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von Elke Reinauer, 15.05.2026

Die Künstlerin der Prozesse

Die Künstlerin der Prozesse
Daniela Sprenger in ihrem Atelier in Wängi. | © Elke Reinauer

Sichtbar machen, wofür es keine Worte gibt: Daniela Sprengers Kunst berührt ganz unmittelbar. Beim Frauenfelder Kunst-tag Ende Juni kann man es erleben. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Ein riesiger Kokon hängt an einem Ast im Wald. Licht fällt zwischen die Kronen der Bäume. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass die Hülle des Kokons aus vielen gefalteten Buchseiten besteht. Das bevorzugte Material der Künstlerin Daniela Sprenger aus Wängi. 

«Ich habe lange gebraucht, um den perfekten Wald für den Kokon und die Aufnahmen zu finden», sagt sie. Der Wald, in dem sie ihren Kokon aufhängen wollte, sollte kein Unterholz besitzen, keine Sträucher auf dem Waldboden. Die Baumstämme wachsen gerade nebeneinander. Mit diesem Kokon aus Buchseiten gewann die Künstlerin den ersten Platz beim vergangenen Frauenfelder Kunst-tag 2025. 

 

Der Kokon, mit dem sie den ersten Platz auf dem Kunst-tag 2025 belegte. Bild: Elke Reinauer

Ein Werk wie ein komplexes Gefühl

Das Thema, mit dem sich die Künstlerin und Fotografin dafür intensiv auseinandersetzte, war: Metamorphose – Verwandlung – Veränderung. Das Publikum interessierte sich für ihren Kokon, und so kam sie auf dem Kunst-tag mit vielen Menschen ins Gespräch. «Ich bin genau da, an diesem Punkt in meinem Leben», so die Rückmeldung einiger Besucher. 

Daniela Sprenger erinnert sich an eine berührende Begegnung: «Eine Frau kam zu mir, betrachtete die Skulptur, ging wieder weg, kam zurück, mit Tränen in den Augen, und sagte, dass es ihr genauso ergehe. Sie fühle sich in einem Kokon. Oder der Mann, der beim Anblick einer ihrer Objekte zu seiner Frau sagte: ‹Ich fühle mich so.›» Er habe es bis jetzt nicht in Worte fassen können. 

Genau das lösen Daniela Sprengers Objekte aus, auf einmal wird etwas, wofür es keine Worte gab, sichtbar.

Wendepunkt im Leben

Ihre Kunst sei der Auslöser für andere, ihre eigenen Prozesse zu sehen. «Ich möchte Prozesse zum Ausdruck bringen. Gefühlen und Veränderungen eine Form geben.» Jeder habe ja seine eigene Geschichte und bei ihr sei es ihre Krebserkrankung, die 2016 bei ihr diagnostiziert wurde. Oft seien es diese schweren Erfahrungen, die das Leben einem aufzwinge, und die dafür sorgten, dass man sich zurückziehe. 

Daniela Sprenger spricht aus Erfahrung, denn auch sie zog sich in einer schweren Lebensphase zurück. «Das Bild eines Kokons war so stark. Man kann sich da auch nicht mehr bewegen», sagt sie. Es herrscht Starre. Aber wie lange? Ihre Familie und Freunde hatten immer mal wieder angeklopft und signalisiert, dass sie da sind für Daniela Sprenger. «Sie waren wie die Sicherheitsfäden der Puppe im Kokon», sagt sie. 

Die Sicherheitsfäden stützen die Puppe einiger Schmetterlingsarten in ihrem Kokon und werden dafür verwendet, sie an Zweigen oder anderen Oberflächen festzuhalten. «Und ich hab' irgendwann beschlossen, ich komme wieder raus aus meinem Kokon.» Auch wegen der Gespräche mit ihren Liebsten, die sie gehalten und begleitet hatten.

