von Elke Reinauer, 03.06.2026
Bücherfest Frauenfeld: „Gelesen wird immer“

Das Frauenfelder Bücherfest ist bereits wieder Geschichte. Vom 28. bis 31. Mai fanden in der Kantonshauptstadt Lesungen und Literaturgespräche statt, verteilt auf vier Tage – mit neun Veranstaltungen allein am Samstag. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Dass Bücher nach wie vor gelesen werden, bewies die Aktion «Frauenfeld liest ein Buch». Dieses Jahr stand Usama Al Shamanis Roman «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied» im Mittelpunkt. Den Abschluss fand die Aktion auf dem Bücherfest selbst.
Wer während des Bücherfests von Veranstaltung zu Veranstaltung zog, musste nicht einmal zum Essen nach Hause: Im eigens eingerichteten Café war für Verpflegung gesorgt. Doch die geistige Nahrung war der Grund, weshalb die meisten gekommen waren, der Austausch über Literatur, über das, was dahintersteckt, und vor allem: wer dahintersteckt. Wie Autorinnen und Autoren schreiben, ob eher für sich selbst, wann sie sich entscheiden, ein Thema an die Öffentlichkeit zu tragen und welche Fragen gute Bücher aufwerfen können.
Daniel Speck und die Villa Rivolta
Freitagabend in der Theaterwerkstatt Gleis 5: Trotz der Hitze fanden sich viele Besucherinnen und Besucher ein, um Autor Daniel Speck und Moderatorin Judith Zwick zuzuhören. Speck las aus seinem Roman «Villa Rivolta», der die Geschichte der italienischen Unternehmerfamilie Rivolta erzählt, jenes Unternehmens, das in der Realität die Isetta baute, später als BMW-Knutschkugel bekannt, sowie den Sportwagen Iso Grifo. Autos spielen im Roman dennoch eine Nebenrolle. Speck kam trotzdem kurz auf das Thema zu sprechen: „Heute sehen Autos von aussen wie Panzer und von innen wie Smartphones aus, uns ist die Eleganz verloren gegangen.“
Weniger um Eleganz, dafür mehr um Sport ging es bei der Lesung von Verena Kessler im Kaff. Sie las aus ihrem Roman «Gym», in dem es um eine namenlose Frau geht, die langsam dem Fitnesswahn verfällt und sich immer mehr in Lügen verstrickt. Passend zum Thema trug die Autorin Jogginghosen. Interviewt wurde sie dabei von Journalistin und Kolumnistin Nina Kunz.
Usama Al Shamani und das Schweigen
Der Andrang beim Gespräch mit Usama Al Shamani, moderiert von Ivna Žic, am Samstag im Berner Haus, war so gross, dass noch Stühle herbeigeschafft werden mussten. Al Shamani schreibt Prosa auf Deutsch und Lyrik auf Arabisch. Eine Zweiteilung findet sich auch in seinem Roman «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied» wieder: Zwei Erzähler verweben eine Geschichte. Im Zentrum steht eine Vater-Sohn-Geschichte über dreissig Jahre des Schweigens, über Flucht, Zerrissenheit und ein ungewöhnliches Testament: Die Asche des Vaters soll in Jerusalem und Bagdad verstreut werden.
„Schweigen ist für mich wie Farbe. Und ein grosses Thema in meinem Buch.“
Usama Al Shahmani
Auf die Frage, warum der Vater im Roman nicht über sein Trauma spreche, antwortete Al Shamani: Im Arabischen gebe es sieben Wörter für Schweigen, die alle unterschiedliche Bedeutungen hätten, wie etwa: nicht wollen, nicht können, die Zeit sei noch nicht reif. „Schweigen ist für mich wie Farbe. Und ein grosses Thema in meinem Buch.“ In der offenen Fragerunde wollte Buchhändlerin und Mitorganisatorin des Bücherfests Marianne Sax wissen, wie wir als Gesellschaft mit Flucht umgehen und was die daraus resultierende Zerrissenheit mit uns als Gesellschaft mache. Al Shamanis Antwort: Flucht mache verantwortungsvoll und als Gesellschaft habe man die Wahl: „Mauern bauen oder uns öffnen, das ist nur eine Variante einer Antwort.“ Seine Antwort sei das Schreiben, so der Autor.
Fazit der Veranstalter
500 Besuchende verzeichnete das OK des Vereins Lesefeld. „Es war einfach eine mega tolle Festivalstimmung“, sagt Nadia Guddelmoni, die zusammen mit Marianne Sax das Programm organisiert hatte. „Überall konnte man zu Fuss hin und viele sind noch spontan zu Veranstaltungen gekommen.“ Ihr persönlicher Höhepunkt war die Lesung der ukrainischen Autorin Iryna Fingerova, die mit «Zugwind» ihren ersten Roman auf Deutsch vorlegte. Wie geht Leben in einem Land, in dem Krieg herrscht, war eine der zentralen Fragen des Buches.
Einen Wermutstropfen gibt es: Für das nächste Bücherfest werde sich der Verein überlegen, wie man mehr Kinder erreichen könne, sagt Guddelmoni. „Schade war, dass zu der Veranstaltung für Kinder hauptsächlich Erwachsene kamen.“ So präsentierten Autor Thomas Meyer und Illustratorin Magali Franov ihr Kinderbuch «Herschel» vor eher grösserem Publikum. Auch die Übernachtungsparty bei Saxbooks, bei der Kinder zwischen Romanen und Bilderbüchern hätten schlafen können, fiel wegen mangelhafter Nachfrage aus. Zeitgleich zum Bücherfest hatten am letzten Maiwochenende in Frauenfeld weitere Anlässe wie das Grabenfest, das Food Festival, eine Kulturveranstaltung im Eisenwerk und weitere stattgefunden. Guddelmoni meint dazu: „Da würden wir uns eine bessere Absprache mit den Kulturschaffenden und der Stadt wünschen.“
Das Bücherfest sei ein wichtiger Treffpunkt, auch für Autorinnen und Autoren. Viele Besuchende hatten rückgemeldet, dass das Programm vielfältig gewesen sei und ein hohes Niveau gehabt habe. Mit dem Kaff und dem Kunstverein konnte das OK gemäss Guddelmoni in diesem Jahr zwei neue Kooperationspartner:innen gewinnen. „Wir freuen uns immer über Kooperationen“, sagt sie.
In zwei Jahren findet das nächste Bücherfest statt. Bis 2028 muss jedoch niemand auf Literatur warten: Am 23. Juni liest Judith Herrmann in der Kantonsbibliothek. Ausserdem läuft gerade die Leseraktion «Buch auf!» – noch bis in den Herbst können Teams aus dem ganzen Kanton ihre Lesezeit eintragen und gemeinsam 100 intensive Lesetage sammeln. „Es wird also immer gelesen“, sagt Nadia Guddelmoni.

Von Elke Reinauer
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