von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 02.07.2026
Gipfeltreffen der Subkulturen

Als würden sich Donnie Darko und James Cameron begegnen: In einer neuen Ausstellung in Diessenhofen treffen düstere Emofiguren auf bunte, avatargleiche Fabelwesen. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Nur mal angenommen, der grosse, gruslige Hase aus dem spektakulär guten Filmklassiker «Donnie Darko» stünde plötzlich in den Räumen des Diessenhofener Museums kunst + wissen, man würde sich nicht wundern. Richard Kellys Film aus dem Jahr 2001 ist gewissermassen die Celluloid-Werdung einer jugendlichen Subkultur namens Emo.
Man trug Schwarz, Geschlechter wurden erstmals fluide, und wer sich als Emo bekannte, meinte damit vor allem eine tiefe Emotionalität, Verletzlichkeit und den bewussten Ausdruck von innerer Zerrissenheit. Düsternis und Melancholie waren und sind ein zentrales Element der Emo-Kultur.
Genau das findet sich auch in den Arbeiten des Winterthurer Künstlers Michael Albisser, die derzeit in Diessenhofen zu sehen sind. Dunkle Visionen, traurige Teenager, verzweifelte Erlösungshoffnungen, in Armut lebende Kinder. Alles, was man sich auf dieser Welt schlecht vorstellen kann – es findet sich in den Werken von Albisser. In der Ästhetik an Computerspiele angelehnt, arbeitet Albisser technisch sehr akribisch mit einer Mischung aus architektonischen und künstlerischen Mitteln. Acryl, Airbrush, Collagen, manchmal auch Öl.
Was, wenn der Kommunismus gesiegt hätte?
Was die Bilder eint, ist, dass sie wie eine Mahnung wirken. Seht her, es könnte alles noch viel schlimmer sein. Das trifft zumindest auf seine städtebauliche Vision von Diessenhofen und der deutschen Nachbarstadt Gailingen zu.
Hier Diessenhofen mit seinen schmucken mittelalterlichen Fassaden, dort eine scharfe Linie aus kantigen Hochhäusern, dazwischen ein vertrockneter Rhein, in dem verwahrloste Kinder vor Müllsäcken spielen. «Es beschreibt die Frage, was gewesen wäre, wenn der Kommunismus in Deutschland gesiegt hätte und bis an unsere Grenze gerückt wäre», erklärt Albisser, der selbst einige Jahre in Diessenhofen gelebt hat.
Selfiekultur, Social-Media-Wahn, Fake News, Tablettensucht und Einsamkeit thematisiert der Winterthurer in seiner Kunst. Keine Frage, Albisser hält unsere Zeit für ziemlich verkommen. Hoffnung kommt nur angesichts eines herannahenden Zuges auf – während der Betrachter sich unversehens selbst auf den Gleisen wiederfindet.
Es ist das vielleicht emotionalste Bild, das Albisser hier zeigt, gleichzeitig ist es auch das heikelste, weil man ihm unterstellen könnte, Selbstmord als Erlösung zu stilisieren. Der Künstler selbst sieht das anders. Er sagt: «Das Bild thematisiert nicht den Akt, sondern den Zustand davor: Müdigkeit, Isolation, das Gefühl des Stillstands in einer sich weiterdrehenden Welt.»
Gold, Glitter und Fabelwesen
Suchte man in diesem Moment nach dem grösstmöglichen künstlerischen Unterschied, man müsste sich nur umdrehen. Dann blickt man in die vor Blumen, Farbenfreude, freundlichen Tieren und anderen Fabelwesen nur so strotzenden Arbeiten von Marianne Chiu. Sie stammt ebenfalls aus Winterthur, hat aber anders als Albisser einen eher intuitiven und durchweg positiven Zugang zu Welt und Kunst. Gold, Glitter, alte Ohrringe und Wesen, die an James Camerons Blockbuster «Avatar» erinnern, strahlen einen von Chius Leinwänden an. Geprägt von einem Leben mit einem chinesischen Ehemann, haben sich asiatische Motive tief in ihr Werk eingeschrieben.
Zur Kunst hat sie erst als Spätberufene gefunden, und nun kann sie es einfach nicht mehr lassen. Es ist wirklich verblüffend, aber in all dem Gewusel und Gewimmel ihrer Arbeiten kreiert Marianne Chiu ikonengleiche Frauenfiguren, die irgendwas zwischen Unbedarftheit und Selbstbewusstsein ausstrahlen. Stärke, Zerbrechlichkeit und auch ein Hauch von Melancholie sind in manchem Blick zu entdecken. Wenn man so will – female empowerment durch die Kraft der Natur.
Frida Kahlo kommt einem in den Sinn
Auf den ersten Blick könnte man Chius Arbeiten für dekorativ halten. Es würde ihnen aber nicht gerecht, weil sie tiefer gehen in all den Schichten, die die Künstlerin aufträgt. Frida Kahlo kommt einem in den Sinn, allerdings eher wegen der Bildidee als wegen der Maltechnik: zentrale Frauenfigur, Tiere als Begleiter, Pflanzen als emotionale Sprache, Selbstbildnis-Charakter. Die Einflüsse sind erkennbar, aber die Kombination aus den sanften Porträts, den ornamentalen Flächen, den Tierfiguren und der leuchtenden Farbpalette entwickelt bereits eine eigene Bildsprache.
Melancholie als Brücke
Dass Kuratorin und Museumsleiterin Lucia Angela Cavegn ausgerechnet diese beiden Positionen in einer Ausstellung vereint, zeugt von einem gewissen Mut. Denn beim schnellen Durchlaufen erkennt man kaum Verbindendes in den Werken von Michael Albisser und Marianne Chiu. Cavegn hat es gefunden und bringt es in dem Titel der Ausstellung – «Melancholie zwischen Traum und Wirklichkeit» – auf den Punkt. Während die einen noch träumen, sind die anderen schon in der bitteren Realität erwacht. Das wäre die fatalistische Interpretation. Man könnte aber auch sagen: Es braucht Träume, um die Wirklichkeit neu zu formen.
Für welche Variante man sich entscheidet, das liegt an jeder und jedem selbst.
Noch bis 23. August zu sehen
Die Ausstellung «Melancholie zwischen Traum und Wirklichkeit» von Michael Albisser und Marianne Chiu ist noch bis 23. August im Museum kunst + wissen in Diessenhofen zu sehen. Geöffnet: Fr/Sa/So 14 bis 17 Uhr
oder nach Vereinbarung (nur für Gruppen). Kostenloser Eintritt.
Sonntag, 16. August 2026, 15 Uhr - Artist Talk mit Marianne Chiu
Gespräch zwischen der Künstlerin und Lucia Angela Cavegn
Sonntag, 23. August 2026, 15 Uhr - Finissage
Öffentliche Führung, anschliessend Apéro

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