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Wie im Film

Wie im Film
Helmut Wenczel in seiner Ausstellung im Cityhaus Weinfelden. | © Michael Lünstroth

In seiner Ausstellung «Lichtpunkte» in Weinfelden erschafft Helmut Wenczel mit Aquarellfarben Sternenbilder, die an ferne Galaxien erinnern – und überraschende Verbindungen zum Kino eröffnen. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Manchmal beginnt die Reise zu den Sternen in einem einfachen Geschäftshaus in der Weinfelder Innenstadt. Rein durch die Schiebetür, über das Treppenhaus rauf auf die zweite Etage, und schon steht man mitten im Weltall. Früher war das hier mal eine Wohnung, aber jetzt scheint daraus eine Art Sternwarte geworden zu sein. Das Schwarz des Universums, das Weiss der Sterne, der ausfransende Raum dazwischen. Worauf würde man hier sonst blicken, wenn nicht auf die unendlichen Weiten des Alls?

Und dann steht plötzlich der Schöpfer dieser Welten neben einem. Melangegraues Poloshirt, schwarzer Kragen, markante schwarze Brille, 66 Jahre jung und ein fast schüchternes Lächeln im Gesicht. Seit 2008 kreiert Helmut Wenczel diese faszinierenden Welten auf grossformatigen Kunstwerken. Er ist im Bündnerland aufgewachsen. Seit 1993 lebt und arbeitet Wenczel im Thurgau, genauer gesagt in Eschikofen. Ein kleines Dorf zwischen Frauenfeld und Weinfelden mit rund 200 Einwohner:innen.

 

Der Künstler im Selbstporträt. Bild: Helmut Wenczel

Ist das der richtige Ort für die Ausstellung?

In den vergangenen Jahren waren seine Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Im Kunstmuseum Thurgau, in der Galerie von Adrian Bleisch in Arbon, im Kunstraum Kreuzlingen, im Shed im Eisenwerk Frauenfeld oder auch in der Remise Weinfelden. Jetzt im Cityhaus Weinfelden.

Kein klassischer Ausstellungsort, eher eine Pop-up-Galerie. Rita Conrad hat aus einer Wohnung galerieähnliche Räume geschaffen. «Ich will hier Ostschweizer Kunstschaffenden in einer neuen Umgebung Raum geben», sagt sie. Während an anderen Orten Galerien eher schliessen, wagt sie eine Öffnung. Eine gute Nachricht für die Thurgauer Kunstwelt.

Dass nun mit Helmut Wenczel ein Künstler hier ausstellt, der über ein gewisses Renommee verfügt, sieht sie auch als Zeichen dafür, dass sich der Ort allmählich etabliert. Wenczel selbst ist froh, dass er Räume gefunden hat, die es mit seinen Werken aufnehmen können. Eigentlich brauchen seine Grossformate grosse Räume, aber erstaunlicherweise funktioniert das in Weinfelden auch im Schnitt einer gewöhnlichen Fünfzimmerwohnung.

 

Die Räume in der Pop-up-Galerie im Cityhaus Weinfelden. Zu sehen sind Arbeiten von Helmut Wenczel. Bild: Michael Lünstroth

Verblüffend: Sind das wirklich Aquarelle?

Vielleicht liegt das auch daran, dass der Künstler, der im Brotberuf einmal Heizungsmonteur war, in Weinfelden auch kleinere Formate seiner Sternenbilder zeigt. Aber die Hingucker sind natürlich die wuchtigen Grossformate, die Räume im Handumdrehen einnehmen. Steht man vor ihnen, kann man sich kaum vorstellen, dass das Aquarelle sind. Aber tatsächlich ist das genau die Arbeitsweise von Helmut Wenczel.

Auf weissem Papier schafft er Schicht um Schicht ein samtig-fransiges Schwarz, das im Zusammenspiel mit dem Weiss des Papiers den unglaublichen Sog seiner Werke ausmacht. Das Ergebnis sind strahlende Kreise, die an den Rändern diffus ausfransen – wie kosmischer Nebel oder Sternenlicht, das sich bricht. Man kann nicht nicht hingucken, und es fällt schwer, den Blick wieder abzuwenden.

Kunst wählt nie den einfachen Weg

Weil es so viel zu entdecken gibt, weil es wohltuend ruhig ist im sonstigen bunten Bilderwahnsinn unserer Zeit und weil man nicht umhin kann, diese Ausdauer, diese Technik und diese Geduld des Künstlers zu bewundern. Wie er über Monate beharrlich an seinen Weltall-Portalen arbeitet, das nötigt einem in unserer daueraufgeregten Zeit Respekt ab.

Wenczel könnte es sich einfacher machen und andere Techniken und Farben wählen, um schneller zum Ziel zu gelangen. Aber wann ging es in der Kunst schon mal darum, es sich einfach zu machen?

