von Inka Grabowsky, 12.01.2026
Was sind uns Kunst und Kultur wert?

Beim Geld endet die Freundschaft, heisst es. Die Debatte um die Wirtschaftlichkeit von Kulturveranstaltungen zeigt - das könnte auch für das Verhältnis zwischen Künstler:innen und ihrem Publikum gelten. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)
«Kultur ist eine Branche, in der keiner bezahlt, was es kostet», sagt Barbara Haller von Apollo in Kreuzlingen. Der Staat und die Kirche finanzierten zwar einiges – aber das entspreche nicht dem, was der Kulturbetrieb brauche. Vreni Ellenbroek vom Theater an der Grenze bestätigt: «Schwarze Zahlen schaffen wir nur durch die Beiträge von Kanton, Stadt und unseren Vereinsmitgliedern.»
Stephan Militz, der mit dem Verein Kultur Worx unter anderem Konzerte veranstaltet, machte im Herbst mit einem Brandbrief auf das Thema der mangelnden freiwilligen Zahlungsbereitschaft aufmerksam. Er bekam Rückmeldungen, nach denen es falsch sei, Musiker:innen, die an einer Jamsession teilnehmen, Eintrittsgelder abzuverlangen.
Wie sehen die Gesamtkosten einer Kulturveranstaltung (z. B. Konzert, Theaterabend, Lesung) in der Schweiz mit bis zu 200 Besucher:innen aus? Diese Frage haben wir Chat GPT gestellt. Wichtig zu sagen: Die Zahlen des Chatbots sind typische Richtwerte und können je nach Ort, Kanton, Genre und Professionalität stark variieren.
📌 Annahmen zur Veranstaltung
· Art: Abendveranstaltung (Konzert/Theater)
· Besucherzahl: max. 200
· Dauer: ca. 3–4 Stunden inkl. Aufbau
· Ort: Gemeinde- oder Kulturzentrum
· Eintritt: kostenpflichtig
· Technik: professionelle Basis-Ausstattung
💰 Beispielrechnung – Kostenübersicht
1. Künstler:innen & Programm
Gage Hauptact
3’000 CHF
Nebenkünstler / Support
800 CHF
Reise- & Übernachtungskosten
600 CHF
Zwischensumme
4’400 CHF
2. Location & Infrastruktur
Raummiete
1’200 CHF
Reinigung
300 CHF
Sicherheit / Hausdienst
400 CHF
Zwischensumme
1’900 CHF
3. Technik (Ton / Licht / Bühne)
Tonanlage inkl. Techniker
1’200 CHF
Lichttechnik
700 CHF
Bühnen- & Backline-Miete
600 CHF
Zwischensumme
2’500 CHF
4. Personal
Veranstaltungsleitung
600 CHF
Einlass / Kasse (2 Personen)
500 CHF
Technik-/Aufbauhelfer
400 CHF
Zwischensumme
1’500 CHF
5. Marketing & Kommunikation
Plakate & Flyer
350 CHF
Online-Werbung / Social Media
300 CHF
Pressearbeit
200 CHF
Zwischensumme
850 CHF
6. Abgaben, Versicherungen & Sonstiges
Ticketing (externe Plattform, teils übernommen):
500 CHF
SUISA-Gebühren
300 CHF
Veranstalter-Haftpflicht
250 CHF
Bewilligungen
200 CHF
GEMA-ähnliche Abgaben / Rechte
150 CHF
Zwischensumme
900 CHF
7. Reserve / Unvorhergesehenes (~5–10 %)
Reserve
700 CHF
🧾 Gesamtkosten der Veranstaltung
Künstler:innen & Programm
4’400 CHF
Location & Infrastruktur
1’900 CHF
Technik
2’500 CHF
Personal
1’500 CHF
Marketing
850 CHF
Ticketing, Abgaben & Versicherungen
1'400 CHF
Reserve
700 CHF
🔴 Total
13'250 CHF
🎟️ Break-even-Beispiel
· 200 Besucher × 66,25 CHF Eintritt = 13’250 CHF
Das heisst, um die Kosten zu decken müssten mindestens 200 Besucher:innen kommen und den Eintrittspreis von 66,25 CHF zahlen. Bei jedem Zuschauer weniger, zahlt der Veranstalter drauf.
