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von , 02.12.2016

Musik ist, was für sie zählt

Musik ist, was für sie zählt
Die fünfköpfige Band Delation mit Lilli Stuhlmann, Manuel Ried (von links), Vincenzo Restuccio, Noah Peer und Yves Gerber spielen Indie, Rock und Pop. | © Privat

Sie alle haben eine grosse Liebe: die Musik. Dafür geben Nachwuchsbands viel – auch im Thurgau. Wir haben mit Solokünstlerin Naomi Ella, dem Rap-Duo Arineff&Mizzy sowie der Band Delation über ihre Arbeit als Musiker gesprochen – sie nach ihren Träumen gefragt, und wie die Realität im Thurgau für Nachwuchsbands aussieht.

Von Julia Christiane Hanauer

Naomi Ella und Delation haben es geschafft: Sie sind am Samstagabend in der St. Gallener Grabenhalle beim Finale des Musikcontests BandXOst dabei. Ein Einzug, den Naomi Ella aus Kreuzlingen auch noch Tage später kaum fassen kann: „Ich bin überglücklich, dass ich weitergekommen bin", erzählt sie. Die Freude ist umso grösser, weil Naomi Ella unplugged auftretende Solokünstlerin ist – und somit im klassischen Sinne eigentlich keine Band. „Es kommt mega überraschend", erzählt die 22-Jährige, die ihre Musik als Mischung aus Chanson, Jazz, Soul und Pop bezeichnet.

Hörprobe (1): So klingt Naomi Ella live


Eine Band, das sind die Fünf von Delation im Alter von 17 bis 21 Jahren aus dem Raum Frauenfeld dagegen auf jeden Fall. Sie sehen es als „grosse Ehre" in St. Gallen dabeizusein und als Chance, dort vor grossem Publikum aufzutreten. Ob sie Hoffnungen auf den Durchbruch haben? Sie seien gross, die Hoffnungen, berichten Delation, „aber ebenso schwierig, vor allem in der Schweiz". Positiv sehen sie, dass es immer mehr Förderprogramme gebe, „die Plattformen haben aber durchaus noch Wachstumspotenzial", sind sie überzeugt. „Das wichtigste jedoch ist und bleibt, dass man die Freude und den Spass an der Musik nicht vergisst, denn das ist, was zählt."

Situation für Nachwuchsbands im Kanton „eher schwierig"

Zwei, die bei der Qualifikation zum Finale von BandXOst mit von der Partie waren, sind Arineff&Mizzy. Ein Rap-Duo, das sich dem Schweizerdeutsch verschrieben hat. Ihr Ausscheiden sehen sie recht gelassen, denn „dass wir es als Urban Act sehr schwierig haben werden, war uns von Anfang an klar". Warum die beiden auf Schweizerdeutsch rappen? Die Antwort liegt auf der Hand: Es „ist unsere Muttersprache und somit fällt es uns am einfachsten uns auszudrücken. Englisch oder Hochdeutsch stand nie zur Debatte". Dass sie damit ihre Hörerschaft einschränken könnten, das glauben die beiden Rapper aus Lengwil nicht. Denn die beiden 23-Jährigen hatten auch schon Auftritte im Ausland und haben nach eigenen Angaben bereits mit Künstlern aus Grossbritannien und Deutschland zusammengearbeitet. „Klar, die Leute verstehen den Inhalt nicht wirklich, trotzdem spürt man den Vibe der Songs", sind sie überzeugt. „Wenn der Flow stimmt, sollte die Sprache nicht das Hindernis sein." Ganz allgemein erachten sie die Situation für Rap im Dialekt als „sehr schwierig, da der Thurgauer Dialekt nicht wirklich beliebt ist in der Schweiz".

