von Manuela Ziegler, 27.07.2026
Theater zum Anfassen

Vor 17 Jahren begann alles mit einer Biertischidee. Heute verwandelt das NordArt Theaterfestival Stein am Rhein in eine Bühne – und zeigt, wie Kleinkunst eine ganze Region zusammenbringen kann. Los geht es dieses Jahr am 5. August. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Treffpunkt ist am Brunnen inmitten der malerischen Altstadt von Stein am Rhein. Die beiden Initiator:innen des NordArt-Theaterfestivals, Katja Baumann und Simon Gisler, warten schon. Gisler legt einen Packen der aktuellen Programmhefte auf den Tisch im benachbarten Café. Seit Gründung des Festivals 2009 haben sie bei einem hiesigen Detaillisten die Hefte ausgelegt, nun sind sie erstmals abgeblitzt.
Ob wegen Personalwechsel oder geänderter Führungsstrategie, ist am Ende gleich: Ein Ort der Präsentation fehlt. «Für unser Festival ist Präsenz essenziell», sagt Co-Leiter Gisler. «Wir wollten von Beginn an ein Festival für die Bewohner von Stadt und Region machen», fügt Co-Leiterin Baumann hinzu. Beide stammen aus dem Zürcher Weinland und haben vom ersten Tag an ansässige Händler und Gewerbetreibende für ihr Projekt ins Boot geholt.
«Mit Kleinkunst sind wir so nah an den Menschen dran wie kaum eine andere Kultursparte.»
Katja Baumann, Co-Festivalleitung NordArt
Gisler erzählt, wie er durch private Beziehungen die ansässige Metzgerei gewinnen konnte, ihre Scheune als Festivalbeizli zur Verfügung zu stellen. Mit den hiesigen Handwerkern und Gewerbetreibenden kamen über die Jahre Partnerschaften zustande.
Befreundete Künstlerkollegen wie Schauspieler und Theaterregisseur Ueli Bichsel oder Kabarettist und Liedermacher Manuel Stahlberger seien anfangs gegen kleinere Gagen aufgetreten. «Wir sind denen allen bis heute dankbar», meint Gisler.
Es sei viel Gemeinschaftssinn in der Gesellschaft spürbar gewesen. «Die ersten fünf, sechs Jahre haben wir nahezu Selbstausbeutung betrieben, konnten uns bis ins vierte Jahr nicht mal die Spesen bezahlen», erinnert sich Baumann. Beide brachten neben ihrem Fachwissen als Theaterschaffende eine Portion Naivität mit, um überhaupt loszulegen.
Kleinkunst mit innovativen Genreformaten
Begonnen hat alles mit einer sprichwörtlichen Biertischidee. Baumann startete damals mit ihrem Solo-Programm im hiesigen Kino und Theater «Schwanen». Gisler, seinerzeit mit Regiearbeiten auch am Theater Schaffhausen engagiert, half bei der Einrichtung und Technikkonzeption der Schwanenbühne. «Der Wunsch, ein Theaterfestival zu gründen, war in mir sehr tief verankert», erinnert sich Gisler. Und so kam bei einem abendlichen Bier die Idee auf, das Projekt in Stein am Rhein zu starten.
Zu Anfang gab es eine Bühne im Schwanen und eine im Kloster St. Georgen. Die Eintrittskarten druckte Baumann zu Hause aus. Siebzehn Jahre später werden auf fünf Bühnen 25 Produktionen gespielt.
Video: Lisa Christ ist dieses Jahr auch im Programm (15. August)
In seiner Art ist das NordArt in der Schweiz einzigartig. Es deckt mit Kabarett, Comedy, Konzert und Theater, Spoken Word und Clownerie diverse Genres sowie innovative Mischformen ab. Und es präsentiert in diesem August neben Promis wie «Ohne Rolf», «Pasta del Amore» und Gardi Hutter auch Neuentdeckungen wie Johannes Dullin und Highlights wie Lisa Christ, nominiert für den Comedy Award.
Mit dem Etikett «Jungsegler» entwickelten sie 2016 einen Nachwuchswettbewerb, den eine externe Jury jedes Jahr unter vier bis sechs Nominierten auswertet. Preis ist eine Tourneeorganisation durch die Schweiz mit Auftritten in rund 20 Kleintheatern. Das Format habe viel überregionale Aufmerksamkeit erhalten. Auch die Gratisangebote im Familienprogramm ziehen Neugierige und langjährige Gäste an.
