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von Kira Reiter, 24.08.2015

Was uns hindert

Was uns hindert
"Die Angst vor dem Unbekannten hat die Menschen schon immer blind gemacht für Dinge, die hätten gross werden können, erfüllend, weitbringend." | © Inka Reiter

Kira Reiter

Die Angst vor dem Unbekannten

Das Unbekannte hat dem Menschen schon immer Angst gemacht.
Auch wenn Tür neben Tür, Haus neben Haus –
der Anstrich machte den Unterschied.
*
Die Angst vor dem Unbekannten
hat die Menschen schon immer blind gemacht
für Dinge, die hätten gross werden können, erfüllend, weitbringend.
*
Die Angst vor der Fremde, der Alternative zu den eigenen Gepflogenheiten,
hat schon vieles was hätte schön sein können zum Opfer menschlicher Lästerei gemacht.
*
So auch wir, so auch bei uns.
Trotz niedrigen Grenzzäunen und demselben ABC
scheinen wir Zeichensprache zu brauchen,
die wir dennoch falsch verstehen.

*
Ich will uns in diesem Text entfremden.


Vom selben Sturm gebrochen


Wir teilen doch dieselben Berge, selben Weiten, dieselbe Erde,
den Schnee auf den Wipfeln und die ach so grünen, grünen Täler.
*
Das graue Gestein kennt unsere Grenzen nicht, schert sich nicht.
Verläuft einfach.
Und würden wir öfter jene Höhen bezwingen, jene Gipfel besteigen,
so hätten wir wohl – mehr oder weniger –
dieselbe Weitsicht auf die Dinge.
*
Würden wir dort oben unserer beider Fahnen hissen,
so würden sie vom gleichen Wind hinfort gerissen
und vom selben Sturm gebrochen.

Was uns hindert


Trotzdem macht der Deutsche den Schweizer zum Strassenrowdy,
weil er sich den erbärmlichen Wettkampf
auf den deutschen Strassen liefern muss.
Weil menschliche Eitelkeit über alles geht.
Weil wir alle jede – auch diese – Chance des Profilierens zu nutzen wissen.
*
Auch hat der Deutsche von Mode keine Ahnung,
die besten Autos fahren sie besockt in Birkenstocks.
Und das auch noch mit Stock im Arsch.
*
Und gar in deutschen Kreisen das Gerücht die Runde macht,
das sie die Strassen verdunkeln werden,
weil die Schweizer unsere Städte wie Ameisen überfallen werden.
Das macht den deutschen Schaffer sauer,
wenn er vor leeren Stangen steht.
*
Und seine wertvoll seitenlang in Zeilen und Spalten
regulierte Zeit an meilenlangen Einkaufsschlangen verbringt.
Dabei haben wir auch das gemeinsam.
Nicht Schweizer und Deutsche, sondern Menschenwesen.
Aus jeder Sache profitieren. Aus alles und jedem einen Vorteil ziehen.
Ausnutzen, ausgenutzt werden.
*
Wir zahlen mit Bildung für Geld und mit Geld für Bildung.
Karriereleitern und Träume werden wie Spielkarten ausgetauscht
und abgenutzt bis die Ecken zerfleddert und die Farben verblichen sind.

Kira Reiter
Flammendes Plädoyer gegen Vorurteile bei einer privat ausgerichteten
Einbürgerungsfeier im Seemuseum Kreuzlingen. (Foto: Inka Reiter)


Mehr, mehr und nochmals mehr

Wir streben und streben und streben. Und schaffen und schaffen und schaffen.
Nach mehr und mehr und nochmals mehr.
Wann begreifen wir, das dass Leben weder
Glücksspiel noch Leichtathletik ist?
Uns weder Doping noch Pokerface nach gaaaanz oben bringen wird?
*
Dass ein Lächeln das teuerste sein kann. Und wir verzichten darauf. Unzählbar oft.
Auf diesen Reichtum. Wenden lieber kalte Schultern zu. Senken lieber müde, geschaffte Blicke.
*
Würden wir unsere Brillen der Kurzsicht von der Schicht
eingestaubter Klischees und ungelebter Vorurteile befreien;
so könnten wir unsere Fensterläden durch die wir uns oftmals misstrauisch,
missbilligend beobachten, einfach offen stehen lassen.
Die Sonne Klarheit schaffen lassen. Aufräumen.
*
Kleinkariert sei der Schweizer Bauer, grummelig und hausend, oftmals sogar aufbrausend.
Ein Bauernvolk das Geld bewacht. So flüsterts in der Welt.
An allem fehle es den Schweizern, bloss nicht am Geld.
*
Trinker seien die Deutschen, ach das gute deutsche Bier.
Und alles was nicht arisch sei, hassten sie insgeheim noch immer.
Geizig seien die Deutschen, engstirnig, eingestirnt in verquerte Weltordnungen.



