von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 11.08.2026
«Man darf den Glauben an sich nicht verlieren.»

Die Autorin Regina Dürig begleitet als Mentorin das Literaturförderprogramm «Passage». Im Gespräch erzählt sie, wie man als Autor:in die eigene Stimme findet, wie sie selbst zur Literatur kam – und warum sie das Schreiben trotz aller Mühe nicht als mühsam bezeichnen würde. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Frau Dürig, Sie begleiten im Literaturförderprojekt «Passage» Schreibende als Mentorin. Kann man das Schreiben überhaupt lehren, oder muss jede und jeder den eigenen Weg finden?
Man kann ermutigen. Man kann Dinge sehen, die im Text schon angelegt sind, aber noch unter der Oberfläche liegen, und sagen: Das finde ich interessant, diese Richtung könntest du verstärken. Mehr ist es eigentlich nicht. Ich bin nur ein Gegenüber und kann immer nur sagen, was ich verstehe, was ich nicht verstehe, was mich berührt. Das ist wie ein Spiegel – die Person selbst muss entscheiden, wie viel Gewicht sie dem gibt. Ein Mentorat ist eigentlich ein privilegiertes Gespräch unter zwei Menschen, die sich intensiv mit derselben Sache beschäftigen, nur an unterschiedlichen Punkten. Oft ist den Autorinnen und Autoren selbst gar nicht bewusst, was an ihrem Text besonders ist – die Chance im Mentorat liegt darin, das sichtbar zu machen, zu benennen, damit man bewusst weiterarbeiten kann.
Gibt es eine erste Frage, die Sie immer einem neuen Mentee stellen?
Ich frage immer: Wo steht der Text gerade – und wo steht die Person selbst damit? Ist das etwas, an dem seit zwei Jahren gefeilt wird, oder etwas, das vor zwei Monaten entstanden ist? Das macht einen grossen Unterschied. Und meine eigentliche erste Frage ist: Was ist die wichtigste Frage der Person, mit der ich spreche? So trete ich durch ihre Tür ein, statt mit meinem eigenen Blick in den Text hineinzuplatzen.
«Passage» heisst ein Projekt der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, das Nachwuchs-Autor:innen auf dem Weg zum professionellen Text helfen will. Ab November 2026 erhalten während eines Jahres bis zu vier Teilnehmende die Möglichkeit, mit einer etablierten Schweizer Autorin oder einem Schweizer Autor zusammenzuarbeiten. Neben Regina Dürig sind dies Simon Froehling, Laura Vogt und Levin Westermann. Die hierbei entstehenden Texte werden ab Mai 2027 bei thurgaukultur.ch veröffentlicht.
Die Literaturvermittlerinnen Rebecca C. Schnyder und Judith Zwick leiten das Projekt gemeinsam. Ermöglicht wird das Ganze durch den Nachlass von Renate und Peter Nagel, den die Thurgauer Kulturstiftung erhalten hat. Renate Nagel war eine deutsch-schweizerische Verlagslektorin und Verlegerin des Buchverlags Nagel & Kimche. Mehr dazu gibt es auch hier.
Wenn man heute Autorin oder Autor werden möchte – was muss man mitbringen?
Im Grunde immer dasselbe: die Bereitschaft, durchzuhalten. Lange Zeit allein mit dem Text zu sein, mit der Idee, mit sich selbst – und den Glauben nicht zu verlieren, dass das irgendwann auf Resonanz stösst. Social Media kann dabei helfen, Verlage von sich zu überzeugen, wenn einem das liegt. Aber im Kern bleibt es die eigene Stimme, die eigenen Geschichten – und eine gewisse Unbeirrbarkeit.
Wie findet man diese eigene Stimme?
