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«Viele hier verstehen zu wenig, wie bedeutsam Museen sind.»

«Viele hier verstehen zu wenig, wie bedeutsam Museen sind.»
«Wir kantonalen Museen stossen immer an eine Decke, wenn wir uns entwickeln möchten.» Hannes Geisser, Direktor Naturmuseum Thurgau, bezieht zum Abschied klare Positionen zur Museumspolitik im Thurgau. | © Reto Martin

Hannes Geisser verlässt nach fast 30 Jahren das Naturmuseum Thurgau – nicht im Groll, aber mit klaren Worten zur Museumspolitik im Kanton. Im ersten Teil des Gesprächs erklärt er, warum kantonale Museen an eine unsichtbare Decke stossen, weshalb ihn die Verschiebung des Museumsbaus in Arbon beunruhigt – und wer diese Decke einreissen könnte. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Herr Geisser, wer nach fast 30 Jahren im Amt und kurz vor der Rente einen festen Job aufgibt, tut das nicht ohne Grund. Warum geben Sie das Amt des Direktors auf?

Den Grund gibt es natürlich. Es ist einfach die Lust, nochmal etwas Neues zu probieren. Ich mache seit vier Jahren bereits eine Teilselbstständigkeit nebenher. Ich begleite und berate Museen auf verschiedenen Ebenen. Das macht mir enorm viel Spass, das gibt mir neue Motivation und Energie, ich sehe dort Entwicklungspotenzial.  

Hier im Naturmuseum sehen Sie das nicht mehr?

Meine Entscheidung bedeutet nicht, dass ich das im Museum nicht auch hätte. Die Frage war: Was für grössere Projekte stehen in den nächsten drei, vier, fünf Jahren an – und ist es nach so langer Zeit im Haus noch angebracht, dass ich die leite? Oder wäre es nicht besser, eine Nachfolge übernimmt das? Und wie verbringe ich die mir verbleibende Zeit bis zur Pensionierung so, dass es stimmt, ohne in einen reinen Verwaltungsmodus abzurutschen?

Also war es mehr der Reiz des Neuen als die Genervtheit vom Alten?

Ganz klar mehr der Reiz des Neuen, von genervt sein kann keine Rede sein. Ende 2024, Anfang 2025 habe ich zudem gemerkt, dass ich die beiden Hüte nicht mehr zusammenbringe. Das war ziemlich anstrengend. Da ist zum ersten Mal die Frage aufgetaucht: Wäre die volle Selbstständigkeit ein Thema? 

 

Markantes Profil: Hannes Geisser will künftig auch gegenüber der Politik mehr Kante zeigen. Bild: Reto Martin

«Wir müssen darüber reden, was Museen für die Gesellschaft bedeuten und was sie uns wert sind. Ab dem 1. Dezember kann ich pointierter auftreten, als ich das als Museumsdirektor konnte.»

Hannes Geisser, scheidender Direktor des Naturmuseum Thurgau

Sie gehen nicht im Groll?

Nein. Ehrlich gesagt wäre es aber vielleicht fast einfacher, wenn dem so wäre – emotional ist das gerade ziemlich aufwühlend, bei mir wie im Team. Aber eigentlich ist das ein gutes Zeichen: Wenn alle ein bisschen traurig sind, dass ich gehe, inklusive ich selbst, dann ist es genau der richtige Moment. Das Schlimmste wäre, wenn alle denken würden: Gott sei Dank, endlich ist er weg. 

Hat die Entscheidung auch mit der Museumspolitik im Thurgau zu tun?

Nicht aus Frust, mehr mit dem Gedanken: Vielleicht kann ich in meiner neuen Rolle etwas zur Weiterentwicklung beitragen. In die Politik einsteigen will ich nicht, das ist nicht mein Ding. Aber ab dem 1. Dezember kann ich pointierter auftreten, als ich das als Museumsdirektor konnte.

