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von Roland Schäfli, 30.03.2026

Kultur als Brücke der Integration

Kultur als Brücke der Integration
Begegnung und kultureller Austausch im Open Place Kreuzlingen: ukrainische Familien schaffen gemeinsame kulturelle Räume zwischen Herkunft und neuem Alltag im Thurgau. | © zVg

Die ukrainischen Geflüchteten hatten sich im Thurgau nicht nur an eine neue Sprache zu gewöhnen, sondern an eine andere Gesellschaftskultur. Ukrainerinnen erzählen, wie sie Unterschiede durch Kulturanlässe überbrücken. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Über 70'000 Geflüchtete haben seit Kriegsausbruch die Schweiz erreicht. Eine von ihnen war im März 2022 Viktoriia Velychko. Bald darauf, am 1. Juli, erreichte Yuliia Kovalenko die Schweiz. Sie kamen aus unterschiedlichen Gegenden ihrer Heimat und fanden im Thurgau in der Durchführung von verbindenden Anlässen Halt. 

Die Unterschiede der Gesellschaftskultur

Wenn Menschen sich in einem anderen Land zurechtfinden, ist ihnen nicht nur die Tradition fremd, sondern auch die Gesellschaftskultur. Die Thurgauer Mentalität ist geprägt von Ordnung, Verlässlichkeit und Zurückhaltung, in der Ukraine haben Nähe, Improvisation und unmittelbare Anteilnahme einen anderen Stellenwert. 

Jede Kultur ist ein Ausdruck ihres Landes. In der Ukraine ist Musik – vom mehrstimmigen Volkslied bis zur Bandura – kollektiver Ausdruck vom Stolz auf die Identität; Gesang ist spontan und gemeinschaftlich. In der Schweiz wird Musik mehr im strukturierten Vereinsleben zelebriert. Theater und Literatur dienen auch der politischen Reflexion, während sie hierzulande Teil einer pluralen Kulturlandschaft sind. Die Ukrainische Kunst, von Ikonen bis zur bestickten Vyshyvanka, ist symbolisch und spirituell geprägt. Dagegen ist Schweizer Volkskunst regional verwurzelt und weniger religiös aufgeladen. Religiöse Feste stiften in der Ukraine generationenübergreifende Nähe. Hierzulande sind religiöse Rituale vielfach säkularisiert.

Ohne Vorbereitung auf Sitten und Gebräuche

Obwohl sich unsere Bevölkerungsgruppen in der europäischen Gemeinschaft nahestehen, zeigen doch schon diese Unterschiede, wie unterschiedlich Kultur gelebt wird, dass oft feine Nuancen im gesellschaftlichen Umgang die Integration zur Herausforderung machen. Olesina Tarasenko hat als ukrainische Expertin für Integration und Initiatorin der ukrainisch-schweizerischen Plattform IntegraS ein dezidierte Meinung zu dieser Frage: «Wenn man sich unter normalen Umständen auf die Immigration vorbereitet, dann lernt man vorher die Sprache und macht sich mit Sitten und Gebräuchen bekannt. Diese Gelegenheit hatten wir nicht, und es ist für eine Person über 40 schwieriger, sich so schnell den Gepflogenheiten anzupassen als für eine halb so alte Person.»  

Es ist das Regelwerk der Schweizer Asylfürsorge, das die Ukrainer als erstes kennenlernen. Im Bundesasylzentrum werden die Flüchtlinge den Kantonen zugeteilt. Im Thurgau wiederum verteilt die Peregrina Stiftung, die im kantonalen Auftrag die Durchgangsheime führt, die Personen auf die Gemeinden. Florian Ebersold, in der Geschäftsleitung der Stiftung, konnte in den vergangenen vier Jahren immer wieder feststellen, dass die Ukrainer sich generell schnell an ihre neue Lebensrealität anpassen. Doch wie steht es um das Erlernen von Sitten und Gebräuchen? 

 

Yuliia Kovalenko erkannte bald nach ihrer Ankunft im Thurgau, dass kulturelle Begegnungen Brücken schlagen können. Bild: zVg

 

Beitrag aus dem Recherchefonds

Dieser Beitrag entstand mit Hilfe unseres Recherchefonds. Zum 15. Geburtstag von thurgaukultur.ch haben wir im Mai 2024 einen Jubiläums-Recherchefonds initiiert, um bislang unterbelichtete Themen unter die Lupe nehmen zu können. Unter dem Titel „15 Jahre, 15 Geschichten“ sollen tief recherchierte Beiträge zu verschiedenen Themenfeldern des Thurgauer Kulturlebens entstehen. Alle Beiträge werden in einem Dossier gebüldet. Der Recherchefonds wird unterstützt von der Stiftung für Medienvielfalt und der Crescere Stiftung Thurgau.

