von Daniel Badraun, 11.07.2013
Hotel Tanne

Katrin Sauter und Benno Muheim inszenieren im Schaffhauser Sommertheater, Karin Bucher schafft unvergessliche Bilder. Sauter kennt man von ihrem Wirken auch im Thurgau.
Daniel Badraun
Gleich hinter dem Schaffhauser Fronwagplatz steht das altehrwürdige Hotel Tanne. Beim Eingang wartet eine Gruppe Theaterbesucher. Die Glocken von St. Johann schlagen acht Mal. Ein paar Jugendliche gehen vorbei, Motorengeräusche, vom Herrenacker biegt ein roter Deux Chevaux in die Gasse ein. Aus dem Wagen steigen Johanna Abegg und ihre Tochter Sophie, sie sind eben aus Paris in die Heimat zurückgekehrt. Und damit ist man mitten in der Geschichte.
1969 und 1944
Eintauchen ins Jahr 1969. Schrille Farben, Beatles und Hendrix, Aufbruchsstimmung, Hochkonjunktur, Revolte der Jugend und erwachendes Selbstbewusstsein der Frauen. Johanna und ihre Tochter werden von der Schwester Eva-Maria begrüsst, die mit ihrem Mann das Hotel Tanne führt. Als sich die Türe hinter den Ankommenden schliesst, rumpelt ein Leiterwagen die Gasse hinauf. Marlies Abegg und ihre Töchter Johanna und Eva-Maria begutachten die Einkäufe, etwas Gemüse, Kartoffeln und einen Hasen.
Wir befinden uns im Kriegsjahr 1944, ärmlich die Kleider, vorherrschend ein tristes Beige-Grau. Eine Serviertochter mit italienischem Akzent bittet die Zuschauer ins Haus und in die Gaststube. Abwechslungsweise tauscht das Ensemble von 1969 mit demjenigen von 1944 die Plätze, langsam wird die Vergangenheit mit der Vorvergangenheit verwoben. Und plötzlich klingelt ein Handy, Irritationen, doch auch die nervende junge Frau, die ungerührt ihr Gespräch führt, ist Teil des Stücks, verkörpert die Neuzeit, die das alte Hotel als Investitionsmöglichkeit und Spekulationsobjekt sieht.
Ein Glücksfall
„Das Haus ist ein Glücksfall“, erklärt Katrin Sauter. Sie ist zusammen mit Benno Muheim verantwortlich für das Projekt und für Text und Regie ist. „Erst im Februar bekamen wir grünes Licht, dass wir hier spielen können. Wir haben hier ein kleines Zeitfenster, was danach mit der „Tanne“ geschieht, weiss niemand.“ Bereits seit November arbeiten die beiden Theatermacher mit dem Laienensemble, es wurde viel improvisiert, unzählige Begebenheiten aus der Stadt wurden miteinander verwoben und zu einzelnen Charakteren verdichtet. So wuchs die Geschichte der Wirtefamilie Abegg in den Räumen des Hotels Tanne, und die Spielerinnen und Spieler machten sich mit ihren Rollen auf den Weg in die Vergangenheit.
Die Szenografin Karin Bucher schafft Bilder, die unter die Haut gehen. Mit grosser Detailtreue sind die Räume in der Tanne ausgestattet, Kleider und Frisuren passen in ihre Zeit, unzählige Accessoires wie Zeitungen, Illustrierte, Werbeplakate, Geschirr und Stoffe erinnern das Publikum an die eigene Vergangenheit. Im Säli wird man Zeuge einer Sitzung der Frauenrechtlerinnen, im Hinterhof erlebt man zusammen mit Major Sennhauser in der Kommandozentrale die Bombardierung der Stadt Schaffhausen durch die Alliierten, bei der benachbarte Häuser zerstört, die „Tanne“ aber verschont blieb.
Im Thurgau nicht unbekannt
Katrin Sauter, aufgewachsen in Basadingen, in Kreuzlingen zur Lehrerin und in Zürich zur Theaterpädagogin ausgebildet, ist in der Thurgauer Theaterszene keine Unbekannte. In verschiedenen Funktionen engagierte sie sich am Vorstadttheater Frauenfeld und beim Jungen Theater Thurgau. In Schaffhausen kennt man sie beim Jugendclub Momoll-Theater, letzten Sommer war Sauter als Regiemitarbeiterin beim Landschaftstheater Ballenberg anzutreffen. „Mein Leben und meine Arbeit sind kaum zu trennen, darum ist es wichtig, dass ich mir bewusst Zeiträume schaffe, in denen etwas Neues entstehen kann, ich brauche solche Momente der Inspiration“, so Sauter, die ab Herbst am Jugendtheater Willisau Regie führt und in Zusammenarbeit mit dem Jungen Schauspielhaus in Zürich Workshops für eine ganze Schule macht. „Wichtig ist für mich ein ganzheitliches Theatererlebnis, mitmachen, mit allen Sinnen erfahren und ein Teil des Prozesses werden.“
Wie in einem Fotoalbum
In zwei Gruppen werden jeweils 80 Zuschauerinnen und Zuschauer fast zwei Stunden lang durch das Haus geführt, ohne dass sie sich begegnen. Einem Fotoalbum gleich, das hier und dort auf verschiedenen Seiten geöffnet wird, öffnen sich Fenster und Türen des Hauses, betritt man einzelne Szenen, erfährt, dass Vater Abegg seine Töchter schlug und dass Major Sennhauser, der später als Nationalrat das Frauenstimmrecht bekämpft, schuld daran ist, dass Johanna Schaffhausen verliess und erst nach dem Tod des Vaters mit ihrer Tochter in die „Tanne“ zurückkehrt. Es wird viel gelacht an diesem Theaterabend, ebenso oft verbreitet sich ein nachdenkliches Schweigen.
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