«Gleichzeitig erwarten dieselben Leute, dass Profimusiker und Musikerinnen für ein Taschengeld auftreten – während sie privat fünf Streaming-Abos haben, Netflix zahlen und Spotify selbstverständlich auch.» Bei internationalen Stars seien dieselben Menschen plötzlich bereit, 300 bis 500 Franken für ein Ticket zu zahlen – einfach, um sagen zu können, sie seien dabei gewesen. «Aber bei der lokalen Szene wird dann gespart oder diskutiert. Diese Anspruchshaltung, alles gratis konsumieren zu wollen, während professionelle Arbeit entwertet wird, ist schlicht ein Ausdruck von Schmarotzertum», so Militz.
Tücken des Ticketings
Theaterkarten kauft man traditionellerweise vorab oder an der Abendkasse. Das ist auch beim Theater an der Grenze so. «Wir haben eine Kollekte nie ausprobiert», räumt Co-Präsidentin Vreni Ellenbroek ein. Der Verein arbeitet mit Ticketpark zusammen. Sieben Prozent des Ticketpreises kostet das als Gebühr.
Die Zusammenarbeit mit dem Dienstleister funktioniere gut. «Innerhalb von zwei bis drei Tagen gibt es die Abrechnung. Nur ein Viertel der Besucher kommt an die Abendkasse. Ich wüsste nicht, wie wir das ohne externen Dienstleister schaffen sollten. Man zahlt, damit die ehrenamtlichen Helfer weniger Arbeit haben.»
Diejenigen, die nicht online buchen wollen, gehen in die Kreuzlinger Buchhandlung Bodan, die für Buchung und Ausdruck zwei Franken extra berechnet. «Für uns ist das eine sehr komfortable Lösung, die auch von unseren Besuchern geschätzt wird.»
Fördergelder können den notwendigen Ticketpreis deutlich reduzieren und Kulturveranstaltungen wirtschaftlich stabiler und sozial zugänglicher machen. Eine vergleichende Beispielrechnung mit Hilfe von ChatGPT.
🔁 Ausgangslage
Gesamtkosten inkl. Ticketing: 13’350 CHF
Max. Besucher: 200
🎟️ Vergleich: Eintrittspreise ohne Förderung
Variante 1: Volle Auslastung (200 Personen)
13’350 ÷ 200 = 66.75 CHF
➡️ empfohlener Eintrittspreis: 65–70 CHF
Variante 2: Realistisch (150 Personen)
13’350 ÷ 150 = 89.00 CHF
➡️ empfohlener Eintrittspreis: 85–90 CHF
🏛️💼 Vergleich: Eintrittspreise mit Förderung & Sponsoring
Annahme Fördergelder
Gemeinde / Kanton / Stiftungen / Sponsoring: 6’500 CHF
Verbleibender Betrag durch Ticketverkauf
13’350 – 6’500 = 6’850 CHF
Variante 3: Gute Auslastung (200 Personen)
6’850 ÷ 200 = 34.25 CHF
➡️ empfohlener Eintrittspreis: 32–35 CHF
Variante 4: Realistisch (150 Personen)
6’850 ÷ 150 = 45.67 CHF
➡️ empfohlener Eintrittspreis: 45–48 CHF
📊 Übersicht: Eintrittspreise im Vergleich
❌ Ohne Förderung (200 Pers.)
65–70 CHF
❌ Ohne Förderung (150 Pers.)
85–90 CHF
✅ Mit Förderung (200 Pers.)
32–35 CHF
✅ Mit Förderung (150 Pers.)
45–48 CHF
➡️ Reduktion um 35–50 %
Veranstalter:innen und Kulturschaffende könnten die Fördergelder allerdings auch anders einsetzen als zur Senkung der Ticketpreise.
