25.03.2010
Pfeffern auf hohem Niveau

Alex Bänninger, Autor des Thurgauer Kulturfahrplans, äussert sich zur Ablehnung des Konzert- und Kongresshauses in Konstanz, zu Schmerzgrenzen und zum Pfeffer in der Kultur.
Herr Bänninger, am Sonntag haben die Konstanzer in einem Bürgerentscheid mit Zweidrittelmehrheit den 60-Millionen-Euro-Bau eines Konzert-und Kongresshauses (KKH) abgelehnt. Sie selber haben im Kulturfahrplan 2004 der Stiftung Think Tank Thurgau kulturelle Leuchttürme propagiert. Hätte das KKH ein solcher sein können?
Alex Bänninger: Ja. Es wäre allerdings sehr wünschenswert gewesen, das Projekt überregional zu entwickeln, sicher in enger Zusammenarbeit mit Kreuzlingen.
Das KKH hätte unter anderem der Südwestdeutschen Philharmonie mit ihren 60 festangestellten Musikern eine neue Aufführungsbasis ermöglichen sollen. Ein kulturelles Angebot von hoher Qualität also, das manchen elitär erscheinen mag. Die Polemik im Vorfeld des Bürgerentscheids war denn auch entsprechend heftig. Haben Ausgaben für Hochkultur in dieser Grössenordnung heute überhaupt noch Chancen?
Bänninger: Durchaus. Das KKL, das Kongress- und Kulturzentrum Luzern, ist eines der schönsten Beispiele. Solche Vorhaben gelingen, wenn das Programm besticht, die Bau- und Betriebsfinanzierung aus öffentlicher und privater Hand gesichert ist und das politische Umfeld stimmt, also keine Versuchung besteht, über ein anspruchsvolles Projekt mit der Politik und den Behörden abzurechnen. Letzteres spielte in Konstanz offenbar eine folgenschwere Rolle.
Der Thurgau unter Federführung des Kulturamts wünscht sich im Kanton eine Qualitätsdebatte über Kultur. Wer soll sie – gerade vor dem Konstanzer Hintergrund – führen und wie wären Ihrer Meinung nach die Kriterien zu definieren?
Bänninger: Die Auseinandersetzung über die kulturelle Qualität muss ein laufender Prozess sein mit dem Ziel, die Leistungen der Kulturschaffenden, Kulturvermittler und Kulturförderer zu steigern und zu profilieren. Selbstzufriedenheit ist lähmend. Der Kanton soll sich an diesem Diskurs beteiligen, ohne ihn jedoch bestimmend zu führen. Von den Medien erwarte ich eine kritischere Haltung mit der Bereitschaft, die Schmerzgrenzen zu missachten und das bloss gut Gemeinte als das Gegenteil des Guten zu benennen. Ein für allemal gültige Kriterien gibt es nicht. Über sie muss immer wieder neu und heftig gestritten werden, auch mit Vergleichen aus der internationalen Szene. Das gehört zum Wesen der Kultur.
Mit der Internetplattform thurgaukultur.ch glaubt das Kulturamt eine Möglichkeit geschaffen zu haben, einer solche Qualitätsdebatte Raum zu geben. Was bräuchte es, um sie wirkungsvoll anzustossen?
Bänninger: Die Plattform muss bekannter werden. Und sie sollte sich aufs professionelle Kulturschaffen konzentrieren. Wer allen dienen will, dient niemandem. Querfeldein entsteht keine Qualitätsdebatte.
Zurzeit findet im Blog des Kreuzlinger Medienpädagogen Kurt Schmid ein reger Austausch über die Notwendigkeit einer kantonalen Kulturlobby statt. Ursprünglich hatten Sie diese Idee im Kulturfahrplan als Postulat Nr. 22 formuliert. Kulturamtchef René Munz bedauerte im Magazin von thurgaukultur.ch im Juni 2009 ausdrücklich, dass es nicht gelungen sei, «eine spürbare Kulturlobby zu bilden». Gibt es jetzt Hoffnung?
Bänninger: Es ist das Verdienst Kurt Schmids, von der Idee zur Tat zu schreiten. Noch ist für mich offen, wohin der Weg führt.
Was wäre denn der beste Weg?
Bänninger: Der Aufbau dessen, was eine Lobby nun mal ist: eine eindrücklich starke Gruppe, die mit klaren und konkreten Interessen die kulturpolitischen Entscheide wirkungsvoll beeinflusst.
Herr Bänninger, im Thurgau stehen zwar nicht Millionen-Neubauten, aber Projekte wie etwa ein multifunktionales Kulturzentrum oder die Erneuerung bestehender Museen zur Diskussion. Werfen wir vor diesem Hintergrund noch einmal einen Blick auf Konstanz. Hat der Südwestdeutschen Philharmonie möglicherweise eine schlagkräftigere Kulturlobby gefehlt?
Bänninger: Es könnte sein, dass die Ja-Lobby zu massiv aufgetreten ist und dennoch auf wichtige Fragen – Finanzierung, Verkehr – keine überzeugenden Antworten wusste. Mit dem Kopf durch die Wand genügt nicht. Es muss ein kluger und schlauer Kopf sein.
Kurt Schmid ist, wie Sie sagen, zusammen mit Blog-Kommentatoren an seinem privaten Küchentisch zur Tat geschritten und hat die Schaffung einer kantonalen Kulturlobby eingeleitet. Sind Sie, Herr Bänninger, mit von der Partie?
Bänninger: Ja: neugierig abwartend.
Und wie finden Sie den Namen Kulturpfeffer?
Bänninger: Der französische Journalist René Fallet sagte: «Alle grossen Maler haben getrunken. Richtig gepfeffert. Van Gogh, Utrillo: die Wasserfarben waren ihre Stärke nicht.» Auf dieser Höhe ist Kulturpfeffer gewiss ein viel versprechendes Programm. (Interview: tgk)
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