaarbeit geschrieben hatte, ihr Publikum während eineinhalb Stunden in Bann. Allein und ungeschminkt; mit nur einem Bademantel, Handy und einer Flasche Rotwein als Requisiten.

Bild: Katrin Zürcher
Sie verstand es ausgezeichnet, mit Pausen zu spielen; Pausen, die einem zuweilen beklemmend lang vorkamen; Pausen, die das Publikum auf sich selbst zurückwarfen. Kolland, die die Pädagogische Maturitätsschule Kreuzlingen (PMS) im Sommer abgeschlossen hat, beeindruckte mit ihrer Bühnenpräsenz, ihrer gesanglichen Leistung und mit der Reife ihrer Texte.
Figuren zum Leben erweckt
Die junge Schauspielerin schaffte es, neben der authentisch vermittelten Ich-Erzählerin Eliza auch weitere Figuren lebendig werden zu lassen - allein im Spiegel ihrer Gespräche, ihrer ausdrucksstarken Mimik. Etwa ihre Mama, die still weinte über ihren Weggang und ihr zu viel Gemüse mitgab ins neue Leben. Oder ihren Wohnungsnachbarn Luis, in den sie sich verliebte. Und natürlich Frau Knobloch, die Verlegerin einer Frauenzeitschrift. Elizas journalistisches Engagement bei dieser Zeitschrift währte nur kurz - Frau Knobloch konnte mit ihrem emanzipierten Frauenbild und ihrem Drang nach einem selbstbestimmten Leben nichts anfangen. Die Konkurrenz hingegen kaufte ihre Texte - Motivationstipps für Frauen -, doch schliesslich hatte Eliza keine Energie mehr, um andere zu motivieren.
Raum für weitere Kapitel
Als sich dann Luis von ihr distanziert - „Er ist nicht bereit für eine Beziehung! Ja, fragt man denn Tote, ob sie bereit sind für den Tod?" - wendet sich Eliza in ihrer Verzweiflung und Einsamkeit vermehrt dem Alkohol zu. Das Ende des Stücks bleibt offen. Eliza sitzt am Klavier, verleiht ihrem Frust mit kräftiger Stimme singend Ausdruck, als sich ihr Spiel verändert, unmerklich in Beethovens „Für Elise" übergeht. Sie spielt langsam und langsamer, verharrt schliesslich vor dem letzten Ton. Eine letzte Pause. Eine Pause, die Raum lässt für all die Kapitel, die in Elizas Leben noch zu schreiben sind.
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