Gestatten, das sind Arineff&Mizzy. Das Rap-Duo setzt auf Dialekt

 

Auch Delation, deren ausschliesslich englische Songs im Genre von Indie, Rock und Pop sind, beurteilen die Situation für Nachwuchsbands im Thurgau als „eher schwierig". Zwar sehen sie ein „gewisses Wachstum an Newcomerkonzerten und Veranstaltungen", dennoch fehle es an Auftrittsmöglichkeiten. Aus eigener Erfahrung wissen sie zudem, wie schwierig es ist, einen geeigneten Proberaum zu finden. „Die Kosten für manche Proberäume sind einfach viel zu hoch für junge Musiker." Sie selbst probten zunächst in einer Schule, allerdings ohne ihr eigenes Equipment - „nicht gerade optimal". Doch nun haben sie es geschafft und „nach drei Jahren endlich einen eigenen Proberaum gefunden".

Hörprobe (2): So klingen Delation akustisch

Ein Problem, das Naomi Ella als Solokünstlerin nicht kennt. Sie komponiert ihre Songs in den eigenen vier Wänden, ein Keyboard reicht ihr dabei. Drei Jahre lang war sie Teil des Duos „Music is her boyfriend" und sammelte dabei schon einige Auslandserfahrungen – trat in Berlin sowie Paris auf und tourte drei Wochen durch den Kosovo. Heute steht sie als Naomi Ella alleine auf der Bühne und präsentiert ihre selbst komponierten Werke. „Komponieren ist Leben pur", beschreibt sie und sagt, dass es ihr sehr viel bedeute. „Es ist eine grosse Freude, wenn ich dem Publikum meine Songs zeigen darf." Sie singt zwar hauptsächlich auf Englisch, komponiert aber auch Lieder in Französisch oder Deutsch. Die Sprache gebe dem Song einen speziellen Charakter, beschreibt sie ihre Entscheidung. „Ich finde es spannend, damit zu spielen."

Social Media, Website, Contests und Klinken putzen

Die Kreuzlingerin plant ihren Bekanntheitsgrad zu steigern, indem sie direkt mit Konzertveranstaltern in Kontakt treten oder an Contests teilnehmen möchte. Zudem meinst sie: „Wenn man ehrgeizig ist, gibt es viele kleine Veranstaltungsorte, wo man auftreten kann." Für Buchungen sei zudem eine gute Facebook-Seite unumgänglich. „Ohne Facebook existiert man gar nicht", sagt Naomi Ella. Hier sei die Wahrscheinlichkeit, dass jemand zufällig auf der Seite lande, wesentlich höher als bei einer Webseite, die man gezielt suchen müsse.

Auch Delation und Arineff&Mizzy haben jeweils Seiten in dem sozialen Netzwerk. „Die Leute verbringen viel Zeit an Handy und Computer und sind somit auf den sozialen Netzwerken unterwegs. Will man als junge Band möglichst einfach an die Leute rankommen, führt praktisch kein Weg an Social Media vorbei", meinen Delation, die zudem eine eigene Webseite haben. Und auch Arineff&Mizzy bestätigen: „Es ist sicher sehr wichtig, in der heutigen Zeit auf sozialen Medien wie Facebook und Co. vertreten zu sein." Youtube spielt ebenso eine grosse Rolle: Alle sind dort zu finden, Naomi Ella hat einen eigenen Channel und von Delation findet man dort sogar ein offizielles Video für ihren Song „Here we go". Für Veranstalter könne das eine grosse Entscheidungshilfe sein, ob sie eine Band buchen oder nicht, sind Delation überzeugt. Für Naomi Ella ist Instagram zudem ein wichtiges Werkzeug. Durch den Hashtag würden Menschen mit denselben Interessen auf einen aufmerksam, erläutert sie.

 


Hörprobe (3): So klingen Arineff&Mizzy

 

Um für Auftritte gebucht zu werden, nutzen Solokünstlerin, Duo sowie Band zwei Varianten: Bewerbungen an Veranstalter schreiben oder sie kennen jemanden, in dessen Location sie auftreten können. „Am besten funktioniert's immer noch, wenn man direkt mit den Leuten spricht", meinen Arineff&Mizzy und Delation sagen: „Mit der Zeit folgen 'Kettenreaktionen'. Man spielt in einer Location und wird nach dem Konzert angesprochen auf einen weiteren Auftritt."

