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Was bleibt vom Menschen in Zeiten der KI?

Was bleibt vom Menschen in Zeiten der KI?
Raus aus der Ohnmacht: Für einen verantwortungsvollen Umgang mit Künstlicher Intelligenz braucht es Wissen und Widerstandskraft. Die Thurgauer Kulturkonferenz gab Einblicke, wie das gelingen kann. | © Canva Stock Photos

Machen Chatbots dumm? Entzaubert Künstliche Intelligenz die Kunst? Demokratisiert KI Kreativität?Die Thurgauer Kulturkonferenz stellte wichtige Fragen. Nicht alle wurden beantwortet. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Vielleicht war es ein geschickt gesetzter Versprecher, um das Thema zu illustrieren. Vielleicht war es aber auch nur ein herrlich komischer Zufall, wie er nur bei menschlicher Kommunikation entstehen kann. Egal wie: Als Stefan Wagner, Geschäftsführer der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, bei der Eröffnung der diesjährigen Thurgauer Kulturkonferenz im Kreuzlinger Kult-X am Samstagmorgen auf die Angebote einer kommenden Veranstaltung hinweisen wollte, stolperte er über ein Wort, das er zwar stirnrunzelnd und leicht ungläubig dreinblickend betrachtete, aber dennoch von seinem Sprechzettel ablas: «Kindertausch», sagte er. Eigentlich stand da aber Kleidertausch.

Im Nu hatte Wagner mit einer kleinen Ungenauigkeit die Aufmerksamkeit der rund 70 Besucher:innen der Veranstaltung erobert. Grosses, gemeinsames Gelächter folgte. Vielleicht auch aus Erleichterung über diesen sehr menschlichen Moment und das wohlige Gefühl, dass einem KI-generierten Moderator dies nicht gelungen wäre. Der hätte mathematisch genau berechnet, welches Wort, ausgehend von den eigenen Trainingsdaten, am wahrscheinlichsten im genannten Kontext folgen würde, und schematisch «Kleidertausch» gesagt. Die Veranstaltung wäre um eine Anekdote und das verbindende Gefühl des gemeinsamen Lachens ärmer gewesen.

 

Brachte alle zum Lachen: Stefan Wagner, Geschäftsführer der Kulturstiftung. Bild: Kulturstiftung des Kantons Thurgau/Beni Blaser

Die Grundhaltung? Eher Skepsis als Euphorie

Dass dies nicht die einzige Geschichte bleibt, die von diesem Konferenztag in Kreuzlingen erzählt werden wird, spricht indes für das weitere Programm, das sich Kulturstiftung, Kulturamt und Kulturkommission des Kantons Thurgau gemeinsam ausgedacht hatten. Es war die insgesamt fünfte Thurgauer Kulturkonferenz, und sie machte das so unendlich grosse und omnipräsente Thema «Künstliche Intelligenz» auf vielfältige Weise greifbar. In Vorträgen, Workshops und Diskussionen versuchte die Konferenz die Annäherung an das sehr weite Feld der KI. Eingehegt wurde es nur durch die Begrenzung auf den Bezug zu Kunst und Kultur.

Von Anfang an war klar - das hier wird keine rauschhafte Feier der neuen Möglichkeiten durch KI werden. Ort, Publikum und Veranstalter:innen legten etwas anderes nahe: Die Skepsis gegenüber Künstlicher Intelligenz ist in Kulturkreisen grösser als anderswo. Gründe dafür gibt es genug: die Bedrohung bestimmter Kreativberufe durch die technologische Entwicklung, die Verstösse gegen das Urheberrecht, die Entwertung von künstlerischem Schaffen, die intransparenten Methoden der Techfirmen. Man muss nicht lange suchen, um auf problematische Entwicklungen der Technik zu stossen.

 

Wie Kunst und Kultur von KI profitieren können

Künstliche Intelligenz kann auch für Kulturschaffende nützlich sein. Musikerinnen können ohne Studiotechnik professionelle Demos erstellen. Schriftstellerinnen können Plotprobleme durchspielen, Recherche beschleunigen, Übersetzungen vorbereiten. Filmemacher ohne Budget können Storyboards entwickeln. Museen können Bestände automatisch verschlagworten und durchsuchbar machen.