Video: arttv.ch über Gardi Hutter (spielt am 12. August beim NordArt)
Breit abgestützte Förderung
Auf die Frage, was den Erfolg ausmacht, nennen die beiden Festivalleitenden verschiedene Faktoren. «Wir wollten der Stadt und dem Festival nie unsere Idee überstülpen, sondern schauen, was beim Publikum ankommt», sagt die Initiatorin. «Und wir haben daran geglaubt, dass es funktioniert», ergänzt Gisler. Wegen der Förderungen hatten sie früh Kontakt mit Stiftungen und zu Sponsoren aufgenommen. «Inzwischen ist die Finanzierung breit abgestützt», meint der Kulturschaffende. Auch der rege Einsatz des unabhängig tätigen Fördervereins spielt eine wichtige Rolle.
Seit 2014 gibt es zudem Leistungsvereinbarungen mit Stadt und Kanton sowie mit der ansässigen Windler-Stiftung. Auch von der amtierenden Stadtpräsidentin Corinne Ullmann kommt glücklicherweise grünes Licht. «Die Kulturförderung durch die öffentliche Hand ist lebensnotwendig für unsere Gesellschaft», meinen beide. Klar, gab es auch Niederlagen. «Jedes Scheitern ist eine Chance», fasst der Theatermacher zusammen.
Video: Ohne Rolf sind in diesem Jahr am 15. August zu Gast
Das Festival hat sich dennoch in den vergangenen 17 Jahren zum kulturellen Leuchtturm von Stein am Rhein entwickelt. Das helfe bei der Suche nach weiteren Sponsoren. Auch bei den Einwohner:innen selbst seien mit den Jahren viele Türen aufgegangen. Das Programm spreche ein breites Zielpublikum an. Die Besucher:innen kommen auch aus dem nahen Thurgau, dem Kanton Zürich sowie aus der deutschen Nachbarschaft.
Video: Trailer zum diesjährigen Festival
Stadt wird zur Bühne
Beim Gang durch die Altstadt zeigen die beiden Festivalleiter:innen in Asylhof-, Kloster-, Fortuna- und Klostersaalbühne, wie historische Bauten bald mit neuem Geist erfüllt sein werden. Auch eigens mit Stadtbewohner:innen entwickelte Hörtouren führen durch die Altstadtgassen. «Und auf den kunstvoll verzierten Kanaldeckeln tanken der kleine Drache Balz und die jungen Hörer:innen Mut», erklärt Gisler auf einem der Deckel stehend.
An der Schifflände am Rhein zeigen Strassenkünstler:innen, was sie können. Mit der Ausweitung auf die verschiedenen Spielorte ging zwangsläufig auch eine Professionalisierung einher. «Als Festivalkasse hatten wir zu Beginn einen alten Wohnwagen ausgeschlachtet, um das Ticketing zu zentralisieren», erklärt Baumann.
Heutzutage werden die Tickets über zwei grosse Fenster im Erdgeschoss eines Altstadthauses verkauft. Der Charme des Originellen bleibt: Die Signaletik und alle Bauten sind handgemacht.
Video: arttv.ch über das NordArt-Festival
Die Bedeutung von Live-Kunst
Obwohl das NordArt etabliert ist, seien die Förderbedingungen schwieriger als früher. «Die Anträge und anschliessenden Dokumentationen sind sehr viel aufwändiger geworden», sagt Gisler. Drei fest angestellte Mitarbeitende in Teilzeit bewältigen Buchhaltung, Kommunikation und Personalbetrieb. «Wir können unseren Mitarbeitenden und uns inzwischen kulturgerechte Löhne auszahlen», meint Gisler.
Doch Ausruhen ist anders. Bald jedes Jahr käme eine Meldung, dass Kleinkunst künftig nicht mehr unterstützt werde. «Diese Spannung muss man aushalten», meint die Theaterschaffende. Nachvollziehen kann sie diese Tendenzen nicht. «Mit Kleinkunst sind wir so nah an den Menschen dran wie kaum eine andere Kultursparte. Und Kunst und Kultur sind der Zusammenhalt für die Gesellschaft.» «Im digitalen Zeitalter fragen wir uns alle täglich, ob wir mit menschengemachten oder KI-erstellten Inhalten konfrontiert sind. Deshalb ist Live-Kunst so wichtig», erklärt Baumann.
Die beiden leidenschaftlichen Theatermacher:innen haben einen langen Atem. Katja Baumann ist nach wie vor mit ihren eigenen Einfrau-Produktionen unterwegs, Simon Gisler ist noch am Theater Bilitz in Weinfelden engagiert, und beide sind für die Programmgestaltung im Theater Alti Fabrik in Flaach und auf der Hirschenbühne in Stammheim verantwortlich. Die Bedeutung von Live-Kunst werde noch weiter steigen, sind beide sicher.
Mehr zum detaillierten Programm des 10-tägigen Festivals gibt es in unserer Agenda.

Von Manuela Ziegler
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