von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 22.10.2026
Wie wir werden, wer wir sind

Die zehnten Weinfelder Buchtage bringen ab 27.Oktober Literatur über Herkunft, Erinnerung und brüchige Lebensentwürfe in den Thurgau. Neben ernsten Stoffen haben auch Humor und Selbstironie ihren Platz. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Was bleibt von der eigenen Kindheit? Wie erzählen wir von Menschen, die wir lieben – und wie viel wissen wir eigentlich über sie? Die Literatur stellt solche Fragen immer wieder neu. Im Programm der zehnten Weinfelder Buchtage lässt sich eine Spur erkennen, die von der persönlichen Erinnerung bis zu den gesellschaftlichen Bedingungen eines Lebens führt.
Daneben stehen Geschichten über Menschen, deren vertraute Welt ins Wanken gerät, und Bücher, die mit Humor auf die Widersprüche des Alltags blicken. Auftakt der diesjährigen Buchtage ist am Dienstag, 27. Oktober mit einer Lesung von Lilli Tollkien.
Was von einem Leben bleibt
Die zehnte Ausgabe des Weinfelder Literaturfestivals ist für Gründerin und Programmchefin Katharina Alder ein Grund zum Feiern. «Die Buchtage haben sich in den vergangenen Jahren stetig entwickelt, heute bieten wir ein spannendes Festival mit wichtigen zeitgenössischen literarischen Stimmen», sagt die Buchhändlerin an einem Dienstag im Oktober. Ihr Anspruch an das Programm? «Ich möchte grosse Namen im Programm haben, aber auch literarische Entdeckungen präsentieren», sagt Alder. Wichtig sei ihr dabei vor allem der literarische Anspruch der ausgewählten Autor:innen.
Sucht man nach einer verbindenden Linie im aktuellen Programm, dann wäre es vielleicht diese Frage hier: Wie erzählen wir von Menschen, die wir lieben? Und was verstehen wir erst spät an ihrer Geschichte? Gleich mehrere Bücher der Weinfelder Buchtage kreisen um die Frage, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Alle Lesungen des Festivals werden moderiert, so dass es neben den Passagen aus den Büchern auch Persönliches von den Autor:innen zu hören sein wird.
Katharina Alder ist 1984 geboren. Ihre Schulzeit verbrachte sie in Weinfelden. Nach ihrer Matura studierte sie Philosophie und arbeitete später bei einer Werbeagentur als Grafikerin. 2007 studierte sie Schauspielerei in Hannover. Sie leitet den Buchladen «Klappentext» in Weinfelden und führte bereits zum zehnten Mal die Weinfelder Buchtage durch. Alder ist auch Verlagsvertreterin alles&nichts Literaturvermittlung. Alder wohnt mit ihrer Familie in Weinfelden.
Zwei Namen von der Shortlist des Schweizer Buchpreises
Lukas Bärfuss, nominiert für den Schweizer Buchpreis 2026, erzählt in «Königin der Nacht» vom Leben seiner Mutter, von Armut, fehlender Zärtlichkeit und begrenzten Möglichkeiten. Ihre Geschichte führt über das persönliche Porträt hinaus zu einer Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung. Bärfuss liest am Freitag, 30. Oktober, um 20.30 Uhr im «Goldenen Dachs».
Auch Helene Bracht nähert sich einer Familiengeschichte über den Abschied: In ihrem Buch «Irma tanzt» beschreibt sie den letzten gemeinsamen Sommer mit ihrer Mutter Irma. Erst jetzt werden der Tochter die Bedingungen eines Lebens klar, das von Krieg, Gewalt und bürgerlicher Enge geprägt war. Und doch hielt die Mutter an ihrer Lebensfreude und ihrer Sehnsucht fest. Was bleibt von einem Menschen, von einem ganzen gelebten Leben? Bracht sucht Antworten in den Erinnerungen an ihre Mutter. Sie liest am Samstag, 31. Oktober, um 20.30 Uhr im «Goldenen Dachs».