Kleine Theater können Fördermittelanträge leichter formulieren. Und: KI kann helfen, den bürokratischen Aufwand in den Griff zu bekommen. Sie hilft bei Pressetexten, Social-Media-Kommunikation, Vertragsanalyse, Buchhaltungsvorbereitung – also genau den Tätigkeiten, für die Kreative sich oft am wenigsten ausgebildet fühlen und die Zeit von der eigentlichen Arbeit stehlen.

Dorothea Baur, Expertin für KI-Ethik, Nachhaltigkeit und Verantwortung, bei ihrem Impulsreferat an der fünften Thurgauer Kulturkonferenz. Bild: Kulturstiftung des Kantons Thurgau/Beni Blaser

Wie KI die Kunst entzaubert

In diese Richtung ging auch der Impulsvortrag von Dorothea Baur. In ihrem Alltag berät sie als unabhängige Expertin Entscheidungsträger in Tech- und Finanzbranche in Sachen Ethik und KI. Als Speakerin hat sie schon bei zahlreichen Anlässen über das Thema gesprochen.

In Kreuzlingen nun fokussierte sie sich auf die Folgen von KI für Kunst und Kreativität. Eine ihrer Thesen dazu lautete: Von KI geschaffene Kunst führe zu einer Entzauberung. Denn: «Von Menschen geschaffene Kunst ist immer ein Angebot zum Dialog. Die KI macht dieses Angebot nicht. Geschichten verstummen, wenn kein Mensch und keine Erzählung hinter einem Werk stehen», sagte Baur. Die sinn- und gemeinschaftsstiftende Wirkung von Kultur sieht Dorothea Baur durch KI bedroht.

 

Hans Jörg Höhener, Präsident der Kulturkommission des Kantons Thurgau, begrüsste das Publikum zum Konferenzstart. Bild: Kulturstiftung des Kantons Thurgau/Beni Blaser

Die Gewinner bislang? Vor allem die Tech-Oligarchen, findet Dorothea Baur

Stück für Stück nahm sie die vermeintlichen Erfolgserzählungen über KI und Kunst aus dem Silicon Valley auseinander. Das grosse Versprechen von der Demokratisierung der Kreativität durch KI? Hält Baur für verlogen. KI mache Kunst nicht gerechter, sie führe eher zu einer Vertiefung von prekären Strukturen in der Kulturbranche.

«KI demokratisiert nicht die Kreativität, sie ermöglicht es den Tech-Unternehmen, alles künstlerisch Kreative aus den Künstler:innen herauszupressen und dies zu ihrem eigenen wirtschaftlichen Profit zu nutzen. Nix Demokratie, Oligarchie!», formulierte es Dorothea Baur pointiert.

Sie sieht jetzt vor allem die Unternehmen und die Politik in der Verantwortung, die durch KI entstehenden Herausforderungen für die Gesellschaft zu lösen. «Es wurde ein Tool auf den Markt gebracht, ohne dass wir uns die Konsequenzen dieser neuen Technologie auch nur ansatzweise bewusst gemacht hätten», klagte Baur. Natürlich gebe es auch so etwas wie eine individuelle Verantwortung jedes Einzelnen im Umgang mit KI, aber ohne gesetzlichen Rahmen und klare Regeln werden wir der Lage nicht Herr werden, befürchtet die Expertin.

 

Cornelia Mechler, Geschäftsführerin des Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz (A*dS), blickte auf das Urheberrecht und die Lage der Übersetzer:innen. Bild: Kulturstiftung des Kantons Thurgau/Beni Blaser

 

Wie KI Kunst und Kultur bedroht

Wer KI nutzt, nimmt auch die negativen Folgen der Technik in Kauf. Zum Beispiel, dass der Mittelstand der Kreativberufe ruiniert wird. Illustrator:innen, Synchronsprecher:innen, Fotograf:innen erleben bereits einen massiven Auftragseinbruch, weil Unternehmen KI-generierte Inhalte als ausreichend akzeptabel betrachten – zu einem Bruchteil des Preises.