Ich würde sagen: Indem man schreibt und indem man in der Welt unterwegs ist. Ich brauche die Zeit draussen, weg vom Schreibtisch. Beim Beobachten, auf Reisen oder bei Recherchen begegnen mir Stoffe und andere Stimmen, mit denen ich in Gespräche eintreten kann. Lesen ist sehr wichtig. Aber es gibt ganz verschiedene Herangehensweisen: Manche beginnen mit einer Idee oder einem Ton und schreiben von dort aus. Andere entdecken ihr Thema und den Sound erst während des Schreibens. Beides ist richtig. Entscheidend ist, den eigenen Arbeitsprozess kennenzulernen und ihm zu vertrauen.
«Ich kann nur spiegeln, was ein Text mit mir macht. Dann muss die Person selbst wissen, wie viel Gewicht sie dem gibt.»
Regina Dürig, Autorin
Wie entsteht aus einer Idee schliesslich Literatur?
Das ist schwierig, pauschal zu beantworten. Ich recherchiere gern und viel – bis ich mich fühle wie ein vollgesogener Schwamm –, bevor ich zu schreiben beginne. Andere mögen das gar nicht. Die Entscheidungen – welche Figuren, welche Perspektive, welche Sprache etc. – treffe ich bewusst, andere eher unterbewusst. Manchmal braucht es auch schlicht das Scheitern. Ich habe sieben Jahre versucht, über eine Altphilologin zu schreiben, deren Leben mich faszinierte – vorwärts, rückwärts, als Roman, als Kurzgeschichte. Irgendwann sagte ein Freund zu mir: ‹Ich verstehe immer noch nicht, warum dich diese Frau eigentlich interessiert.› Das hat mich völlig erschüttert. Und genau dieser Satz wurde später der erste Satz der Erzählung über Alice Kober in meinem letzten Buch „Frauen und Steine“. Alles, was ich in den Jahren davor geschrieben und verworfen hatte, hat dazu beigetragen, dass dieser Moment so eine Kraft hatte und ich noch einmal ganz neu ansetzen konnte.
Das klingt nach vielen Umwegen. Gehört Scheitern zum Schreiben dazu?
Ja. Aber ich empfinde das gar nicht negativ. Ich darf Dinge ausprobieren, verwerfen und neu anfangen. Das ist ein grosses Privileg. Schreiben muss nicht effizient sein. Man muss bereit sein, die Unsicherheit auszuhalten.
Regina Dürig, geboren 1982 in Mannheim, wuchs im Odenwald auf und studierte in Berlin Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation sowie anschliessend Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, wo sie heute lebt und unterrichtet. Sie schreibt Miniaturen, Kurzgeschichten, Hörspiele, Kinder- und Jugendbücher und ist Teil des Stories & Sounds-Duos Butterland. Für ihr Jugendroman-Manuskript, aus dem «2 ½ Gespenster» hervorging, erhielt sie 2015 den Peter-Härtling-Preis; für die Novelle «Federn lassen» 2021 den Literaturpreis des Kantons Bern sowie den erstmals vergebenen Weinfelder Buchpreis. 2025 erschien ihr Erzählband «Frauen und Steine» im Literaturverlag Droschl.
Woran merken Sie, dass ein Text fertig ist?
Eigentlich gar nicht. Ich finde fast immer noch einen Satz, den ich ändern würde. Irgendwann sagt allerdings der Verlag: Jetzt wird gedruckt. Und das ist wahrscheinlich auch gut so. Ab einem gewissen Punkt machen die Änderungen den Text wahrscheinlich nicht mehr wirklich besser. Es geht dann einfach ums Loslassen.
Ihr erstes Manuskript wurde gleich ausgezeichnet. Hat Ihnen das den Einstieg erleichtert?
