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Der Weg ist die Kunst

Der Weg ist die Kunst
Augen auf: Christoph Luchsinger, Thomas Kessler und Micha Stuhlmann erarbeiten gemeinsam ein neues Bühnenprojekt. | © Michael Lünstroth

Wie entsteht eigentlich Kunst? Ein neues Projekt von Micha Stuhlmann und Christoph Luchsinger gibt ungewöhnliche Einblicke und versteht die Zuschauer:innen als künstlerische Kompliz:innen. Mit offenem Ausgang. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Über die Frage, wie eigentlich Kunst entsteht und was es braucht, um aus Handlungen auf einer Bühne so etwas wie Kunst zu machen, zerbrechen sich seit Jahrhunderten sehr kluge Menschen den Kopf. Was sich dazu allgemein sagen lässt, ist: Oft ist der Weg zur Kunst mühsam, anstrengend und von Zweifeln gesäumt. Erst gegen Ende des Weges stellt sich im besten Fall ein schüchtern zurückhaltendes Gefühl von „Ja, das könnte was werden“ ein, das sich bis zur Premiere in einen kreativen Euphorierausch ausweiten kann oder in Verzweiflung erstirbt.

So weit, so pathetisch. Das Publikum bekommt von diesem Prozess der Kunstwerdung in der Regel wenig mit. Die Zuschauer:innen sehen das fertige Produkt und können dann entscheiden, ob sie es gut finden oder nicht. Aber was die Kulturschaffenden zu diesem Werk führte, welche Qualen oder Freuden sie erlitten, das bleibt meistens verborgen. Zumindest dann, wenn es nicht unter dem Namen „Kulturvermittlung“ im Nachhinein in Werkgesprächen ausgeplaudert wird. Dass Zuschauer:innen aber bereits vor dem Abschluss eines künstlerischen Projekts Einblicke erhalten und sogar Einfluss nehmen können auf das, was da final entstehen könnte, das ist selten.

Beckett als Basis und dann rein in die Gegenwart

Die Kreuzlinger Performance-Künstlerin Micha Stuhlmann und der Weinfelder Musiker Christoph Luchsinger fanden: zu selten. Mit ihrem neuen Projekt „Versuch über das Warten“ wollen sie übliche Wege verlassen und das Publikum ungewöhnlich früh einbinden. „Es ist das erste Mal, dass wir einen Rechercheprozess so früh transparent machen und auf eine erste Bühne bringen“, sagt Micha Stuhlmann an einem Freitag im Kreuzlinger Kulturzentrum Kult-X.

Die Idee ist: Alles, was sie bisher erarbeitet haben, stellen sie dem Publikum vor. Erst in Kreuzlingen (24.4.), dann in Weinfelden (26.4.). Basis ist eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Wartens, natürlich auch mit dem vielleicht berühmtesten Theaterstück darüber, Becketts „Warten auf Godot“.

„Wir nennen es bewusst ‚Laboröffnung‘, weil es genau das ist. Wir zeigen kein fertiges Produkt, sondern einen Zwischenstand“, erklärt der für seine experimentelle Neue-Musik-Reihe NOEISE bekannte Trompeter Christoph Luchsinger. Mit dem Feedback und den Reaktionen der Zuschauer:innen soll dann der nächste Schritt der Kunstentwicklung beginnen. Finale Aufführungen des Ganzen voraussichtlich im Herbst 2026.

 

Nicht ohne meine Trompete: Kein Kunstprojekt mit Christoph Luchsinger ohne sein Lieblingsinstrument. Probenszene aus dem Kult-X Kreuzlingen. Bild: Michael Lünstroth

Warum soll man sich eine halbfertige Inszenierung ansehen?

Klar, das ist ein Experiment. Und als Zuschauer:in kann man sich schon fragen: Warum soll ich mir eine halbfertige Inszenierung anschauen, wenn ich daheim auf dem Sofa beispielsweise auch die perfekt inszenierte neue Staffel „The White Lotus“ durchbingen kann?

Antworten darauf findet man an einem Freitagnachmittag Anfang April in einem Proberaum des Kreuzlinger Kulturzentrums Kult-X. Christoph Luchsinger und Micha Stuhlmann stehen barfuss im Saal. Thomas Kessler, der Dritte im Projektbunde, trägt Schuhe. Sie stehen einige Meter voneinander entfernt und bewegen sich im Takt eines Metronoms auf Umwegen aufeinander zu.

Zwischen ihnen steht eine Musikinstallation von Christoph Luchsinger: vier Trompeten, verbunden mit handelsüblichen Schläuchen. Wer schon einmal bei einer NOEISE-Ausgabe war, erkennt den Aufbau vielleicht wieder. Geräusche, Klang, Musik – alles hängt zusammen. Alles kann dasselbe sein – oder eben auch nicht. Diese Unvorhersehbarkeit ist vielleicht der Wesenskern, der die früheren Projekte von Christoph Luchsinger mit jenen von Micha Stuhlmann verbindet und die beiden nun zusammenführte.

Die Hormone und das Warten

Mit „Dopamin – Endorphin – Cortisol – Serotonin – Testosteron“ beginnt das Spiel. Die drei Akteur:innen werfen sich stakkatoartig, beinahe kanonhaft, die Namen der Hormone zu, die das Warten begleiten. Freude, Aufregung, Hoffnung, Angst, Zweifel – also all die Gefühle, die man beim Warten durchlaufen kann – haben eben auch ihre sehr physiologische Perspektive. Am Ende fragt Micha Stuhlmann: „Hast du dir das so vorgestellt, Christoph?“ Die Antwort fällt eher unentschlossen aus. Wenn man so will, dann ist dieser Reporterbesuch die Pre-Pre-Preview. Noch drei Wochen bis zur ersten Aufführung. Kein Wunder, dass es da noch viel zu klären gibt.