Viele generative KI-Systeme wurden ausserdem mit urheberrechtlich geschützten Werken trainiert, ohne dass die Urheber:innen gefragt oder vergütet wurden. Das führt auch dazu, dass KI den Stil lebender Künstler:innen imitieren und deren Wiedererkennungswert – ihr wichtigstes Kapital – entwerten kann. Besonders bei Illustrator:innen und Musiker:innen ist das eine reale Bedrohung. Rechtlich ist das bislang kaum greifbar, weil Stil nicht schützbar ist.

Was KI anrichten kann, geht aber über die persönliche Ebene hinaus: Deepfakes von politischen Ereignissen können Gesellschaften destabilisieren und Konflikte anheizen.

Und dann ist da noch die Frage, was überhaupt noch Eingang in den Diskurs findet, wenn KI dominiert. Denn: KI-Systeme tendieren dazu, das Wahrscheinliche zu produzieren – also das, was in den Trainingsdaten am häufigsten vorkam. Das begünstigt strukturell dominante Ästhetiken, westliche Mainstream-Kultur, englischsprachige Inhalte. Nischenästhetiken, Avantgarde, regionale Kulturformen werden tendenziell marginalisiert – nicht durch bösen Willen, sondern durch die Logik der Systeme.

Mit Spielen gegen das Unwissen wirken

Nachdem die Technik nun aber in der Welt ist: Wie sollen wir damit umgehen? Antworten darauf sollten, neben Dorothea Baurs Impuls, vier verschiedene Workshops geben. Cornelia Mechler, Geschäftsführerin des Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz (A*dS), blickte auf das Urheberrecht und die Lage der Übersetzer:innen, der Komponist Manolo Müller gab Einblicke in die praktische Nutzung von KI in der Komposition von Musik, Grit Wolany vermittelte eine Übersicht zu aktuellen Trends im Feld von KI-Chatbots, und Nikki Böhler zeigte, wie man die Gesellschaft für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI sensibilisieren kann.

Böhler ist Künstlerin, aber auch Geschäftsführerin bei Intersections, einem Unternehmen, das Wissen rund um KI-Tools vermitteln will. «Wir stellen sicher, dass Organisationen das Potenzial von neuen Technologien nutzen, Risiken minimieren und den menschlich notwendigen Transformationsprozess meistern», heisst es auf der Internetseite von Intersections. Als Datenexpertin und Direktorin des Haus der Elektronischen Künste in Basel sitzt sie an einer spannenden Schnittstelle zwischen Kunst und Big Data.

 

Grit Wolany ist freie Art Directorin, Trend Researcher und Expertin im Bereich Generative KI. Bei der Kulturkonferenz gab sie einen Einblick in aktuelle Trends. Bild: Kulturstiftung des Kantons Thurgau/Beni Blaser

Studie: Mit Chatbots arbeitet man schneller, lernt aber weniger

Für Intersections hat sie sogenannte «Escape Games» mitentwickelt, die Menschen einen gesunden Umgang mit KI-Tools nahebringen sollen. Dabei geht es unter anderem darum, Fakes zu erkennen, Grenzen in der Nutzung von Chatbots auszuloten und insgesamt widerstandsfähiger gegen die digitalen Verlockungen zu werden. «Es geht gar nicht darum, sich der Technik komplett zu verschliessen», sagte Böhler in ihrem Workshop, «sondern darum, Gefahren und Nutzen der Technologie auszutarieren.» Ihr Rat an alle: «Zunächst selber denken bei der Problemlösung, erst in späteren Schritten KI hinzuziehen.»

Ein Grund für diese Vorsicht: Selber denken macht schlau, Texte von einer KI erstellen lassen eher nicht. Eine Studie des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) stützt diese Haltung. Eine häufige Nutzung von KI-Chatbots kann zu einer Abnahme des kritischen Denkens führen, hatte eine Untersuchung von Nataliya Kosmyna und weiteren Wissenschaftlerinnen nahegelegt. Dieselbe Studie hatte auch gezeigt, dass man mit ChatGPT Aufgaben zwar schneller erledigt, man aber gleichzeitig auch einen geringeren Lerneffekt dabei hat.

 

Kann man KI ethisch und verantwortungsvoll nutzen?

