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Ostschweiz für Fortgeschrittene

Ostschweiz für Fortgeschrittene
Wollen gemeinsam die Seele der Ostschweiz ergründen (von links): Sandro Schneebeli, Oliver Kühn und Martina Flück. | © Theater Jetzt

Das Sirnacher Theater Jetzt will mit seinem neuen Stück „Trainingslager“ nicht weniger als die Seele der Ostschweiz ergründen. Premiere ist trotz Corona am 20.November.

Es ist nicht eben wenig, was das Theater Jetzt verspricht: „Endlich die Ostschweiz verstehen!“ lautet der Slogan mit dem das Sirnacher Ensemble um Oliver Kühn für seine neue Produktion „Trainingslager“ wirbt. Am 20. November ist Premiere in der Militärkantine St. Gallen, danach folgt eine Tournee durch die Ostschweiz.

Worum geht es in dem Stück? „Ich lebe schon ziemlich lange in der Ostschweiz und trage seit Jahren einen Rucksack an Themen mit mir rum, die ich gerne mal auf die Bühne bringen wollte“, sagt Oliver Kühn im Gespräch mit thurgaukultur.ch. Damit meint er vor allem Schlagworte wie Identität, Mentalität und den oft beschriebenen Kantönligeist in der Gegend.

Erzählen will er diese Geschichte an einem historischen Beispiel: Der Planung eines Olympiastadions. 1929 erschien tatsächlich in einer „Schreibmappe“ der Buchdruckerei „Zollikofer & Cie“ in St. Gallen eine Planzeichnung, die detailliert beschreibt, wie ein solches Stadion hätte aussehen können. Und so treffen in „Trainingslager“ vier Ostschweizer Archetypen aus den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden im fiktiven Olympiakomitee aufeinander und merken dabei schnell, dass ihnen ihre unterschiedlichen Mentalitäten und Denkweisen bei dem gemeinsamen Projekt im Weg stehen.

Die gescheiterte EXPO 2027 schwebt über dem Stück

Entstanden ist das Stück, wie üblich beim Theater Jetzt, aus einem grundsätzlichen Interesse am Thema und einer darauf folgenden Recherche. Im Fokus dabei waren vor allem die Diskussionen um eine mögliche EXPO 2027 in der Ostschweiz. Die StimmbürgerInnen bodigten das Projekt schon bei der Abstimmung über einen Planungskredit im Jahr 2016. Richtig aufgearbeitet wurde das damalige Scheitern nie.

Einer der Gesprächspartner in der Vorbereitung des Stücks war Martin Heller: Planungsdirektor der EXPO 2002 und designierter Berater der geplanten EXPO 2027. Weitere ProtagonistInnen von damals, wie Marco Sacchetti (Pro EXPO 2027, Generalsekretär des Thurgauischen Departementes für Bau und Umwelt) und der Nationalrätin Esther Friedli (Contra EXPO 2027, SVP, St. Gallen) wurden ebenfalls befragt. Eine Bilanz dieser Gespräche sei, so Oliver Kühn, dass Eifersucht, Neid und sehr viel Eigenbrötlerei die Beziehung der Ostschweizer Kantone prägten.

Auch Masken spielen eine Rolle in der neuen Produktion des Theater Jetzt. Bild: zVg

Neid, Eifersucht und sehr viel Eigenbrötlerei

„Es ist doch erstaunlich, dass die Region nie gemeinsam etwas Grosses hinbekommen hat. Warum geht hier nicht, was anderswo geht?“, fragt sich Oliver Kühn. Die Recherche für sein Stück hat ihn auf zwei Antworten gebracht. Erstens: Der Wille, etwas gemeinsam zu machen ist grundsätzlich da. Aber nur dann, wenn man im eigenen Kanton bleibt. Zweitens: Das grosse Stadt-Land-Gefälle, das alle Ostschweizer Kantone kennen. Gegenseitige Vorbehalte von Stadt- und Landbevölkerung halten sich beharrlich in den Köpfen der Menschen. Und erschweren so ein gemeinsames Vorgehen.

Das Stück, das nach der Recherche gemeinsam mit dem Ensemble fortentwickelt wurde, soll dabei helfen, diese wesentlich Debatte über das Miteinander neu anzustossen. Fragt man Oliver Kühn, ob er denn jetzt nach der ganzen Recherche endlich die Ostschweiz verstanden habe, dann hält er kurz inne und sagt dann: „Ich weiss nicht, ob ich es wirklich verstanden habe, aber meine Sympathie für die Ostschweiz ist durch die Arbeit an dem Stück deutlich gewachsen.“

 

Alle Aufführungstermine & Corona-Konzept

Die Termine: Premiere ist am Freitag, 20. November, 20 Uhr, in der Militärkantine St. Gallen. Weitere Aufführungen dort am 22., 27. und 29. November.

 

Danach folgt eine kleine Tournee durch die Ostschweiz:

 

6. Dezember: Sirnach Yves’s Scherereien (ausverkauft)
22. & 23. Januar: Militärkantine St. Gallen
27. Januar: Schloss Grünenstein, Balgach
29. Januar: Kult-X, Kreuzlingen
7. Februar: Rössli, Trogen
10. Februar: Stuhlfabrik Herisau
12./13./14. Februar: Militärkantine St. Gallen

Tickets für alle Termine gibt es über die Website des Theaters. Die Preise sind gestaffelt: Corona-Unterstützungspreis (40 Franken), Mindestpreis (30 Franken).

 

Musik-Theater in Corona-Zeiten? Das geht bei dieser Produktion, war doch von Anfang an gedacht, das Ganze als «Kammer-Musical» zu zeigen. Maximal 40 Personen mit Schutzmaske können sich das Stück anschauen, ein Corona-Konzept ist erstellt.

 

Das Team:

Idee/Recherche: Oliver Kühn
Spiel: Martina Flück, Oliver Kühn, Sandro Schneebeli
Musik: Sandro Schneebeli
Produktionsleitung: Jacques Erlanger, Liselotte Hunziker-Kraessig
Bühnenbau: Stefan Kreier
Kostüme: Joachim Steiner

 


 

 

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