 

Was andere über Hannes Geisser sagen (1): Urs Leuzinger, Museum für Archäologie

Urs Leuzinger (Bild: Sascha Erni) und Hannes Geisser verbindet eine lange Geschichte. Naturmuseum und Museum für Archäologie sitzen im selben Haus und arbeiten schon deshalb eng zusammen, die Besucher:innenzahl wird gemeinsam erhoben. In den vergangenen Jahren haben die beiden zahlreiche gemeinsame Projekte durchgeführt. Was fällt Urs Leuzinger nach all der Zeit jetzt zu Hannes Geisser ein?

 

«Hannes ist sehr präzise, hat einen sehr hohen Anspruch an die Qualität seiner Arbeit - und auch an die anderer. Ich glaube, wir haben uns auch deshalb so gut verstanden, weil wir beide auf einem wissenschaftlichen Fundament stehen. Ausserdem war uns beiden immer wichtig Natur und Archäologie so zu vermitteln, dass sie begreifbar sind.»

«Ich erinnere mich gerne an unsere gemeinsamen Projekte, wir haben damals gemeinsam die Museen übernommen. Obwohl wir uns sehr gut verstanden haben, menschlich wie fachlich, waren wir auch nicht immer einer Meinung. Aber, und das fand ich immer toll, wir konnten uns stets konstruktiv austauschen und auf gute Lösungen für unsere Museen einigen.»

«Wir waren fast wie ein altes Ehepaar, haben viel zusammen erlebt und oft auch diskutiert. Ich bin nicht happy, dass er geht. Aber ich kann seine Beweggründe nachvollziehen. Trotzdem werde ich ihn ein bisschen vermissen. Ich bin aber auch gespannt auf die Zusammenarbeit mit seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin, das bringt uns auch wieder neuen Input und Inspiration.»

«Ein Schlüssel für gute Zusammenarbeit ist, dass man sich für die Arbeit des anderen interessiert. Wenn man gegenseitig Empathie und Interesse zeigt, dann funktioniert Zusammenarbeit eigentlich immer.»

 

 

Vielleicht können wir damit jetzt schon anfangen. Sie waren fast 30 Jahre hier, haben viel gesehen und erlebt. Wenn Sie jetzt auf die Thurgauer Museumslandschaft schauen: Wie würden Sie die Lage beschreiben?

Sehr heterogen. Bei den kommunalen, lokal getragenen Häusern gibt es tolle Beispiele, Institutionen, die sich weiterentwickeln konnten. Nicht zuletzt dank deren Trägerschaften und den Gemeinden, die verstanden haben, wie wichtig ihr Museum für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist. Kreuzlingen ist für mich da ein herausragendes Beispiel. Wie die Häuser es da geschafft haben sich zu positionieren und wie geschlossen die Politik dahinter steht, das ist vorbildlich.

Und bei den kantonalen Museen?

Bei den kantonalen Museen habe ich ein zwiespältiges Gefühl: Wir haben zwar ausreichend Mittel für den aktuellen Betrieb, stossen aber an eine Decke, wenn wir uns entwickeln möchten. Der nächstgrössere Schritt ist einfach ganz schwierig.

Worin zeigt sich diese Decke? Ist es eine Frage von Ressourcen und Geld?

Nein, es ist nicht nur das Geld. Die Decke entsteht dadurch, dass man meiner Einschätzung nach in den entscheidenden Stellen zu wenig versteht, wie bedeutsam Museen für den Thurgau, für das Funktionieren unserer demokratischen Gesellschaft sind. Investitionen in die Entwicklung von Museen werden zurückgestellt, weil sie nicht als prioritär angesehen werden – und das nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren.  

 

Lieblingsort: Kaum ein Ort in seinem Museum sei so interessant, wie die Sammlung, sagt Hannes Geisser. In den Händen hält er eine konservierte Kröte, im Schrank dahinter zahlreiche weitere Amphibien und Reptilien. Bild: Reto Martin

«Bei einem neuen Polizeigebäude oder der Ausrüstung einer neuen Turnhalle käme niemand auf die Idee, das von Sponsorengeldern abhängig zu machen – dabei ist dort die Ausrüstung genauso essenziell fürs Funktionieren wie ein Sonderausstellungsraum fürs Museum.»

