von Rolf Müller, 25.11.2014
Schöner Schule

Hei, da wirft der Thurgau wieder einmal weite Wellen, mediale zumindest, und es hat nichts mit Frühfranzösisch, aber schon mit Schule zu tun. Ein Dresscode für Lehrpersonen bewegt die Gemüter bis zur Elbe.
Rolf Müller
NZZ, 20 Minuten, Süddeutsche, Spiegel online… alle haben die Geschichte gebracht, die in Kreuzlingen anfangs Monat im Seminar „Auftreten, wirken, begeistern“ für Lehrpersonen (wie das jetzt heisst) begann.
Teil der Weiterbildung der Volksschule Kreuzlingen – rund 300 Lehrer und Lehrerinnen, die 2000 Schülerinnen und Schüler unterrichten – war die Auseinandersetzung mit der eigenen Wirkungskompetenz, etwa mittels Stimmtrainern oder eben Workshops zur Frage: Welche Garderobe schickt sich für Lehrpersonen im 21. Jahrhundert für den täglichen Unterricht? Denn Kleider machen Leute, auch Lehrer. Aus den Erkenntnissen wurde dann ein Dresscode als „Empfehlung“ abgeleitet.
Als Experte für diese Workshops wirkte Stilberater Jeroen van Rooijen, bekannt aus Funk und Fernsehen und erst noch aus dem Thurgau. Weil der auch als Journalist tätig ist, schilderte er seine Erfahrungen mit der Schule Kreuzlingen gleich selbst in einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung.
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Gut, Lehrer sein ist wirklich kein Zuckerschlecken. Lehrpersonen haben einen dichten Stoffplan und sehen sich immer mehr mit Erziehungsdefiziten von Kindern konfrontiert, die die Eltern dann oft ganz anders beurteilen. Ein Job mit vielen Fronten, Ansprüchen und Erwartungen. Nichts mehr mit Respekt von Amtes wegen. Wer unsicher vor eine Klasse tritt, erlebt, dass die Kids den Ton angeben.
Verdankenswert darum, dass die Schule Kreuzlingen dem Thema Wirkungs- und Auftrittskompetenz eine Weiterbildung gewidmet hat. Was den gemeinsam erarbeiteten Dresscode betrifft: Der versteht sich als Empfehlung, ist unverbindlich und Zuwiderhandlungen werden auch nicht sanktioniert. Gleichwohl es auf Facebook nicht nur positive Kommentare gegeben hat („Verbreitet doch bitte den Quatsch nicht noch weiter“), dürften einige Lehrpersonen froh um den gebotenen Support sein.
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Das findet auch Walter Berger, Chef des kantonalen Amts für Volksschule, gut. Er erinnert sich noch lebhaft daran, dass zu seiner Zeit als Schüler Primar- und Sekundarlehrer im Anzug unterrichteten. Sie wurden als Kontrastprogramm abgelöst von den flockigeren Alt-68ern – und heute, auch das eine Erkenntnis aus den Workshops, schätzen jüngere Lehrpersonen klarere Regeln wieder eher als ältere Kollegen.
Bemerkenswert auch, dass van Rooijens Artikel mit Fokus auf dem Dresscode für Lehrer dermassen für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Offensichtlich trifft das Thema einen Nerv, weit über den Thurgau hinaus.
Walter Berger, der kantonal keinen generellen Handlungsbedarf ausmacht, sieht es pragmatisch: „Ich habe als Schulinspektor früher auch dann und wann einem Lehrer sagen müssen, dass seine Bekleidung jetzt nicht so optimal ist.“ Adäquate Kleidung ist eben auch Stil- und Kulturfrage.
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Medienspiegel zum Thema:
So sollten sich Lehrer kleiden - NZZ vom 20.11.2014
Stil-Nachhilfe an der Tafel - Süddeutsche Zeitung vom 23.11.2014
Dresscode für Lehrer - Spiegel Online Campus
«Ich will Lehrerin sein und kein Ausstellungsstück» -
20 Minuten vom 25.11.2014

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