Eine andere Perspektive auf die Macht der Vergangenheit eröffnet Lilli Tollkien. Sie erzählt in «Mit beiden Händen den Himmel stützen» von einer Kindheit in einer Berliner Männerkommune, in der der Anspruch auf Freiheit mit Vernachlässigung einhergeht. Die erwachsene Erzählerin versucht, das Erlebte schreibend zu verstehen und einzuordnen. Tollkien liest am Dienstag, 27. Oktober, um 18.30 Uhr. Sie stand mit ihrem Roman übrigens auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026.
Wie Frauen um Freiheit ringen
Jarka Kubsova richtet den Blick auf weibliche Lebensgeschichten und die Kräfte, die sie formen. In «Im Licht des neuen Tages» verbindet sie unterschiedliche Zeiten und Generationen mit der Frage, wie Frauen um Freiheit ringen und wie viel von ihrer Geschichte in der Gegenwart weiterlebt. Die Lesung beginnt am Freitag, 30. Oktober, um 19 Uhr.
Diese Bücher zeigen, dass private Geschichten selten nur privat sind. Sie erzählen auch davon, welche Möglichkeiten eine Gesellschaft Menschen eröffnet – und welche sie ihnen verwehrt.
Wo die Vergangenheit nicht ruht
Dass Erinnerungen nicht nur in Familien weiterwirken, zeigt Stefan Gartmann. In seinem Kriminalroman führt ein Mordfall ins Safiental: Was geschah vor 28 Jahren auf der Alp Falätscha, während die Menschen im Tal am Tanzfest waren? Die Ermittler Calonder und Rauch stossen auf eine Gemeinschaft, in der viele mehr wissen, als sie zu sagen bereit sind.
Je weiter sie nachforschen, desto unschärfer werden die Grenzen zwischen Opfer und Täter, Gut und Böse. Auch hier ist die Vergangenheit keine abgeschlossene Geschichte. Sie wirkt in der Gegenwart weiter – und stellt die Frage, wie viel Wahrheit eine Gemeinschaft auszuhalten bereit ist. Gartmann liest am Mittwoch, 28. Oktober, um 18.30 Uhr im «Goldenen Dachs».
Von Lücken und Verdrängung
Wie wir uns erinnern, ist nicht immer eindeutig. Zwischen Erlebtem und Erzähltem liegen Lücken, Verdrängungen und nachträgliche Deutungen. Literatur kann solche Brüche sichtbar machen und damit eine neue Perspektive auf die eigene Geschichte eröffnen.
Sarah Elena Müller, nominiert für den Schweizer Buchpreis 2026, beschäftigt sich mit den Abgründen einer Beziehung, mit unsicherer Erinnerung und der Frage, wer die Deutungshoheit über eine gemeinsame Vergangenheit besitzt. Ihre Lesung findet am Sonntag, 1. November, um 13.30 Uhr im Rathaussaal statt. Bereits Müllers Debütroman «Bild ohne Mädchen» hatte für Aufsehen gesorgt. Wie sie überhaupt zum Schreiben gekommen ist, das hatte sie thurgaukultur in einem Interview damals verraten.
Wenn die vertraute Wirklichkeit ins Wanken gerät
Nicht alle Figuren der Weinfelder Buchtage suchen nach ihrer Vergangenheit. Manche geraten durch eine Begegnung oder eine unerwartete Erfahrung aus dem Gleichgewicht.
Julia von Lucadou erzählt in «Zeiten erhöhter Gefahr» von einem Mann, der sein Leben unter Kontrolle zu haben glaubt, bis eine Begegnung mit einem Toten seine Gewissheiten erschüttert. Angst, Erinnerung und Verdrängung untergraben seine Sicherheit. Von Lucadou liest am Donnerstag, 29. Oktober, um 20 Uhr im «Goldenen Dachs».
Julia Weber wiederum öffnet mit «Weil ich Ruth bin» die Tür zum Fantastischen. Ihre Hauptfigur kann Menschen vorübergehend in Tiere verwandeln. Das Ungewöhnliche macht sichtbar, was Menschen fehlt und wonach sie sich sehnen. Auch hier wird die vertraute Wirklichkeit zum Ausgangspunkt einer Suche nach anderen Möglichkeiten des Lebens. Weber ist am Donnerstag, 29. Oktober, um 18.30 Uhr zu Gast.