Zum Beispiel hierfür:
· Gagen erhöhen
· Barrierefreiheit finanzieren
· Schul-/Sozialtickets anbieten
· Mehr Marketing investieren
Manchmal muss man auch persönlich vorbeikommen
Die Bühni Wyfelde nutzt den externen Service «Ticketleo» mit platzgenauer Reservierung. «Seit ein paar Jahren wählen neunzig Prozent der Menschen diese Möglichkeit», sagt Vereinspräsidentin Marta Wechsler. Das Publikum könnte auch telefonisch beim Theaterhaus Thurgau reservieren.
Und eine Ausnahme gilt für die Premiere an Silvester: «Seit uns da mal der Server zusammengebrochen ist, muss man für die beiden Vorstellungen persönlich im Theaterhaus Weinfelden vorbeikommen oder sein Glück am Telefon versuchen.»
Kollekten können funktionieren
Recht gut mit der Variante Kollekte lebt das Filmforum KuK. «Es hat sich so ergeben», erzählt Stefan Döhla. «Am Anfang war es bei uns eher improvisiert. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten Leute einen angemessenen Beitrag geben, wenn wir vor der Vorführung auf die Kollekte hinweisen.» Das wird dadurch erleichtert, dass das Filmforum mit ca. 500 Franken Fixkosten pro Vorführung für Raummiete und Gebühren für den Filmverleih auskommt.
Wird eine Kollekte erhoben, zahlt man eine Pauschale. Verkauft man Tickets, zahlt man pro Person einen Anteil, was die Abrechnung komplizierter macht. «Wir haben im Augenblick keine Kinotechnik, sondern einen Beamer und Lautsprecher. Vielleicht ändern wir das Konzept nach dem Umbau des Kult-X und überlegen neu», so Stefan Döhla.
«Was aber bleiben wird, sind die sozialen Gründe für die Kollekte. Jeder soll ins Kino kommen können. Wir betrachten dabei auch die Gehaltsunterschiede zwischen Konstanz und Kreuzlingen.»
Oft denken zu viele Leute, es sei gratis
Ebenfalls mit einer Kollekte arbeitet das Orchester Divertimento. Es besteht aus Amateuren, die sich professionelle Stimmführende leisten und einen professionellen Dirigenten. Bei den beiden jährlichen Konzerten in Kreuzlingen und in Konstanz soll es dafür über eine Kollekte einen kleinen «Return on Investment» geben. «Doch viele Leute denken, es sei gratis», sagt die Präsidentin des Vereins Eva Hofacker.
«Im Programmheft machen wir deshalb zur Orientierung einen Vorschlag: 20 bis 25 Franken für Konzerte auf Schweizer Seite respektive 15 bis 20 Euro für Konzerte auf deutscher Seite.» Manchmal sei es aber enttäuschend und nicht wertschätzend, wenn durchschnittlich nicht mal die Hälfte davon gespendet wird. Der Gedanke liegt nahe, dass nicht nur die Bedürftigen wenig geben.
Im Apollo zahlt man gestaffelte Eintrittspreise
Die Enttäuschung kann Barbara Haller vom Apollo in Kreuzlingen nachvollziehen: «Eine Kollekte, die nach einer Veranstaltung erhoben wird, funktioniert nach unserer Erfahrung kaum. Einige Leute weichen aus und laufen einfach raus, ohne zu zahlen. Der Riesenaufwand, der in der Kultur betrieben werden muss, wird nicht immer wertgeschätzt. Wir machen das nur, wenn Veranstalter darauf bestehen.»
Natürlich habe nicht jeder im Publikum das gleiche Einkommen, so Haller weiter: «Mitunter ist es für die Stimmung grossartig, wenn Fans kommen, die zwar Interesse, aber kein Geld haben.»
Das Apollo hat als Kompromiss die «pay what it's worth»-Variante eingeführt: «Wir verlangen vor dem Eintreten in den Saal einen Obolus: den Standardpreis, das Fanticket, den kleinen Preis oder den Studierenden-Beitrag. Wer ankommt, entscheidet, was er bereit ist zu geben. Die meisten – also 60 bis 70 Prozent – wählen den mittleren Preis. Damit kann man kalkulieren.»