Ja, das war ein grosses Geschenk. Ich musste mein Manuskript nie an Verlage schicken und das lange Schweigen aushalten. Für mich war die Ausschreibung für den Jugendbuchpreis, bei dem man unveröffentlichte Manuskripte einreichen konnte, wie ein Katalysator – ich brauchte einen Punkt am Horizont, auf den ich zuarbeiten konnte. Denn ich hatte damals das Gefühl, gar nichts Wichtiges zu sagen zu haben. Geholfen hat mir der Gedanke, das Buch zu schreiben, das ich selbst als Jugendliche gern gelesen hätte. Das hat die Angst, nicht genug Lebenserfahrung zu haben, ausgehebelt. Dieses Punkt-Sein am Horizont, das ist auch ein Vorteil von Mentoraten: die Verbindlichkeit eines Termins, bis zu dem ein Text entstehen sollte. Aber auch die Gewissheit, es freut sich jemand auf den Text, aufs Lesen.
«Schreiben muss nicht effizient sein. Man muss bereit sein, die Unsicherheit auszuhalten.»
Regina Dürig, Autorin
Welchen Rat geben Sie Menschen, die heute am Anfang ihres literarischen Weges stehen?
Man sollte sich anschauen, welche Möglichkeiten es gibt, den eigenen Text sichtbar zu machen – zum Beispiel in Wettbewerben, aber auch in Förderprogrammen wie ‹Passage›. Gleichzeitig ist Glück auch immer ein Teil des Weges, glaube ich. Ich habe oft erlebt, dass Bücher, die ich grossartig finde, im Betrieb wenig Aufmerksamkeit bekommen. Und umgekehrt. Diese Dynamiken sind nur schwer kalkulierbar. Daher ist das Wichtigste, bei der eigenen Arbeit zu bleiben. Oder anders gesagt: den Glauben an die eigene Stimme nicht zu verlieren.
Video: Interview mit Regina Dürig
Für die Bewerbung werden benötigt:
* Textproben aus einem laufenden Projekt oder aus einzelnen literarischen Arbeiten (10–15 Seiten)
* eine kurze Beschreibung (max. 2 Seiten); Woran wird gearbeitet? Was soll im Mentorat entwickelt werden? Was wird von der Teilnahme erwartet und gewünscht?
* eine Kurzbiografie oder einen Lebenslauf
Bewerbungsschluss ist der 25. August 2026. Der Entscheid erfolgt bis zum 20. September 2026.
Eine unabhängige Jury beurteilt die Bewerbungen und trifft die Auswahl.
Gesuchseinreichung
Die Bewerbungsunterlagen können per Mail unter folgender Adresse eingereicht werden: passage@kulturstiftung.ch
Fragen?
Details zu Ablauf, Terminen, Mentor:innen, Auswahlverfahren und Teilnahmebedingungen sind in den FAQ auf der Internetseite der Kulturstiftung des Kantons Thurgau beschrieben.

Weitere Beiträge von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter
- «Viele hier verstehen zu wenig, wie bedeutsam Museen sind.» (10.08.2026)
- Wie der Leinwandhandel Arbon veränderte (04.08.2026)
- Haben wir das Geld oder hat das Geld uns? (30.07.2026)
- «Man muss wollen – und dranbleiben» (21.07.2026)
- Kaffee, Kunst und nette Leute (16.07.2026)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Literatur
Kommt vor in diesen Interessen
- Interview
- Kulturförderung
- Belletristik
Ist Teil dieser Dossiers
Ähnliche Beiträge
«Man muss wollen – und dranbleiben»
Der Autor Simon Froehling begleitet als Mentor das neue Literaturförderprogramm Passage. Im Interview spricht er über Mentoring, literarisches Potenzial und den Mut, den eigenen Text herauszufordern. mehr
Zwischen Chaos und Hoffnung
Mit «Gunni – Scheitern in 6 Teilen» hat die im Thurgau aufgewachsene Lara Stoll ein Buch geschrieben, das von Seite Eins an mitreisst. mehr
„Es ist schön, das Schreiben“
Die in Müllheim lebende und schreibende Sprachkünstlerin Zsuzsanna Gahse feierte am 27. Juni ihren 80. Geburtstag. Seit 56 Jahren erscheinen ihre grandiosen Texte. mehr

