von Jeremias Heppeler, 06.07.2026
Hip-Hop-Hochburg für drei Tage

Zehntausende Menschen werden ab Donnerstag wieder zum Openair Frauenfeld pilgern. Warum das Festival trotzdem an einem Scheidepunkt steht. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Es hat schon Tradition, in den Vorschau-Texten und auf Social Media das Openair Frauenfeld nostalgisch verklärt an seinen vergangenen Lineups zu messen. Und ja, schon klar, sie waren alle da: Jay-Z, Eminem, Outcast, Drake, 50 Cent, Lauryn Hill, Kendrick Lamar und Kanye West (zu einer Zeit, als man sich als Musikfan und Mensch darüber noch gefreut hat). Und nein, aktuell sieht es nicht danach aus, dass das Openair Frauenfeld wieder waschechte Hip-Hop-Mainstream-Weltstars auf die Grosse Allmend lockt. Und das ist okay. Schluss mit der ewigen «Früher-war-alles-besser»-Leier.
Denn zur Wahrheit gehört auch: Das Openair Frauenfeld, das dieses Jahr vom 9. bis zum 11. Juli stattfindet, ist zuvorderst ein Hip-Hop-Festival. Und Hip-Hop als Genre zeichnet sich vor allem auch durch Wandel aus. Die neue Generation verpflichtet sich praktisch dazu, sich an ihren Vorgängern abzuarbeiten.
Das bietet das Programm in diesem Jahr
Und damit verändern sich eben auch das Zielpublikum, die Szene und ja, die Kultur an sich. Das kann man jetzt gut oder schlecht finden, aber Fakt ist: Popkultur braucht Wandel. Und die Entwicklungen der Rapmusik innerhalb der vergangenen Jahre lassen sich ganz formidabel am diesjährigen Lineup ablesen. Deshalb schauen wir uns die Headliner-Riege noch einmal im Detail an:
Don Toliver ist gemessen an den Zahlen der wohl grösste Name beim diesjährigen Festival und ein faszinierendes Phänomen der modernen Musiklandschaft, das Genregrenzen in einem fortlaufenden Strom sprengt. Sein oft überladen wirkender Sound, der melodischen Gesang und bissigen Rap vereint, wandelt zwischen R&B-Emotionen und hypnotisierenden, kaleidoskopischen Trap-Klangbildern.
Am Puls der Jugendkultur
Ken Carson ist ein aufstrebender Künstler am internationalen Hip-Hop-Firmament, dessen Klanglandschaft von düsteren und doch tanzbaren Beats in Kombination mit gefährlich eingängigen Popmelodien dominiert wird. Seine oft fragmentarischen Textfragmente skizzieren stets den Puls der gegenwärtigen Jugendkultur, ohne besonders differenzierte Einsichten freizulegen.
Auch Yeat durchbricht in einem Fort die Konventionen der zeitgenössischen Rap-Musik und offenbart wie viele Künstler seiner Generation eine Vorliebe für experimentelle Ansätze und unorthodoxe Soundstrukturen – diesem Klangbild gerecht zu werden, dürfte vor allem live eine grosse Herausforderung darstellen. Wir sind gespannt.
Sprechgesang und moderner Sound
Mit Gunna ist darüber hinaus ein Sprechgesangsartist vertreten, der bereits auf dem Openair Frauenfeld gespielt haben und der für einen modernen Sound stehen, dessen Songs im Vergleich zur aktuellen Abschlussklasse aber mehr klassische Bausteine und Kopfnicker-Anleihen aufweisen.
Ziemlich ernüchternd fällt der Blick auf die Diversität des Lineups aus. In Sachen FLINTA*-Acts – also Acts von Frauen, Lesben, intergeschlechtlichen, nichtbinären, trans und agender Personen – herrscht weitestgehend gähnende Leere, das Lineup wird wie eh und je von Typen beherrscht, die Typen-Sachen machen.
Das Festival ist immer noch sehr männlich dominiert
Eine Schnellanalyse offenbart einen Anteil von nicht männlichen Künstler:innen von circa 10 bis 15 Prozent. Beim Splash, dem deutschen Pendant zum Frauenfeld, sieht es ähnlich aus. Fairerweise muss man an dieser Stelle anmerken, dass das Problem natürlich viel tiefer wurzelt. Festivals stehen am Ende der Lieferkette der Popkultur und zweitverwerten Trends aus der Szene. Und ja, Hip-Hop ist historisch gesehen ein überaus un-diverses Genre.
Wir können sicher sein: Gäbe es mehr erfolgreiche FLINTA*-Acts in der Szene, dann würde ein Festival wie das Frauenfeld ihnen auch prominente Positionen geben – denn ja, Festivals sind ein Risikogeschäft und zuvorderst kapitalistischen Strukturen unterworfen.
Nichtsdestotrotz zeigt der Blick in die Geschichte: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und Festivals der Grössenordnung des Openair Frauenfeld können durch Bookings durchaus Karrieren und auch die Szene mitgestalten.
Die FLINTA*-Acts im Überblick
Auch deshalb wollen wir an der Stelle einen konsequenten Blick auf die nicht-männlichen Acts der 2026-Ausgabe werfen.
OG Lu: Die Frankfurter Rapperin ist ausgebildete Sportwissenschaftlerin und Thaiboxerin und trat erstmals in die Öffentlichkeit, als sie ein Gedicht über den rassistischen Anschlag in Hanau verfasste, und rappt heute im Kraftfeld zwischen oldschooligstem Oldschool und newschooligster Newschool.
Kiarababa ist ein waschechtes TikTok-Phänomen. Die Newcomerin bringt ungeschönten Strassenrap, wie man ihn selten zuvor gehört hat. Selbstironisch, trashig, im Slang, mit klaren Westcoast-Verweisen. An der Grenze zu allem und wahrscheinlich deshalb so spannend.
Weitere internationale Rapperinnen im Lineup sind BKTHERULA und Molly Santana, die sich ebenfalls dem zeitgenössischen Trap verschrieben haben.
Neben den amerikanischen Acts sind es meistens Künstler:innen aus dem deutschsprachigen Rap, die das Openair Jahr für Jahr mitprägen. Im Gegensatz zu den Amis fällt die Deutschrap-Auswahl 2026 interessanterweise viel klassischer aus. Die prominenten Plätze im Timetable nehmen mit Sido, UFO 361 und SSIO drei alte Hasen ein.
Und während Rin, Vega und OG Keemo wohl so ein wenig zwischen den Generationsstühlen sitzen und allesamt für legendär spektakuläre Teilabriss-Liveshows bekannt sind, stehen mit Makko, Zackavelli und der Gruppe BHZ nur wenige Artists aus der aktuellen Generation im Lineup.
Warum Haftbefehl nicht spielt
Eigentlich hätte auch Haftbefehl beim Frauenfeld gespielt, doch der Frankfurter Rapper, der zuletzt aufgrund einer Netflix-Doku, die seine erbarmungslose Drogensucht und deren Folgen für seine Gesundheit dokumentierte, in aller Munde war, verkündete dieser Tage bis auf Weiteres seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit. Aus gesundheitlichen Gründen.
So ergibt sich insgesamt ein vielfältiges Lineup, das bis auf EAZ & Xen nur wenige Schweizer Farbtöne zu bieten hat und dem insgesamt aber schlicht ein wenig an Überraschungsmomenten fehlt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass wir uns in einer Art Übergangsphase befinden – wohin diese mündet, das wird sich weisen.

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