Je nach Ziel der Veranstaltung
Das Tecum, das Zentrum für Bildung und Spiritualität der evangelischen Landeskirche, fährt bewusst zweigleisig: «Wir wechseln je nach Anlass und Raum, den wir benutzen», sagt Leiter Thomas Bachofner.
«Bei einer Veranstaltung in der Klosterkirche – auch bei einem Theaterstück – ist die Kollekte eher üblich. Nutzen wir die grosse Remise in der Kartause Ittingen, dann gibt es eine Abendkasse. So oder so kann man vorab Sitzplätze reservieren, sodass wir ungefähr wissen, wie viele kommen. Und die Besucher wissen, dass sie einen Platz bekommen.» Also: Je spiritueller der Anlass, desto eher gibt es die Kollekte. Und bei der zahlen die Menschen zuverlässig zwischen 10 und 15 Franken im Durchschnitt.
Gewinnbeteiligung für grössere Bühnen
Auf einen speziellen Aspekt macht Micky Altdorf vom Festival «Kabarett in Kreuzlingen» aufmerksam. Ehrenamt, Subventionen und Eintrittsgelder ermöglichen den Auftritt auch von grossen Namen der Kabarettszene. «Ich finde es wichtig zu betonen, dass beim KiK Profis engagiert werden, die von ihrer Kunst leben. Deshalb verkaufen wir Tickets, um Gagen zahlen zu können.»
Neben einer Mindestgage bietet das KiK eine Gewinnbeteiligung. «Das ist in der Branche üblich. Wenn der Dreispitz in Kreuzlingen mit seinen 600 Plätzen ausverkauft ist, dann gibt es einen fairen Anteil. Und wenn nur 150 Leute dasitzen, gibt es entsprechend weniger.» Für den Verein ist das noch schmerzhafter: Er muss die Miete auf jeden Fall tragen. Es gibt also von Fall zu Fall Verluste, die Sorgen machen.
Sozial auch den Kunstschaffenden gegenüber
Eva Hofacker vom Orchester Divertimento betont: «Zum einen ist es schön, über die Kollekte Menschen den Zugang zu ermöglichen, die nicht unbedingt das Geld für einen Konzertbesuch aufbringen. Zum anderen ist es beim Abwickeln einfacher. Ausserdem haben wir mal ausgerechnet, was wir mehr an Gebühren für die Nutzung von Aufführungsrechten zahlen müssen, wenn wir Eintrittskarten verkaufen. Das frisst einen Teil der Mehreinnahmen wieder auf. Der Prozentsatz hängt am Ticketpreis.»
Dazu erklärt die Suisa, die Genossenschaft der Komponist:innen, Textautor:innen und Musik-Verlage in der Schweiz: «Die Veranstalter zahlen 8 bis 9 Prozent von den Einnahmen bei Ticketverkauf oder – bei Kollekten – von den Kosten. Sie müssen das belegen und auch Set-Listen einreichen. Im Prinzip meldet man jedes Konzert vorher an, und später gibt's die Abrechnung. Die Gebühren werden dann zu 85 Prozent an die Komponisten oder ihre Erben verteilt. Erst 70 Jahre nach dem Tod verfällt das Urheberrecht.»
Vereinfacht ausgedrückt: Während die Kollekte sozial gegenüber Kulturfreunden mit wenig Geld ist, sind Tickets sozial gegenüber Kulturschaffenden. «Wir haben uns bewusst entschieden, bei der Jam Session faire Gagen zu zahlen – mindestens 300 Franken pro Musiker», sagt Stephan Militz. Das sei kein Luxus, sondern das Minimum für eine nachhaltige Szene. Und dafür brauche es faire Eintrittspreise. Der Kulturmanager betont: «Ohne Respekt für Arbeit, Zeit und Können verliert Kultur ihren Wert – und das darf uns nicht passieren.»

Von Inka Grabowsky
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