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16.09.2026

Wie ein Weckruf aus provinzieller Verschlafenheit

Wie ein Weckruf aus provinzieller Verschlafenheit
Lucy Grossmann auf einer Kronberg-Wanderung, September 1982 | © Simone Kappeler

Herzlich, klug, selbstbewusst: Elisabeth Lucy Grossmann war die erste Direktorin des Kunstmuseum Thurgau. Im August ist sie unerwartet verstorben. Ein Nachruf von Willi Tobler. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Willi Tobler, Betreuer und Programmgestalter des Adolf-Dietrich-Hauses in Berlingen, kannte Lucy Grossmann gut. Bei ihrer Beisetzung am 15. September 2026 hat er diese berührende Rede gehalten. Wir publizieren sie in Erinnerung an eine aussergewöhnliche Frau. 

Wenn man über die steinerne Treppe hinauf steigt zur Eingangspforte des Kunstmuseums Thurgau, unter Joseph Kosuths neonleuchtendem Nietzsche-Zitat «Denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt», betritt man eine Welt, die es nicht mehr gibt.

Über abgetretene Steine, auf knarrenden Holzböden gelangt man in einen breiten, angenehm kühlen Gang, und wenn man dann rechts über die Schwelle in die Kirche tritt und hochschaut in die barocke Überschwänglichkeit, auf die Bilder, auf die geschnitzten Figuren, auf die Uhr mit dem Totenkopf, auf die Rocaillen und Statuen und all die Symbole, deren Bildsprache man sowenig entschlüsseln kann wie Nietzsches Zitat an der Aussenmauer des Museums, begreift man immerhin, dass man sich an einem Ort befindet, wo zeitgenössische Kunst mit Überlieferungen aus uralten Tagen, wo Moderne auf traditionelles Kunsthandwerk trifft, wo Gegenwart mit Geschichte konfrontiert wird.

Schtögelischuhe begleitet von einem Dialekt

Es liegt noch die Spiritualität der Mönche in der Luft, man hört noch die Schritte von Oberst Fehr im Kreuzgang, man riecht noch den Braten, der Kaiser Wilhelm II 1912 im ehemaligen Refektorium vorgesetzt wurde, man spürt noch das Gewicht der Geschichte über dieser Anlage …

… und ab 1983 hallte durch eben diese Gänge und Räume das Klacken von Schtögelischuhen begleitet von einem Dialekt, den man selten hört auf dem vermeintlich hölzigen Kulturboden des Thurgaus: Baseldiitsch. 

Und dann taucht vom Büro mit den Butzenscheiben, den Riemenböden und dem schönen Kachelofen her eine junge Kunsthistorikerin auf, eine Frau, die meinen Schwiegervater, den ersten Kurator in der Villa Sonnenberg, Ernst Mühlemann, der auf dem Wolfsberg die grosse Liegende von Henry Moore aufstellen liess, Regierungsrat Arthur Haffter, Ted Egloff, den damaligen Präsidenten der Thurg. Kunstgesellschaft und alle andern, die bisher für Kultur im Thurgau zuständig waren, beeindruckte mit ihren «gscheiten» Voten und ihrer klaren Haltung. Und ohne es zu wollen, hat sie den angegrauten Herren den Staub aus den Ärmelschonern geklopft.

 

Elisabeth «Lucy» Grossmann in der SRF Sendung Sternstunde Kunst vom 1. Februar 1998. Bild: SRF

Ihre Arbeit lockte Menschen in grosser Zahl nach Ittingen

An diesen Ort, wo noch der unerschütterliche Leitspruch der weltabgewandten Kartäuser herrscht, der besagt, dass das Kreuz stehe, auch wenn die Welt sich drehe, wo dieser stoische Geist noch in den Mauern atmet, in dieses Umfeld, in diese Strukturen wagte sich Lucy mit dem anspruchsvollen Unterfangen, dem in sich gekehrten Element in Ittingen ein Stück Modernität und Weltoffenheit beizustellen.

Auf einmal war die Kartause im Gespräch und lockte Menschen in grosser Zahl nach Ittingen, wenn wieder eine Ausstellung eröffnet wurde und über den Köpfen eines verwunderten Vernissage-Publikums Roman Signers Helikopter flatterte und einen Sack voll Wasser aus der Thur aufs Gelände brachte. Lucy hat mit ihrem grossen Engagement, mit ihrem Wissen und ihrer Kompetenz, mit ihrer zupackenden, stets freundlichen, aber nie forschen Art dem Kunstmuseum Thurgau das erste Gesicht verliehen. Und heute noch weht neben dem Geist der Kartäuser hie und da ein Hauch von Lucy`s Charme durch die Kreuzgänge.