Hannes Geisser, Direktor Naturmuseum Thurgau

Können Sie das an einem konkreten Beispiel festmachen?

Nehmen Sie den geplanten Ergänzungsbau für einen Sonderausstellungsraum am Kunstmuseum. Wenn ich das Investitionsvolumen runterbreche auf den Kanton Thurgau, auf sein Budget – und die gleiche Rechnung auf mein eigenes Naturmuseumsbudget mache – dann reden wir bei mir von ein paar Tausend Franken. Die 5 Millionen für den Kunstmuseumsbau sind, gemessen am Gesamtbudget des Kantons, eine ähnliche bescheidene Grössenordnung – trotzdem ist es dort plötzlich eine Frage von Sponsoring, ob dieser kleine, notwendige Schritt in die Zukunft überhaupt möglich ist. Bei einem neuen Polizeigebäude oder der Ausrüstung einer neuen Turnhalle käme niemand auf die Idee, das von Sponsorengeldern abhängig zu machen – dabei ist dort die Ausrüstung genauso essenziell fürs Funktionieren wie ein Sonderausstellungsraum fürs Museum.

Gibt es noch mehr solche Beispiele?

Dass das Historische Museum Schloss Frauenfeld bis heute nicht barrierefrei ist, irritiert mich sehr. Da liegt nach jahrelanger Planung ein fast ausführungsfertiges Projekt vor. Die betriebliche Notwendigkeit ist unbestritten, nicht nur unter Museumsexpertinnen und -experten. Und trotzdem wird das Projekt einmal mehr auf später verschoben? Dann muss man sich fragen: Was braucht es denn noch, dass ein Museumsprojekt als prioritär angesehen und endlich umgesetzt wird? Wenn ich das sehe, bekomme ich ein ungutes Gefühl, was den geplanten Museumsbau in Arbon betrifft. 

 

«Dass das Historische Museum Schloss Frauenfeld bis heute nicht barrierefrei ist, irritiert mich sehr. Was braucht es denn noch, dass ein Museumsprojekt als prioritär angesehen und endlich umgesetzt wird?»

Hannes Geisser (Bild: Reto Martin)

Dort sollte ursprünglich 2028 ein neues interdisziplinäres Themenhaus eröffnen. Das wurde wegen der angespannten Finanzlage des Kantons auf 2037 verschoben. Was gibt Ihnen dabei ein ungutes Gefühl?

Diese widersprüchlichen Signale. Wenn schon die erwähnten Museumsprojekte immer wieder hintenanstehen müssen, frage ich mich, wie ernst es mit dem Werk2 tatsächlich ist. Schauen Sie, ein neues Haus zu bauen ist das eine – dafür gibt man einmal 40, 50 Millionen aus, und dann steht es für Jahrzehnte. Aber so ein Ort braucht danach dauerhaft angemessene Betriebsmittel, jedes Jahr. Und meine Befürchtung ist, dass man sich das von den bestehenden Institutionen erhofft – dass Arbon quasi «mitbewirtschaftet» wird, ohne zusätzliche Betriebsmittel und zusätzliches Personal. Aber man muss ganz klar sagen: Das wird nicht funktionieren auf Kosten dessen, was schon da ist. Manchmal habe ich das Gefühl, der rosarote Elefant steht mitten im Raum, aber niemand traut sich, auf ihn zu zeigen und diese Diskussion wirklich zu führen. Dabei müssen wir darüber reden, was Museen für die Gesellschaft bedeuten und was sie uns wert sind.

 

«Meine Befürchtung ist, dass man sich das von den bestehenden Institutionen erhofft – dass Arbon quasi «mitbewirtschaftet» wird, ohne zusätzliche Betriebsmittel und zusätzliches Personal.»

Hannes Geisser (Bild: Reto Martin)

Woran liegt es, dass Museen so oft immer noch als „nice to have“ gelten?