Uneingeschränkte Kunst- und Kultur-Liebe

Sagt mir … wie oft traft ihr jenes Bildnis eines Menschen?
*
Dabei teilen wir doch dieselbe Liebe zur guten Konversation.
Der uneingeschränkten Kunst und Kultur nicht einfach nur
eingerammt und festgenagelt wie unsere Meinung in jener Hinsicht scheint.
Die Liebe zur Familie, dem gediegenen Beisammensein im Kerzenschein.
Der Geiz ist nur die Sparsamkeit um all das zu schützen.
*
Die Sturheit nur die Angst jene die man liebt nicht mehr stolz machen zu können.
Wir teilen unseren Sinn für feine Kostbarkeiten. Schokolade.
Spätzle mit Sosse und Käsfondue. Gute deutsche Dampfnudeln und Käseküechli mit Vanillesosse.


Muss man sich um alles streiten, nur weil man es kann?

Man sagt, der Schweizer sei ein feiger stummer Mann, nur klotzen und zusehen. Tatenlos bleiben.
Doch erinnert ihr euch an damals in der Schule?
*
Als Karla und Timon sich stritten und Nils nur schlichtend die Hände hob?
Wer kam am besten raus? Wer bewirkte am meisten?
*
Brauchte es nicht immer einen der zusieht und stumm in sich hineindenkt?
Ob es intelligenter ist für seine Meinung zu kämpfen
und eine Niederlage zu riskieren?
Oder sich zurückzuziehen in seine eigene sichere,
vielleicht ein wenig einsame Welt?
Darüber lässt sich streiten.
Doch muss man sich um alles streiten, nur weil man es kann?
*
Wir lieben doch gleichermassen unsere Herkunft. Wir wollen zwar immer weg.
Aber wir brauchen unsere kleinen und grösseren Städtchen.
Unsere frische Bergluft, das Plätschern unseres Baches, denn Winter und den Sommersport,
die klaren Jahreszeiten, die Höhen und die Tiefen, und unsere ach so eingefrorenen Traditionen.
*

Das ist wohl, was Sitte schafft und was der Mensch daraus macht.
Das ist Herzkammern und Köpfe abschliessen.
Ein Chaos der Halb- und Unwahrheiten.
Sünde verachten und sie dennoch leben.
Eine hin und wieder aufflammende Feindschaft gegen das Unbekannte.
Dabei hat das Anders-Sein,
das Neue den Menschen doch immer nur weiter gebracht.

"Nutzen wir die Weite, leben wir das Abenteuer, die Idee uneingeschränkter Weltoffenheit."

Wir teilen doch den Fortschritt.
Also lasst uns fortschrittlich handeln und die Weite im Gegenüber erkunden.
Lasst uns selbstbewusst handeln und uns
gegenseitig Möglichkeiten eröffnen.
*
Lassen wir es zu, die Höhen für die Weitsicht zu erklimmen, die Brillen der Kurzsicht abzusetzen,
die eingeschlossenen Klischees gegen gemeinsame Tradition eintauschen.
*
Lassen wir es zu, wieder und jetzt, die Köpfe von Engstirnigkeit zu befreien
und Vorurteile gegen gesunde Vorsicht einzutauschen.
*
Nutzen wir die Weite, leben wir das Abenteuer,
die Idee uneingeschränkter Weltoffenheit.
Lassen wir es zu. Lassen wir es zu.
Alles was uns hindert ist eine Illusion die wir selbst geschaffen haben.

***

 

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