von Inka Grabowsky, 30.11.2015
Von einem Extrem ins andere

Himmelhochjauchzend begeisterte Sabine Domogala im Kreuzlinger Theater an der Grenze. Zu Tode betrübt brachte Nico Semsrott tags darauf das Publikum zum Lachen.
Die Programmleiter der kleinen Bühne hatten sich wirklich etwas überlegt. „Sabine Domogala baut uns als vermeintliche Motivationstrainerin auf“, hatte Birgit Auwärter angekündigt. „Nico Semsrott zerschlägt in seiner Stand-up Tragedy wieder alles.“ Rund ein Dutzend Zuschauer gönnte sich dieser Idee folgend beide Vorstellungen, die meisten Besucher waren mit nur einem Event zufrieden. Sie haben jeweils etwas verpasst.

Sabine Domogala im Einsatz für das Seelenheil ihres Publikums. (Bilder: Inka Grabowsky)
Entlarvendes Persönlichkeitstraining
Domogala als Vertreterin des „Berufsverbands Lebenshilfe – Retten auf Rechnung“ erzählte mit penetrantem Dauergrinsen eine Ungeheuerlichkeit nach der nächsten. Die Zuschauer mutieren zu Seminarteilnehmern, die lernen wollen, ihre Schwächen zu umarmen. Mehr Glück und mehr Zufriedenheit verspricht sie – man müsse nur für 60 Euro eine Reichtumskerze kaufen, die nur von aussen wie ein simples Teelicht aussieht. „Unser Leben ist voller Glücksquellen“, doziert mit den lebhaften Gesten eines Verkaufstrainers. „Helfen macht glücklich: Wenn jemand Sie nach dem Weg fragt, weisen Sie ihm die Richtung – auch wenn Sie keine Ahnung haben. Sie müssen sich vom Erfolgsdruck befreien.“

"Das Gefühl möchte ich mit ihnen teilen!" Domogala kennt sie alle, die Grusskartensprüche der Emo-Beratungs-Industrie.
Die Kabarettistin vom Niederrhein lässt keine Floskel aus: „Gehen Sie in Ihren Schmerz – die Gruppe trägt das“, „Ich spiegle das mal zurück“, „Sie müssen sich erden“, „Das Gefühl möchte ich mit Ihnen teilen“, „An dem Thema müssen wir intensiv arbeiten“: die Liste ist schier unendlich. Zwischendrin aber schafft sie Bilder, die einzigartig sind. Die Glückskröte, die vor einem davonhüpft, so dass man sie nur von hinten sieht, wird vielen Zuschauern im Gedächtnis bleiben.
Depression als Wachstumsmarkt
Statt übertrieben fröhlich betritt Nico Semsrott unter dem Motto „Freude ist nur ein Mangel an Information 2.0“ müde und traurig die Bühne. Er ist schliesslich Demotivationstrainer. „Nach sechs Wochen Studium habe ich mich entschieden, mich auf das zu konzentrieren, was ich am besten kann: Zweifeln und Resignieren.“ Kein Wunder, dass er aus der negativen Denkspirale nicht herauskommt. Überall entdeckt er Widersprüche, auch im eigenen Leben: „Ich kann von meiner Kapitalismus-Kritik leben – das ist doch absurd“, sagt er.

Sowohl seine putzig-positive als auch die polemisch-provokative Power Point Präsentation zeigen seine desillusionierende Weltsicht. „97 Prozent der Menschheit sind Vollpfosten, nur 3 haben es voll drauf. Und wenn man richtig Pech hat, trifft man auf ein Arschloch, dass es voll drauf hat.“
Der 29-jährige Hamburger hat das Prinzip des Positiv-Negative-Thinking entwickelt: Wer das Ziel hat, unglücklich zu sein, wird es möglicherwiese erreichen und insofern doch glücklich werden. Deshalb also bemüht sich der Satiriker während der Vorstellung nicht ein einziges Mal selbst zu lachen. Und um sich zu motivieren, spendet er in Kreuzlingen zehn Franken für jeden Lacher, der ihm doch herausrutscht, an die Junge SVP.

So ganz und gar nichts zu lachen: Nico Semsrott.
Fast wäre er billig davon gekommen, doch beim tosenden Schlussapplaus schleicht sich ein breites Grinsen in sein Gesicht. Er hatte es selbst prophezeit: „Ich verfehle konsequent alle Ziele.“ Nach diversen Zugaben wechseln doch einige Zehner-Nötli von der linken in die rechte Hosentasche.
Am Ende der beiden Vorstellungen haben beide „Trainer“ ihr Ziel erreicht: Ihre Seminarbesucher verlassen den Zuschauerraum glücklicher als sie gekommen sind.
Die nächste Vorstellung im Theater an der Grenze bestreitet Nils Althaus am 5. Dezember mit seinem Programm „Apfänt, Apfänt“.

Von Inka Grabowsky
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