Dazu kommt, dass vielleicht nur die Aquarelltechnik das Papier am Ende so stofflich, so textil wirken lässt. Eine Arbeit der Ausstellung, die nicht hinter Glas hängt, zeigt diese besondere Ebene von Wenczels Arbeiten sehr deutlich. Man möchte fast über das Bild streichen, so samtig sieht es aus. Aber dann erinnert man sich doch schnell daran, wo man hier gerade ist.

 

In seiner Weinfelder Ausstellung zeigt Helmut Wenczel auch neue Fotografien. Bild: Michael Lünstroth

Mehr als eine sehnsüchtige Kartografie des Weltalls

Anfänglich hatte Helmut Wenczel die Arbeiten nach Aufnahmen des Hubble-Teleskops geschaffen. Aber es waren nie nur abgemalte Fotos. Es war immer nur ein Einstieg; danach sind die kosmischen Bilder aus Wenzels Kopf eigenständig gewachsen. «Es kommt immer, wie es kommt, aber nie so, wie man es vielleicht ursprünglich gedacht hatte», gibt Wenczel einen Einblick in seinen Arbeitsprozess.

Sterne kommen, Sterne gehen. Wenczels Arbeiten wirken wie eine Kartografie des Weltalls, und sie sind doch mehr als das. Sie bedienen urmenschliche Sehnsüchte nach dem, was da draussen noch sein könnte.

Von den Sternen zu den Stars

Gleichsam weisen sie auch auf die Erde zurück. Betrachtet man die verschiedenen Sternenbilder genauer, das «Ausfransen» und Überstrahlen im Hell-Dunkel-Kontrast, dann ergibt sich eine verblüffende Nähe zum Film. Denn: Sieht es nicht genau so aus, wenn ein Nitrofilm aufgrund der Hitze des Projektors schmilzt? Ein brennendes Loch im Film wirft Blasen, schmilzt unregelmässig nach aussen hin weg und hinterlässt genau solche leuchtenden, organischen Höfe im Dunkeln.

Die Verbindung zwischen dem unkontrollierten, zerstörerischen Verpuffen von analogem Filmmaterial und den tiefen, meditativen Kosmoswelten von Helmut Wenczel eröffnet einen neuen Blick auf die Arbeiten des Thurgauer Künstlers. Dazu kommt die sprachliche Nähe zwischen den Sternen des Weltalls und den Stars aus dem Film.

 

Sternenbild oder brennendes Zelluloid? Bild: Michael Lünstroth

Wie Wenczel das Licht einfriert

Wenn ein Zelluloidfilm im Projektor brennt, sterben die «Stars» der Leinwand buchstäblich im Feuer. Das Bild implodiert. Bei Wenczel hingegen entstehen die Sterne durch einen extrem langsamen, fast wissenschaftlich-analytischen Prozess. Wo das Kino die Illusion von Bewegung durch Licht erzeugt, friert Wenczel das Licht in absoluter Stille und Zeitlosigkeit ein.

Denkt man das weiter, gibt es weitere Verbindungen zwischen den Welten. Zelluloid trägt den Sauerstoff für seine eigene Vernichtung bereits in sich und verbrennt explosionsartig ohne Luftzufuhr. Ein Stern leuchtet und vergeht – bis hin zur Supernova-Explosion – durch nukleare Prozesse in seinem Inneren, völlig unabhängig von einer äusseren Atmosphäre.

Muss man Helmut Wenczels Werk jetzt neu lesen?

In einem anderen Interview hat Helmut Wenczel einmal erwähnt, dass er sich selbst und uns Menschen als ein Produkt von Sternenstaub begreift, der bei solchen Supernova-Explosionen ins All geschleudert wurde.

So lässt sich Wenczels Werk auch ein Stück weit neu lesen. Es verbindet das chemische Mikrouniversum des sterbenden Films mit dem makrokosmischen Universum des geborenen Sterns. Beide nutzen dieselbe visuelle Sprache: einen radikalen, leuchtenden Ausbruch von Energie inmitten tiefster Dunkelheit.

Wenn das kein Kommentar zu unserer Zeit ist – was dann?

Video: 20 Fragen an Helmut Wenczel (2020)

 

Die Ausstellungsdaten

Die Ausstellung wird am Freitag, 16. Oktober, 19 Uhr, im Cityhaus Weinfelden (Pestalozzoistrasse 12) eröffnet. Zur Vernissage gibt es eine Einführung in Wenczels Werk von Gabrielle Obrist. Die Ausstellung wird bis zum 19. Dezember zu sehen sein. Die Öffnungszeiten: Samstag: 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung (per Mail: kontakt@cityhaus-weinfelden.ch )

 

Am Samstag, 24. Oktober, 10:30 Uhr, gibt es ein Gespräch mit dem Künstler in der Ausstellung. Eintritt: 30 Franken.

 

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Vernissage

Helmut Wenczel - Lichtpunkte

Kunst

Helmut Wenczel - Lichtpunkte

Weinfelden, CITYHAUS Pop-up Galerie

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