Jenseits der künstlerischen Beschäftigung mit KI und ihren Folgen hat die Deutsche UNESCO-Kommission ein eigenes Papier zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz erstellt. Es geht um Handlungsansätze für eine ethische Entwicklung und Nutzung von KI in Kultur und Kreativwirtschaft. Das Urheberrecht wird darin als dringlichstes Problem benannt.

Laut Kommission werden Urheberrechte «tagtäglich durch KI-Systeme verletzt» – etwa beim massenhaften Absaugen von Inhalten aus dem Internet als Trainingsdaten für grosse Sprachmodelle oder bei der Reproduktion von Stilen und Stimmen. Als Lösung schlägt sie Mechanismen ähnlich der GEMA vor: ein Datenregistrierungssystem, verbunden mit einem Vergütungsmodell.

Interessant ist auch ein anderer Vorschlag der UNESCO-Kommission. KI-Kompetenzen sollen demnach nicht nur Grosskonzernen nutzen, sondern gerade kleineren Akteuren. Die Kommission fordert, dass die «Vermittlung von KI-Kompetenzen Teil der Curricula aller berufsqualifizierenden Ausbildungen und Studiengänge im Kunst- und Kreativbereich» sein solle – als Mittel, um «Konzentrationstrends auf dem Kunst- und Kulturmarkt entgegenzuwirken». Als Finanzierungsvorbild nennt das Papier Frankreich, wo Steuereinnahmen von Technologiekonzernen in einen Kreativfonds fliessen.

Wie KI lokale Kulturen bedroht

Das Kommissionspapier zeigt zudem auf, was KI für lokale Kulturszenen bedeuten kann. Es hält fest: Bereits bekannte Künstlerinnen und Künstler aus «kulturell stark dominanten Weltregionen werden zu Lasten lokaler kultureller Inhalte bevorzugt, vorgeschlagen und angezeigt.» Dies verstärke eine digitale «Monokultur». Das positive Potenzial von KI – etwa der Erhalt bedrohter Sprachen und Ausdrucksformen – entfalte sich «nicht automatisch», sondern müsse politisch aktiv gestaltet werden, so die UNESCO.

Das führt hin zu dem eigentlichen aktuell drängendsten Grundproblem im Feld Künstlicher Intelligenz: Schaden und Nutzen sind im Moment nicht gleichmässig verteilt. Wer bereits Ressourcen, Plattformen und Publikum hat, kann KI als Hebel nutzen. Wer gerade dabei ist, sich einen Markt aufzubauen, konkurriert plötzlich mit Systemen, die auf der Arbeit anderer trainiert wurden und nahezu kostenlos skalieren. Die Technologie ist nicht neutral – sie verstärkt bestehende Ungleichgewichte, wenn sie nicht aktiv reguliert wird.

Und jetzt? Eine Anregung zum Schluss

Dass es bei der Kulturkonferenz nicht darum ging, eine reine Abwehrschlacht gegen neue Technologien zu führen, machte die Abschlussdiskussion mit allen Workshop-Leiter:innen deutlich. Es brauche einen offenen, aber sehr bewussten Umgang mit KI-Tools, war sich das Podium einig. Klar auch: Am Ende muss jede und jeder selbst entscheiden, wie gross der Einfluss von KI auf das eigene Leben sein soll. Und wie viele der Konsequenzen, die KI mit sich bringt, man bereit ist zu tragen.

Kunst und Kultur können einen wichtigen Beitrag zu diesem Erkenntnisprozess leisten. Oder wie hatte es der weitsichtige Kurator Hans Ulrich Obrist bereits vor acht Jahren formuliert? «Viele Schlüsselfragen der KI sind philosophischer Natur und können nur aus einer ganzheitlichen Sicht beantwortet werden, und es wird sich lohnen zu beobachten, wie abenteuerlustige Künstler:innen sie beleuchten.» Fortsetzung folgt.

 

Abschlusspodium der fünften Thurgauer Kulturkonferenz mit (von links): Grit Wolnay, Manolo Müller, Nikki Böhler, Cornelia Mechler und Stefan Wagner. Bild: Kulturstiftung des Kantons Thurgau/Beni Blaser

 

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