Wenn die Welt nicht mitspielt
Manik Sarkar erzählt in «Ochsenkopf» von einem Metzger, der sein Geschäft nach eigenen Vorstellungen führen möchte, dabei aber gegen die wirtschaftlichen Veränderungen seiner Umgebung ankämpft. Der tragikomische Konflikt stellt die Frage, wie lange persönliche Überzeugungen tragen, wenn die Welt sich in eine andere Richtung bewegt. Sarkar liest am Samstag, 31. Oktober, um 19 Uhr.
Auch Max Küng interessiert sich für die kleinen und grossen Verwerfungen im Alltag. In seinem Roman «Supertoskana» treffen Menschen mit ihren Erwartungen, Eigenheiten und Beziehungskonflikten aufeinander. Die Ferien werden dabei nicht unbedingt zur erhofften Auszeit, sondern zum Schauplatz jener Spannungen, die sich auch mit viel Abstand nicht einfach abschütteln lassen. Küng liest am Mittwoch, 28. Oktober, um 20 Uhr.
Die Eigenheiten der Sprache
Einen leichteren, aber nicht weniger aufmerksamen Zugang zu dem, was uns prägt, bietet Manfred Papst. Seit 24 Jahren schreibt er die Kolumne «Zugabe» für die «NZZ am Sonntag». Für sein Buch hat er 99 Texte über die Eigenheiten, Geschichten und Tücken der Sprache ausgewählt. Was bedeutet «gäbig»? Warum gibt es «unflätig», aber nicht «flätig»? Und weshalb verstehen Menschen nördlich der Schweizer Grenze nicht immer, was gemeint ist, wenn jemand sagt, er sei «im Ausgang» gewesen?
Papst zeigt mit Witz, wie viel Geschichte und Eigenart in unseren Wörtern steckt. Seine Lesung am Dienstag, 27. Oktober, um 20 Uhr im «Goldenen Dachs» setzt einen spielerischen Akzent: Auch Sprache erzählt davon, woher wir kommen und wie wir die Welt sehen.
Globi soll die jungen Leser locken
Wie in den vergangenen Jahren auch schon, so bieten die Buchtage auch einen Zugang für ein jüngeres Publikum: Am Samstag, 31. Oktober, um 15 Uhr nimmt Boni Koller im «Goldenen Dachs» das junge Publikum mit ins Globi-Universum. Der Musiker und Autor schreibt seit 2019 die Verse für die Abenteuer des blauen Vogels. Mit Bildern der Zeichner Daniel Frick und Samuel Glättli erzählt er, wie die beliebten Kinderbücher entstehen – und vielleicht gibt es auch ein paar passende Lieder dazu. So wird Literatur nicht nur vorgelesen, sondern ihre Entstehung selbst zum Thema.
Die Weinfelder Buchtage versammeln unterschiedliche Stimmen und literarische Formen. Neben den Romanen und persönlichen Geschichten stehen Begegnungen, die den Blick auf den Alltag und seine Widersprüche richten.
Am Sonntag, 1. November, um 11 Uhr nehmen Mona Vetsch und Tom Gisler im Rathaussaal das Publikum mit in die Herausforderungen des mittleren Alters. Pedro Lenz und Simon Ho beschliessen das Festival am selben Ort um 15 Uhr.
Zwischen Nachdenklichkeit und Leichtigkeit
Blickt man auf das Gesamtprogramm zeichnet sich eine Verbindung zwischen vielen der vorgestellten Bücher ab: Sie interessieren sich für Menschen, deren Selbstbild, Erinnerungen oder Lebenspläne nicht ohne Weiteres mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Manche suchen in der eigenen Geschichte nach Antworten, andere geraten durch gesellschaftliche Veränderungen unter Druck. Wieder andere begegnen diesen Widersprüchen mit Humor.
Die Literatur bietet dafür keine einfachen Lösungen. Sie eröffnet vielmehr unterschiedliche Perspektiven auf die Frage, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind – und wie wir davon erzählen können. Mehr dazu dann ab 27. Oktober bei den Buchtagen in Weinfelden.

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