Kunst als Denk-Anstoss

Mit ihren Ausstellungen hat sie uns Künstlerinnen und Werke zugänglich gemacht, die uns ohne sie fremd geblieben wären. Sie hat viele von uns aus der provinziellen Verschlafenheit geweckt, uns offener gemacht für alles, was in jenen Jahren an «ästhetischen Phänomenen» auf uns eingeprasselt ist und uns vermittelt, dass Kunst auch als Denk-Anstoss verstanden werden kann, als vergnügliche Möglichkeit, sich mit existentiellen Fragen zu befassen und sich mit Ungewohntem auseinanderzusetzen.

Und unser Modebewusstsein hat sie gehörig «zunderobsi» gebracht mit ihrem ganz persönlichen Stil, ihren aparten Kleidern und eleganten Accessoires, namentlich mit den tigerfellgemusterten Schuhen, von denen auch unser Dackel Zebedäus, den sie ins Herz geschlossen und oft in ihre Obhut genommen hat, sehr angetan war. Kurzum, ausgerechnet die Baslerin brachte etwas «Zürich» zu uns und sorgte ein wenig dafür, dass die Schweiz nicht in Winterthur aufhört.

Was sie auszeichnete

Mit ihrer grossen Begabung zuzuhören, mit ihrer Lust am Diskutieren, mit ihrer Herzlichkeit, mit ihrer Fähigkeit zu geniessen und ihrer grossen Bereitschaft zu lachen hat sie im Thurgau und überall, wo sie hingekommen ist, Freundinnen und Freunde gefunden.

Im gemalten Himmel am Deckengewölbe der Ittinger Klosterkirche warten, so ist zu vermuten, begleitet von den Gesängen der Mönche aus dem Audio-Guide von Janet Cardiff, all diejenigen, die vorangegangen sind, die alten Basler zuerst, Hans Holbein, Arnold Böcklin, Konrad Witz, Hans Jauslin, dann alle Konkreten um Max Bill und Camille Graeser und Verena Loewensberg und natürlich Künstlerinnen und Künstler aus dem Thurgau, von Helen Dahm bis Martha Haffter, von Adolf Dietrich bis Carl Roesch, Jürg Schoop, Andrea Nold, Peter Somm, Fritz Kappeler, Richard Tisserand und Toni Bernhardsgrütter «le pauvre cochon» mit Franz Grubenmann an seiner Seite und die Künstler aus Gugging und selbstverständlich Meret Oppenheim und einige werden wahrscheinlich «iischtoh» und um Punkt vier Uhr morgens, wird das Licht ausgehen und sie werden in einem gemächlichen Gleichschritt als «Schissdrägg-Züügli» hintereinader den «Spalebärg» hinauf wackeln mit Piccolo und Trommeln und in die Nacht hinein werden sie eigens für Lucy den «Morgeschtraich» spielen und eine von Niklaus Stoecklin gemalte «Latärne» wird über ihren Köpfen schaukeln, wenn sie um den eisgefrorenen Fasnachtsbrunnen von Jean Tinguely marschieren und es wird so still besinnlich und traurig schön sein, wie es nur an den «drei scheenschde Dääg» beim «Gässle» in Basel sein kann.

Wie sie den Ittinger Geist in die Welt trug

Denn auch dort, wo Lucy ihre Kindheit verbracht hat, an der Klingnaustrasse - ein Katzensprung zum Kunstmuseum - treffen Tradition und Moderne in einzigartiger Form und in einem tief verankerten kollektiven Bewusstsein aufeinander – und von diesem Geist des Weltkulturerbes hat Lucy an alle ihre Wirkungsstätten ein Stück mitgebracht.

-  Nach Zürich zum Beispiel ins Haus für konstruktive und konkrete Kunst, zu Ellen Ringier, mit der sie sich sehr gut verstand, in Fritz Glarners Rockefeller Dining Room, der dank der Paul Büchi Stiftung Frauenfeld erworben und ins Museum inkorporiert werden konnte.

-  Nach Rapperswil, wo sie als erste Kuratorin für die Sammlung von Elisabeth und Peter Bosshard fungierte und Werke von Alex Sadkowsky, Miriam Cahn, Martin Disler, Josef Felix Müller und andern Kunstschaffenden ins wunderbare Licht des KunstZeugHauses brachte.