«Grüezi!» war das erste Schweizer Wort

Ihre Flucht hatte Yuliia Kovalenko kaum planen können, geschweige denn, wie es weiter gehen würde. Ausschlaggebend war die unsichere Zukunft, ob ihre 9-jährige Tochter Mariia weiter zur Schule gehen könnte. Als Mutter und Tochter mit ihrer Gastfamilie in Egnach in der ersten Woche Spaziergänge unternahmen, um die Gegend am Bodensee zu erkunden, hörten sie erstmals die Schweizer Grussformel: «Fremde Menschen, denen wir begegneten, grüssten uns mit Grüezi - allerdings nur, wenn nicht viele Menschen unterwegs waren.» 

Weil sie so viel von der Fasnacht hörte, besuchte Yuliia mit ihrer Tochter Luzern – und lernte eine Kulturform kennen, die sie noch nicht kannte. «Auch die Ukraine feiert traditionell das Winterende, aber nicht mit Umzügen und Verkleidungen.»

Bald stellte Yuliia fest, welche Rolle die Pünktlichkeit in der Schweiz spielt. «Ich merkte schnell, dass Schweizer eher noch fünf Minuten früher kommen als abgemacht, wohingegen man sich bei uns erst bei einer Verspätung von zehn Minuten überhaupt meldet.»

Von der Politik geprägter Umgang

Obwohl die Ukrainer mehrheitlich gut ausgebildet sind, nahmen auch die Gastgeber bald Kenntnis davon, dass solche Unterschiede in den Gesellschaftsnormen ein nicht zu unterschätzendes Hindernis der Integration sind. Am «Café Ukraine», einem von den Kirchen und der Gemeinde Gachnang eingerichteten Treffpunkt, wurde für Pfarrerin Sabine Schütz die Prägung durch das politische System deutlich: «Während wir in der Schweiz zu Eigenverantwortung aufgerufen sind und es eine Holschuld gibt, trauen sich viele Ukrainer nicht, Menschen einfach anzusprechen. Eine gewisse Angst vor Obrigkeiten war anfangs spürbar.» 

Der Kreuzlinger Pfarrer Damian Brot hat eine ähnliche Feststellung gemacht. «Sie haben eher mehr Hemmungen, um über ihre Probleme zu sprechen und nach Hilfe zu fragen, als die Schweizer und Menschen aus anderen Kulturen.» Wer finanzielle und administrative Unterstützung suche, der schickt zuerst jemand anders quasi vertretungsweise zu ihm, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. 

Als in Gachnang der Musikverein ein Fest veranstaltete, waren die Gäste erneut überrascht: «Der Zusammenschluss in Vereinen und Interessensgruppen», stellte Pfarrerin Sabine Schütz fest, «ist für viele etwas Neues.»

 

Daran finden Schweizer Geschmack: das aufwendig verziertes ukrainisches Festbrot ist ein Symbol für Gastfreundschaft und kulturelle Identität.

Vidnova macht ukrainische Kultur sichtbar

Die Neuankömmlinge schlossen sich allerdings selbst umgehend zu Vereinigungen zusammen. Nicht nur, um sich gegenseitig auszuhelfen, sondern um einen interkulturellen Dialog zu entwickeln. So wurde schon am 1. Juni 2022 der Schweizerisch-Ukrainische Verein Vidnova (ukrainisch für «Wiederaufbau») ins Leben gerufen. Die selbstverordnete Mission lautet, die Kultur zu nutzen – die eigene und die des Gastlandes – um gegenseitiges Verständnis zu schaffen. 

Nach ihrer Flucht – auch sie rettete ihre beiden Töchter in die Schweiz – fiel Viktoriia Velychko zuallererst auf, wie «gut alles organisiert, wie vielfältig das Kulturangebot und wie respektvoll vieles ist.» Sie war beeindruckt, dass Menschen aus rund 150 Nationalitäten im Thurgau harmonisch zusammenleben. Sie hatte eine Karriere im Bankwesen hinter sich und brachte ihre organisatorischen Skills umgehend in Initiative der Vidnova ein. Gemeinsam mit Olesia Tarasenko sorgte sie für die formellen Gründung und staatliche Registrierung des Vereins. Heute steht sie ihm im Kanton Thurgau vor, wo er mit rund 300 Mitgliedern die grösste Präsenz aufweist. 

