Seite vorlesen

von Andrin Uetz, 29.10.2026

Dabei sein, ohne dazuzugehören

Dabei sein, ohne dazuzugehören
Am 1. November 2025 reisten Protestierende aus ganz Serbien nach Novi Sad, um der sechzehn Opfer des Einsturzes des Bahnhofsdachs zu gedenken. | © Andrin Uetz

Wann wird aus Beobachten Beteiligung? Andrin Uetz erlebt die Proteste in Belgrad als Gast und fragt sich, wie viel Solidarität möglich ist, wenn man selbst nicht betroffen ist. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

 

Was bisher geschah

Von August 2025 bis Ende Januar 2026 lebte ich dank eines Atelierstipendiums der Kulturstiftung des Kantons Thurgau in Belgrad. Im ersten Teil ging es um die Ankunft in einer Stadt, in der abends Polizeigewalt und Tränengas zum Alltag gehörten. Nun geht es um die Frage, welche Rolle ich als Gast in diesem Land überhaupt einnehmen soll.

Zeugenschaft als Gast

Natürlich wähne ich mich von Anfang an auf der Seite der Studierenden und sympathisiere mit den Forderungen nach einer lückenlosen Untersuchung der Korruption und behördlichen Schlamperei, die am 1. November 2024 zum Einsturz eines neugebauten Bahnhofsdachs in Novi Sad geführt haben. Dabei sind sechzehn Menschen ums Leben gekommen. Seither gehören Proteste gegen die Regierung zur Tagesordnung.

Doch gleichzeitig verstehe ich mich als Gast in diesem Land und in dieser Stadt. Es steht mir nicht zu, hier Partei zu ergreifen und den Leuten vorzuschreiben, was sie tun und lassen sollten. Habe ich das Recht, auf der Strasse zu demonstrieren, wenn ich weder Bürger der Stadt bin noch hier lebe? Ich bin nicht direkt von der Korruption der Regierung betroffen, im Gegensatz zu den Studierenden, deren Zukunft und Lebensgrundlage von der kleptokratischen SNS-Partei verkauft wird.

 

Was wir aus dem Blick von aussen lernen können

Ein Auslandsaufenthalt bedeutet auch, die eigene Rolle neu zu bestimmen: Was kann man als Gast beobachten und verstehen? Wo ist Anteilnahme möglich, wo sind die Grenzen des eigenen Blicks? Andrin Uetz schreibt in Belgrad über Proteste und gesellschaftliche Spannungen, die er aus einer besonderen Perspektive erlebt. Solche Erfahrungen interessieren uns bei thurgaukultur, weil sie Fragen aufwerfen, die auch hier relevant sind. Wie gehen wir mit politischen Konflikten um? Was bedeutet Solidarität? Und wie lässt sich über Ereignisse berichten, ohne vorzugeben, alles zu verstehen? Das Tagebuch gibt Einblick in einen Lernprozess, der offenbleiben darf.

Nach den hitzigen Protesten und Ausschreitungen im Sommer wird es im Herbst erst einmal ruhiger. Als die Demonstrationen dann aber Anfang November wieder an Intensität gewinnen, werde ich selbst mitlaufen, werde auf der Strasse sein, mitten unter den Demonstrierenden. Ich werde das als Zeuge tun, als Beobachter. Ich nehme den Klang der Demos mit Mikrofonen auf, erstelle Videos, sammle und schaue zu. 

Ich singe nicht mit, vor allem nicht, wenn Vučić abwertend als Shiptar, also als Albaner, bezeichnet wird. Mit Unbehagen nehme ich den Nationalismus und Rassismus zur Kenntnis, der sich teilweise auch in den Reihen der Protestierenden zeigt. Ich kann nachvollziehen, dass die Studierenden auf den Schutz der Bikergangs und Veteranen angewiesen sind, wenn sie sonst sowohl von Hooligans als auch von der Polizei angegriffen werden. Die Situation ist wohl komplexer, als mir lieb ist.