 

Alte Buchseiten sind ihr bevorzugtes Material. Bild: Elke Reinauer

Kamera und Text

Aus ihren Erfahrungen heraus arbeitet Daniela Sprenger gerne vielseitig, sie liebt Worte, nicht nur die auf den Seiten alter Bücher, mit denen sie arbeitet, sondern sie schreibt auch gerne. Für ihre letzte Ausstellung 2024 in der Komturei verband sie Objekte und Fotografien mit ihren Texten. Dabei ging es um den sicheren inneren Ort, an den man sich zurückzieht, wenn im Aussen alles zu viel wird. Wie jetzt mit ihrem Kokon gestaltete sie damals ein riesiges Nest, das sie in der Natur fotografierte. 

Von der Floristin zur Künstlerin

Das Fotografieren sei einerseits ihr Beruf, mit klassischen Familien- und Hochzeitsbildern, andererseits ist die Kamera auch das Mittel ihrer Wahl, um sich auszudrücken. «Die Kamera ist mein Pinsel», denn malen liege ihr nicht so. «Am liebsten fotografiere ich Menschen, die nicht mögen, wie sie auf Fotos aussehen.» Das sei eine Herausforderung. «Die Leute vertrauen mir und entdeckten meist eine Seite in den Bildern, von der sie nicht wussten, dass sie existiert.» 

Ihre kreative Reise begann sie als Floristin. Heute lebt Daniela Sprenger, die gebürtig aus Weingarten bei Lommis stammt, mit ihren Söhnen und ihrem Mann in Wängi, in einem Haus, in dem sie im Keller ihr Atelier hat. Hier gestaltet sie ihre Kunstwerke aus Buchseiten.

 

Daniela Sprenger mit Schmetterling: Metamorphose ist ihr Thema. Bild: Elke Reinauer

 

Sie bietet auch Trauerbegleitung an

Einen zweiten Standort betreibt sie in Wängi. Dort befindet sich die Trauerwerkstatt. Daniela absolvierte eine Ausbildung als Trauerbegleiterin. Hier dürfen die anderen ihre Gefühle zum Ausdruck bringen und Daniela Sprenger hilft ihnen mit ihrer Kreativität. «Ich merke, dass die Kombi von meiner Kunst und mentalen Themen das ist, wo die Leute sich wieder finden.» 

Wenn jemand trauert, sei es wichtig, alle Gefühle anzuschauen. Trauer entsteht aber nicht nur, wenn man einen geliebten Menschen verliert, es kann auch sein, dass sie auftritt, weil man sich aufgrund einer Krankheit einschränken müsse oder einen Job verliert. «Viele, die trauern, haben das Gefühl, ich bin nicht normal, ich trauere zu lange…» Hier begleitet Daniela Sprenger und schafft Raum. 

Jetzt baut sie einen Pavillon der Erinnerung

Ihre Trauerwerkstatt ist in hellen Räumen untergebracht, überall hängen ihre Kunstwerke aus Papier, zum Beispiel ein Tränenschleier. Davor zwei Stühle in Rose und viel Grün. Es gibt Erinnerungsecken mit von ihr gestalteten Werken, wie zum Beispiel das Erinnerungsglas, ein von ihr gestaltetes Glas mit einem Erinnerungsstück. Ausserdem Trauerkarten und weitere «Trauerstücke». Sie bietet auch Workshops an wie zum Beispiel am 16. Mai zum Thema Erste-Hilfebox für Trauer. (mehr dazu auf www.danielasprenger.ch/trauerwerkstatt)

Auch ihre nächste Ausstellung wird sich mit einem der Trauer verwandten Thema beschäftigen: Sie gestaltet gerade einen Pavillon voll aus alten Büchern zum Thema Erinnerung. «Die Leute in meinem Umfeld haben mich für verrückt gehalten», sagt sie und lacht. Denn der Pavillon ist drei auf vier Meter gross und soll ein Raum für Erinnerungen sein; der Gang in den Pavillon wie durch einen dichten Wald, einen Wald der Erinnerung. Ausstellen wird sie ihn am Frauenfelder Kunst-tag am 28. Juni in der Rügerholzhalle.

Kein Kokon mehr, sondern einen Raum, den andere betreten können. Wer weiss, was sie dort finden werden: Vielleicht ihre eigene ganz persönliche Metamorphose.

Mehr Informationen zu Daniela Sprengers Kunst gibt es auf ihrer Webseite www.danielasprenger.ch.

 

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