Warten sei an sich ja ein interessantes Phänomen, findet Christoph Luchsinger. Kaum einer erlebe das noch bewusst, zu leicht könne man sich heute mit Hilfe des Handys davon ablenken. „Warten wird so zu einem beinahe unerträglichen Zustand, weil wir es auch in der medialen Dauerberieselung gar nicht mehr gewohnt sind“, sagt der Musiker. Genau mit diesen Momenten des Wartens will das Projekt seine Zuschauer:innen aber konfrontieren.

 

Wer schaut hier wen an? Christoph Luchsinger, Micha Stuhlmann und Thomas Kessler bei den Proben für ihr Projekt «Versuch über das Warten». Bild: Michael Lünstroth

Die Unsicherheit als einzige Sicherheit

Was für sie der Reiz an dem Vorhaben gewesen sei? Micha Stuhlmann muss nicht lange nachdenken. „Ich wollte schon lange mal Becketts ‚Warten auf Godot‘ auseinandernehmen und zeitgenössischer inszenieren.“ In der Vorbereitung hat sie sich mit Philosophien und Gedankengebäuden über das Warten beschäftigt. Es hat die Attraktivität des Themas für sie nicht geschmälert.

Bei Beckett ist ja auch alles ziemlich unklar. Die Dialoge sind ihrer eigentlichen Funktion – Verständigung – enthoben. Alle stellen sich gegenseitig immer wieder neue Fragen, ohne auch nur eine einzige zu beantworten. Keine Erkenntnisse nirgends, das Denken geschieht um seiner selbst willen, ein Ende des Wartens zeichnet sich nicht ab. Letztlich wird jedem Interpretationsansatz immer wieder unversehens der Boden entzogen.

Zweifel, Struktur, dann wieder Zweifel

Gut möglich, dass auch das ein Punkt war, der die drei Künstler:innen an dem Projekt gereizt hat – in Zeiten von Künstlicher Intelligenz und medialer Reizüberflutung das eigene Denken ins Zentrum zu setzen. Und damit auch dem Vagen, dem Ungefähren ein Denkmal zu setzen. Denn das ist es ja auch, was das eigene Denken ausmacht: Man weiss nie, wie es ausgeht.

Im Angesicht dieser Unsicherheit wirkt der Probenprozess fast schon überstrukturiert. Wie in einem ganz normalen Büromeeting sind auf einer Flipchart orangefarbene Post-its geklebt. Darauf stehen Schlagworte wie „T-Shirt-Performance“, „Meta-Verschiebung“, „Urmelodie“ und „Kaffeemühlen“. Darunter notiert sind Fragen („gemeinsames Tempo?“) und Anweisungen („Schenkel klopfen“). Es ist das noch sehr fragile und flexible Grundgerüst dessen, was da in den nächsten Wochen entstehen soll – mögliche Wachstumsschmerzen eingeschlossen.

 

Kunst will auch geplant sein: Gelb-orangefarbene Post-Its bei der Stückentwicklung von «Versuch über das Warten» von Micha Stuhlmann, Christoph Luchsinger und Thomas Kessler im Kult-X Kreuzlingen. Bild: Michael Lünstroth

Beckett und das Scheitern

Aber auch darin liegt natürlich eine Botschaft: Kunst ist nichts, was mittels eines musengleichen Handstreichs entsteht. Kunst ist harte Arbeit, und dafür braucht es manchmal eben auch klare Strukturen. Auch hier kann Samuel Beckett als Leitstern dienen. Der Autor hat in seinem Schaffen ja nicht nur Zweifel hinterlassen, sondern auch kluge Merksprüche. Zum Beispiel diesen: „Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern“, heisst es in seiner Geschichte „Worstward Ho“ aus dem Jahr 1983. Klingt nach einem klaren Auftrag für das Jahr 2026. In der Kunst wie im ganz profanen Leben.

Zu viel soll an dieser Stelle auch nicht verraten werden, das Publikum soll seine Überraschungen ja selbst erleben dürfen. Was man sagen kann: Stuhlmann, Luchsinger und Kessler werden ihrem Publikum etwas zumuten, sie werden es herausfordern und in ihrem aktuellen Stand des Projekts viele Fragen formulieren. Die Zuschauer:innen seien in dieser Produktion auch so etwas "wie Versuchskaninchen", bekennen die Künstler:innen offen.

Ein Experiment. Oder doch nicht?

Aber wer weiss? Vielleicht ist das Ganze am Ende doch kein Rechercheprojekt, sondern vielmehr die ausgefeilte Inszenierung dreier erfahrener Bühnenmenschen, die auf einer Meta-Meta-Ebene die Geschichte eines Stücks über die Recherche zu einem Stück über das Warten erzählen. Wer die Experimentierlust der Protagonist:innen dieses Projekts kennt, der könnte zu dem Schluss kommen, dass dies eine naheliegende Erklärung ist. Aber wie das mit dem Warten eben so ist: Was nach dem Warten passiert, weiss man erst, wenn man es selbst erlebt.

Aufführungen und Termine

Freitag, 24. April, 19 Uhr, Kult-X Kreuzlingen

Sonntag, 26. April, 11 Uhr, Goldener Dachs Weinfelden

 

Der Eintritt ist frei.

 

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