 

Graffiti in der Nähe des Parlaments. Zuoberst steht in weisser Schrift «Vučić Shiptar» (Vučić Albaner), was als Abwertung intendiert ist. Bild: Andrin Uetz.

Alltägliches Innehalten

Immer wieder berühren mich die Schweigeminuten, welche fast täglich um 11.52 Uhr abgehalten werden. Bürger*innen versammeln sich dazu an stark frequentierten Kreuzungen, der Verkehr steht still. Nach sechzehn Minuten gibt eine Person jeweils ein Zeichen, einige bekreuzigen sich, die Menge zerstreut sich in alle Himmelsrichtungen. Alltag und Verkehr nehmen ihren Lauf. 

In dieser kurzen Zäsur passiert vieles, und für jede Person hat der Moment wohl eine andere Bedeutung. Für mich ist es ein Zeichen dafür, wie öffentlicher Raum immer auch politisch ist. Die stille Andacht ist an sich eine Form des Protests, da sie der Opfer des Versagens der Regierung gedenkt. 

Verteidigung des öffentlichen Raumes

Darüber hinaus unterbricht sie auf akustischer Ebene das Rauschen des Verkehrs und fordert diese städtische Hegemonie des Motorenlärms heraus. Fussgänger:innen besetzen eine Strasse, die sonst vom Verkehr dominiert wird. Es ist aus meiner Sicht kein Zufall, dass die Proteste in Serbien mit besonderer Hartnäckigkeit den öffentlichen Raum für sich in Anspruch nehmen. 

Denn der Einsturz des neugebauten Bahnhofsdachs in Novi Sad, aber auch andere Protestbewegungen, etwa gegen das Belgrade-Waterfront-Bauprojekt oder den Verkauf des Gebäudes des Generalstabs an die Trump-Familie, genauso wie die Proteste gegen den Lithiumabbau im Westen des Landes, verweisen auf das gleiche Muster: Eine korrupte Regierung, welche Bauvorschriften, Denkmalschutz, Umweltschutz und demokratische Grundrechte zu umgehen sucht, um sich selbst zu bereichern.

Video: Sechzehn Schweigeminuten unterbrechen den Verkehr an einer stark frequentierten Kreuzung vor der juristischen Fakultät. 

 

Im nächsten Teil: Was Kulturschaffende von den Protestierenden lernen können, was Graffiti über die Stadt verraten und wie eine grosse russische Exilcommunity Belgrad verändert.

Andrin Uetz war im Rahmen eines Atelierstipendiums der Kulturstiftung des Kantons Thurgau von August 2025 bis Ende Januar 2026 in Belgrad.

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Wissen

Kommt vor in diesen Interessen

  • Debatte
  • Gesellschaft

Ist Teil dieser Dossiers

Werbung

«Kultur trifft Politik» #4

"Ohne Kultur keine Demokratie?" In der neuen Ausgabe des Dialogformats machen wir den Realitätscheck. Mittwoch, 25. November, Eisenwerk Frauenfeld. Weitere Informationen...

Ähnliche Beiträge

Wissen

Bunker in neuem Licht

Sie waren schon in der Schublade gelandet, nun sind sie aktueller denn je: 37 künstlerisch bearbeitete Bilder zeigen die Bunker am Kreuzlinger Festungsgürtel. Was lange Geschichte schien, rückt angesichts der Weltlage... mehr

Wissen

Ankommen in einer Stadt im Ausnahmezustand

Ein Atelierstipendium führt unseren Autor Andrin Uetz nach Belgrad – und mitten in eine Stadt im politischen Ausnahmezustand. Zwischen Polizeigewalt, Feinstaub und falscher Vertrautheit sucht er seinen Platz. mehr

Kulturpolitik

Wissen

«Ich habe immer zwei Leben gelebt.»

Im zweiten Teil des Interview erzählt Hannes Geisser, warum er das Naturmuseum immer interdisziplinär gedacht hat, weshalb Museen aufs Analoge setzen sollten – und was er am meisten vermissen wird. mehr

Werbung

Werbung

Werbung