Musik nicht des Geldes wegen

Auch was die finanzielle Seite betrifft, ähneln sich die Geschichten: Alle finanzieren sich selbst. Die Kosten halten sich bei Naomi Ella in Grenzen. Sie hat bisher eine Grundinvestition getätigt – in Keyboard und ein Tonstudio. Anders sieht es bei Delation aus. „Unsere Musik finanzieren wir bis anhin selbst aus unseren Einnahmen", erzählen sie. Davon bezahlt werden müssen beispielsweise der Proberaum, die Kosten für die Webseite, das Pressen der EP und vieles mehr. Auch Arineff&Mizzy finanzieren sich selbst, sagen aber auch: „Wir machen Musik nicht wegen dem Geld."

Naomi Ella live auf der Bühne beim Vorentscheid von bandXost in Kreuzlingen. Bild: privat

 

So unterschiedlich die Künstler in ihrer Musik auch sind, in einigen Dingen sind sie sich sehr ähnlich. In der Bedeutung vom Musikmachen geben sie alle die gleiche Antwort. „Es ist ein Ausgleich. Wir können Ausbrechen aus dem Alltag und fühlen uns frei, wenn wir Musik machen", heisst es von Arineff&Mizzy. Delation formulieren es als „eine Art Zuflucht". Es sei schön, abschalten zu können und „sich einfach den Melodien hinzugeben". Und Naomie Ella formuliert es so: „Musik machen ist für mich Glück. Wenn ich nicht Musik mache, ist es, als würde ich die Luft unter Wasser anhalten. Es geht für eine Weile, aber irgendwann braucht man wieder Sauerstoff beziehungsweise die Musik." Und was wollen sie damit bewirken? Sie alle wollen die Zuhörer mit ihrer Musik berühren, Emotionen weitergeben oder auslösen und den Zuhörern das Gefühl geben, dass sie sie verstehen.

Von der Festival-Hauptbühne bis hin zur Europatournee

In zehn Jahren, da sehen sie sich dann aber doch wieder alle woanders. Naomi Ella meint: „Zufrieden mit noch mehr Songs, die ich regelmässig für ein grösseres Publikum spiele." Arineff&Mizzy wollen bis dahin einmal auf einer Festival-Hauptbühne gespielt haben. Delation – sie haben wohl die ambitioniertesten Pläne und wollen in zehn Jahren mehr Auslandserfahrungen haben oder sogar eine Europatournee gemacht und einige CDs veröffentlicht haben. Das wahrscheinlich aber wichtigste: „Natürlich sehen wir uns in zehn Jahren immernoch als eine Band mit viel Spass an der Musik." Trotz allem: Auf eine reine Musikkarriere setzt keiner der Acht. Die einen gehen noch zur Schule, die anderen studieren, arbeiten oder sie machen eine Lehre.

Egal, wohin ihr Weg die acht Musiker auch führen wird und ob sich ihre Hoffnungen und Wünsche erfüllen werden, die eine grosse Liebe wird sicherlich bleiben: die Musik. Denn für diese leben die Newcomerbands – und sind bereit dafür in ihren jungen Jahren viel zu investieren, Träume und Hoffnungen inklusive. Und wer weiss, vielleicht erfüllt sich für Naomi Ella oder Delation schon am Samstag der erste Traum und sie holen den Sieg beim BandXOst.

 

Termin: Das Finale des bandXost-Wettbewerbs findet statt am Samstag, 3. Dezember, in der Grabenhalle in St. Gallen. Türöffnung ist um 19 Uhr, Beginn um 20 Uhr. Alle Infos zu Anfahrtswegen und zur Veranstaltung findet ihr entweder auf der Facebook-Seite oder der Homepage des Wettbewerbs

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