- In die Luxburg Egnach, ins Schloss Salenstein und nach Winterthur, um dort zusammen mit Mitarbeitenden der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte in Maske und Schutzanzug das gigantisch-geniale Chrüsimüsi an wunderbarer Kunst und kuriosem Krempel des reichsten Messis der Schweiz, der neben Hodler und Anker und Dietrich auch Milchzähne und die Zahnbürste von Napoleon sammelte, zu sichten und zu inventarisieren.

Aus der Begegnung von Vergangenheit mit Gegenwart Zukunft gestalten

Wohin Lucy auch gerufen wurde, sie war bereit, sich voll und ganz einzusetzen. Und überall wurde aus der Begegnung von Vergangenheit mit Gegenwart Zukunft gestaltet.

Etwa zwei Wochen vor ihrem Tod hat uns Lucy aus Berlin eine Mail geschrieben, wie Peter und sie im Haus ihrer Freunde die Katzen hüten, lesen, kochen und die Berliner Luft geniessen und dass es leider doch nicht mehr zu unserem geplanten Treffen in Aarau gekommen sei. 

Und wir haben ihr zurückgeschrieben, dass wir es nachholen werden und einen Link angehängt zu Sven Regeners Berliner Band «Element of crime». Vielleicht hat sie das Lied noch gehört. Es handelt zwar von einer Liebe, die zu Ende geht, aber die letzte Strophe passt auch irgendwie zum hier und heute, denn auch für uns ist mit Lucys Hinschied die Welt untergegangen - aber die Liebe bleibt:

«Oben ist da wo du bist und unten ist da wo ich
in Gummistiefeln drauf warte, dass alle paar Stunden sich
der Himmel einmal um sich selber dreht

und irgendwie die Zeit vergeht
die man braucht, um zu begreifen, dass man noch lebt.
Und dann geh ich noch mal den Kurfürstendamm entlang
am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang»

Ein Abschiedsbrief, der noch heute gilt

Lucy war zehn Jahre im Vorstand der Thurgauischen Kunstgesellschaft. Und als sie das Museum und den Thurgau Richtung Zürich ins Haus Konstruktiv verliess, schrieb sie den Vorstandsmitgliedern einen Abschiedsbrief. Und ich glaube, was sie damals geschrieben hat, gilt auch heute noch - und auch ein wenig für uns: Sie schreibt:

Innerhalb dieses Jahrzehnts gingen die einen und kamen die andern und die dritten blieben und so bin ich plötzlich die Dienstälteste geworden, nur leider immer noch nicht weise und so fand ich, es wäre an der Zeit, auch zu den einen zu gehören und den Hut zu nehmen und anderswo zu den andern zu gehören. Et voilà: Ich war gerne bei euch und habe euch geradezu ins Herz geschlossen, trotz Sprachbarrieren zwischen «Wäie und Dünne», zwischen «gmietlig und gmüetlich» und der Unmöglichkeit, euch je die Differenziertheit zwischen «joo» und «jä» beizubringen. Was soll`s.

Ich wünsche euch allen viel Erfolg in der Zukunft und ein bisschen Streit hie und da, damit es nicht öde wird - und Diskussionen und den Austausch zwischen den einen und den andern und den dritten.

Und im übrigen bin ich zwar in Zürich, aber nicht aus der Welt.

Machts gut – und bis ein andermal herzlich – härzlig

Lucy

Wenn wir nun das Thurgauer Kunstmuseum nach einem langen Rundgang verlassen, an der «Blechwand für Ittingen» von Christoph Rütimann vorbeigehen, durch den unteren Keller, wo einst «Tuusig Aamer Kartüüser»-Wein lagerten und wir eben noch barfuss über den watteweichen Schafwollteppich von Isabelle Krieg schreiten konnten, durch die Rosengärten schlendern, freudig gegrüsst von heiteren Menschen, wenn wir an der

ehemaligen Pferdetränke zwischen modernen Bauten und der Kornschütte vorbei gehen und unter der grossen Pforte mit der Statue des Heiligen Bruno stehen und in die Thur-Ebene hinunter schauen, dann ist uns, als hätten wir doch etwas begriffen vom «Dasein und der Welt» und dass Kunst uns, wenn nicht zu retten, so doch ein wenig zu trösten vermag.

Willi Tobler, im August 2026

Video: Elisabeth «Lucy» Grossmann in der SRF Sendung Sternstunde Kunst vom 1. Februar 1998

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