von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 30.07.2026
Haben wir das Geld oder hat das Geld uns?

Was ist wahres Glück? Mit Molières «Der Geizige» und Brüder Grimms «Hans im Glück» begeben sich die Schlossfestspiele Hagenwil in diesem Jahr auf die Suche. Premiere ist am 5. August. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Es gebe so Momente, sagt der Regisseur Florian Rexer, «da musst du die Schauspieler:innen kitzeln, reizen, vielleicht auch nerven, damit sie die beste Version ihrer Rolle auf die Bühne bringen. Damit sie den Text nicht nur aufsagen, sondern wirklich fühlen.» Ein Dienstag Ende Juli ist offenkundig so ein Tag. Noch acht Tage bis zur diesjährigen Premiere der Schlossfestspiele Hagenwil und der Schauspieler Christoph Heusser steht auf der Bühne des kleinen Wasserschlosses und ringt mit seinem Text.
«Nein, nochmal», ruft Regisseur Rexer. «Du musst es denken, aber du musst es auch fühlen», erklärt er seinem Schauspieler. Heusser setzt wieder an, die Szene läuft, dem Regisseur ist das alles noch zu brav: «Stop. Ich will dich wütend sehen! Versuche mal, dich nicht an den schönen Worten des Textes festzuhalten, lass los, lass mich spüren, was du fühlst!» Florian Rexer, kurze Hose, schwarzes «Vans»-T-Shirt, erklärt das alles freundlich, aber schon auch nachdrücklich. Er will ja, dass es gut wird bei der Premiere am 5. August. Die Schlossfestspiele sind sein Baby, zum 17. Mal führt er hier Regie.
Video: Trailer zur Inszenierung
Ist Geiz wirklich geil? Worum es in dem Stück geht
In diesem Jahr spielen sie hier Molières «Der Geizige», Christoph Heusser übernimmt darin die Rolle des Clemens Häberli, des Sohns der Hauptfigur, dem Schokoladenfirmenpatron Hermann-Hans Häberli (gespielt von Bruno Riedl). In der Originalversion des französischen Dramatikers aus dem 17. Jahrhundert geht es, knapp gesagt, um einen geizigen Familienvater, der die Heiratspläne seiner Kinder über den Haufen wirft, weil er Geld über alles stellt. Am Ende muss er allerdings erkennen, dass Reichtum allein nicht glücklich macht.
Jean-Baptiste Poquelin alias Molière (1622–1673) war ein französischer Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker. Er ist einer der grossen Klassiker und machte die Komödie zu einer der Tragödie potenziell gleichwertigen Gattung. Sein Stück «Der Geizige» wurde am 9. September 1668 in Paris uraufgeführt. Hauptquelle war die unvollständig überlieferte Komödie «Aulularia» des römischen Dichters Plautus.
Die Reaktionen auf das Stück fielen unterschiedlich aus, wie in Kindlers Neuem Literaturlexikon nachzulesen ist. Denis Diderot (1712–1784), Schriftsteller, Übersetzer und Philosoph, warf Molières Figuren vor, sie seien überzeichnet, und forderte im Schauspiel alltäglichere Charaktere, welche die ernst zu nehmende Seite der menschlichen Natur zeigen sollten.
Der grosse Genfer Aufklärer Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) wiederum bemängelte das respektlose Verhalten Cléantes gegenüber seinem Vater und urteilte, «dass das Publikum über etwas zum Lachen angehalten werde, worüber es sich zu entrüsten habe». Der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) hob am Stück das Tragische hervor, das sich für ihn gerade im Konflikt zwischen Vater und Sohn manifestierte.
Das ist auch der Gedanke, der den Regisseur Florian Rexer an dem Stoff am meisten interessiert hat. Wie üblich bei den Schlossfestspielen wurde der Text überarbeitet und für die Bedürfnisse vor Ort angepasst. Die Handlung verlegte Rexer von Frankreich in die Ostschweiz. In das Jahr 1955. Es ist die Ära des klassischen Patrons: «Das war eine Epoche, in der das Prinzip «Ich Chef, du nix» keine Karikatur war, sondern ein unumstössliches Fundament der Arbeitswelt», sagt Rexer. Molières Stoff genau hier zu platzieren, schien ihm schlüssig.
Wo er selbst anschliessen konnte, war bei der Haltung, die das Stück durchzieht. «Ich komme aus Schwaben, das Sparen ist mir quasi in die Wiege gelegt worden. Ich kenne das Sparen aus der Not heraus. Das ist aber etwas anderes als das raffgierige Sparen, das die Hauptfigur des Stücks antreibt», findet Regisseur Rexer. Für ihn ist klar: «Geiz blockiert den Lebensfluss. Grosszügigkeit hingegen öffnet ihn – besonders dort, wo es um Lachen, Liebe und Menschlichkeit geht.» Das aufzuzeigen sei quasi zeitlos wichtig.
Kapitalismuskritik und die Suche nach dem Glück
Dass das Ganze natürlich auch eine politische Ebene jenseits individueller charakterlicher Neigungen hat, weiss Florian Rexer auch. Natürlich könne man das Stück auch als Kapitalismuskritik verstehen. Insbesondere, was die Rolle von Unternehmen und Banken in der Gesellschaft betrifft. Im auch sonst sehr lesenswerten Programmheft zu den Schlossfestspielen macht Rexer das deutlich: «Gefährlich wird es dort, wo das Geld vergisst, warum es erfunden wurde. Es war nicht dazu da, Menschen klein zu machen. Es war dazu da, Austausch zu ermöglichen. Es sollte dienen. Nicht herrschen.»
Wie viel man von dieser Haltung am Ende auch auf der Bühne sehen wird? «Ich glaube, man kann das schon heraushören, aber es wird nicht Hauptthema der Inszenierung sein. Am Ende machen wir hier immer noch Unterhaltung, die Leute sollen eine gute Zeit haben. Und vielleicht denken sie nach dem Besuch doch noch einmal darüber nach», hofft der Regisseur. Die zentrale Frage, die Molières Stück aus seiner Sicht formuliert, könne man sich auch ohne jede politische Brille jederzeit stellen: «Haben wir das Geld oder hat das Geld uns?»
Noch ein Suchender: Für Kinder gibt es «Hans im Glück»
Ein bisschen sei das auch eine Brücke zu dem Kindertheaterstück, das in diesem Jahr gespielt wird: «Hans im Glück» von den Brüdern Grimm. «Auch da stellt sich die Frage nach dem wahren Glück und danach, was wirklich wichtig ist im Leben», findet Florian Rexer.
Die Antworten darauf findet nach der Aufführung idealerweise jeder für sich selbst.
Alle Aufführungstermine
Ab dem 5. August wird bei den Schlossfestpielen Hagenwil in diesem Jahr gespielt. Alle Aufführungsdaten gibt es bei uns in der Agenda.

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