Im Grundsatz sind die kantonalen Museen in der Thurgauer Politik unbestritten, stehen auf einer guten gesetzlichen Grundlage. Doch ist man sich auch ihrer wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben bewusst: fürs Bewahren von Geschichte, fürs Entwickeln von Zukunftsvisionen, als Orte der Bildung – und zunehmend auch als Orte, an dem man unterschiedliche Meinungen respektvoll und auf Augenhöhe diskutieren kann? Die kantonalen Museen erfüllen einen gesetzlichen Auftrag, wir erhalten unseren Lohn nicht, um unser Hobby zu pflegen. Aber da müssen sich auch die Museen selbst an der Nase nehmen – es ist auch an uns, das immer wieder zu kommunizieren.

Eben. Wer wenn nicht die Museumsdirektorinnen und -direktoren selbst könnten die von Ihnen beschriebene Decke einreissen?

Wenn Museumsdirektor:innen das alleine versuchen, stellt sich schnell die Glaubwürdigkeitsfrage, alleine auf dieses Problem hinzuweisen reicht nicht. Es bräuchte eine breiter abgestützte Stimme – die Medien zum Beispiel, aber das ist in der Ostschweiz nochmal ein anderes Thema. Aber es bräuchte vor allem auch zwei, drei gewichtige, aktive Vertreter aus der Politik. Und die Runde müsste die ganze Heterogenität der Museumslandschaft abbilden, auch die nicht professionell geführten Häuser. Wichtig wäre, dass man kontinuierlich an dem Thema dranbleibt – nicht nur ein Anlass, bei dem sich am Apéro alle einig sind und das Thema dann danach von der Agenda wieder verschwindet. 

 

«Die kantonalen Museen erfüllen einen gesetzlichen Auftrag, wir erhalten unseren Lohn nicht, um unser Hobby zu pflegen.»

Hannes Geisser

Sind die Voraussetzungen dafür nicht eigentlich schon geschaffen? Es gibt die igKultur ost, die sich für Kultur einsetzt, der Verein Muse TG kümmert sich sehr rege um die Museumslandschaft.

Das stimmt, es tut sich etwas, das finde ich gut. Die Frage ist: Wer übernimmt die Lead-Funktion? Wie viel lässt sich mit weitgehend ehrenamtlicher Lobbyarbeit bewegen? Und wie stark ist die Politik tatsächlich eingebunden? Bisher sehe ich da noch keine neuen Gesichter, es sind die üblichen Verdächtigen. Und solange das so bleibt, verhallt das schnell wieder als: Das sind immer dieselben, die jammern. Wir glauben an die Sache, aber die breit akzeptierte politische Stimme fehlt uns nach wie vor.

 

Was andere über Hannes Geisser sagen (2): Noemi Bearth, Direktorin Historisches Museum Thurgau

Noemi Bearth ist seit 2024 Direktorin des Historischen Museum Thurgau in Frauenfeld. Auf die Frage, was ihr zum Kollegen Hannes Geisser einfällt, antwortet sie: 

«Hannes Geisser hat mich bei meinem Stellenantritt im Mai 2024 herzlich im Thurgau empfangen. Von Anfang an konnte ich auf seinen Ratschlag zählen. Für meine Fragen hatte er stets ein offenes Ohr. Sein grosses Fachwissen gekoppelt mit seiner authentischen, ehrlichen Persönlichkeit machen ihn zu einem wertvollen Sparringpartner. Die kollegiale Zusammenarbeit zwischen dem Naturmuseum und dem Historischen Museum Thurgau schätze ich sehr.»

 

Im zweiten Teil des Gesprächs erzählt Hannes Geisser, wie das Naturmuseum unter ihm geklungen hat, warum er die Karte des Analogen spielt – und mit welchem Gefühl er sich nach fast 30 Jahren verabschiedet. Ab Donnerstag, 13. August, nur bei thurgaukultur.ch 

 

 

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Bewerbungsdauer: 1. Juli bis Mitte August 2026 über die digitale Gesuchsplattform der Kulturstiftung Thurgau.

Kulturplatz-Einträge

Kulturorte, Veranstaltende

Naturmuseum Thurgau

8510 Frauenfeld

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