27.11.2014
Glück

Brigitta Hochuli
Man sollte Texte ja nicht mit Zitaten beginnen. Aber dieser Satz geht mir einfach nicht aus dem Kopf: „Wenn man den Jungen alles gibt, macht sie das nicht glücklicher.“ Gesagt hat ihn gemäss TZ der Frauenfelder SVP-Stadtrat Ruedi Huber an einer Podiumsdiskussion zum Projekt Kaff und zu einer Nachtkultur, die einen hauptstädtischen Stellenwert verdienen würde. Ich kenne Herrn Huber nicht. Aus seinem Satz spricht aber eine materialistische Haltung, die man den initiativen jungen Kulturarbeiterinnen und Kulturarbeitern des Kaff ganz sicher nicht unterstellen kann.
Überhaupt, was heisst Glück im Zusammenhang mit der Generationenfrage? Als Grossmutter bin ich diesbezüglich ganz besonders sensibilisiert. Denn Omama hat es auf ihrer Seite. Glück ist, die Enkelin beim Anblick eines Kunstwerks in der Kartause jauchzen zu hören. Glück ist, das in der Gartenausstellung des Kunstmuseums gesehene Paradies mit Lego Duplo-Steinen nachzubauen. Glück ist, wenn die Zweijährige den Fraueli Namen gibt wie Adam und Eva, wenn sie genüsslich Wörter sagt wie Sisiphus oder Vitamin oder Gschengg.
Trotz des Wortschatzes will das Kind von mir nicht beschenkt werden. Es ist ganz und gar uneigennützig. Das glaube ich auch von den jungen Kaff-Menschen. Im Frühling vor einem Jahr organisierte Anschi Inauen eine Lesebühne, obwohl das Kaff damals ums Überleben kämpfte und mit einer Menschenkette demonstriert hatte. Lesen nannte sie eine „leise Kultur, bei der es kaum zu Lärmemissionen kommen dürfte“. Die junge Frau hat mich beeindruckt!
Wird das Kaff „glücklicher, wenn man ihm alles gibt“? Die Frage läuft ins Leere. Anschi wie meine zweijährige Enkelin brauchen nur einen Ort, an dem sie Zuwendung erfahren - zum Beispiel durchs Vorlesen oder durchs Büecheli aaluege.
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