Die Anlässe sind nicht selten von der ukrainischen Küche geprägt: «Als wir das orthodoxe Osterfest feierten und traditionelle Osterspeisen wie unser Osterbrot zubereiteten, zählten wir sogar mehr Schweizer als Ukrainer. Bei den Anmeldungen zum Weihnachtsessen stellten wir hingegen fest, dass mehr Teilnehmer ein Schweizer Essen bestellten.»

 

Projekte von Vidnova

Der Verein Vidnova leitet soziale, pädagogische und kulturelle Projekte, die vom Krieg betroffene Menschen unterstützen. Ziel ist es, ukrainische Kultur sichtbar zu machen und gleichzeitig Integration durch Kultur zu fördern.

Initiativen: 

„Ukrainisches Buch in der Schweiz“, zur Popularisierung der ukrainischen Literatur und Sprache

UA-DO, eine schweizerisch-ukrainische Sportschule, die den Weg für die körperliche und emotionale Entwicklung junger Menschen ebnet

Beschäftigungsförderprogramme für Ukrainer mit vorübergehendem Schutz in der Schweiz

Informationsplattform „Ukrainer in der Schweiz“, für aktuelle Nachrichten, Veranstaltungen und nützliche Ressourcen

Initiativen zur Entwicklung kleiner und mittlerer Unternehmen und zur Schaffung internationaler Partnerschaften

Die Kultur der Essenseinladung

Die Standortleiterin der Peregrina-Stiftung in Arbon, Giada D’Amico, durfte an Leib und Seele erfahren, dass bei den Ukrainern Freundschaft mit einer guten Mahlzeit gepflegt wird: «Oft pflegen sie die Bekanntschaft zu mir und anderen Stiftungsmitarbeitenden, lange nachdem sie als Flüchtlinge unser System verlassen haben. Bei Einladungen zum Essen erweisen sie sich als wunderbare Gastgeber.»

Auf diese Gastfreundschaft ist Yuliia Kovalenko nicht wenig stolz: «Wenn wir zum Essen einladen, sind Schweizer überrascht von den Portionen: der ganze Tisch ist mit Essen vollgestellt!» Dass die hiesigen Esszeiten ein ungeschriebenes gesellschaftliches Gesetz beinhalten, war ihr anfangs nicht bewusst. «Bei uns sind die Esszeiten nicht so genau in Znüni oder Znacht eingeteilt. Ich habe gelernt, nicht zur Mittagszeit anzurufen, weil man nicht beim Essen stören sollte.» 

 

 Bei den von Perspektive Thurgau organisierten Femmes-Tischen engagiert sich Yuliia Kovalenko als Moderatorin.

 

Viktoriia hat sich an die Schweizer Küche gewöhnt. «Meine Familie liebt das Raclette.» Der grösste Unterschied zur ukrainischen Küche sei wohl die breitere Auswahl an Suppen. Eine gute Suppe, sagt sie, erinnert sie immer an ihre Kindheit.

In ihrer Heimat war Yuliia eine selbständige Bijouteristin. Genau wie Viktoriia erkannte sie bald, wie sie ihre unternehmerischen Talente einbringen kann, um kulturelle Begegnungen zu ermöglichen. Seit Oktober 2023 engagiert sie sich bei den von Perspektive Thurgau organisierten Femmes-Tischen. In diesen mehrsprachigen Gesprächsrunden, unterstützt vom kantonalen Aktionsprogramm Gesundheitsförderung und Prävention, lassen sich Alltagsfragen auch zur Gesellschaft praxisnah besprechen. Moderatorinnen, die selbst in beiden Kulturen zuhause sind, leiten die Treffen. So wirkt Yuliia heute selbst als Türöffner in eine Gesellschaft, deren eigene Regeln sie erst hatte verstehen müssen.

Unterschiede der Freundschaftspflege

Viele ihrer Kulturveranstaltungen organisiert Vidnova gemeinsam mit dem Pfarrer im Begegnungsort Open Place Kreuzlingen, Damian Brot. Dadurch sei die soziale Anlaufstelle in der Evangelischen Kirchgemeinde lebendiger und vielfältiger geworden, sagt der Seelsorger. Die Ukraine ist ein Land mit einer starken christlichen Tradition, womit gemeinsame Gottesdienste eine Basis des Miteinanders legen. 

Was wiederum das Schliessen von Freundschaften angeht, so empfindet Giada D’Amico von der Peregrina-Stiftung die Offenheit ihrer neue Freunde so, dass sie «einfacher Freundschaften schliessen als mancher Schweizer.» 

«Freundschaften sind in unserer Kultur sehr wichtig», wirft Yuliia ein, «und wir wissen, dass persönliche Beziehungen gepflegt werden wollen. Genauso braucht es Zeit, hier eine Community aufzubauen. Wir helfen uns gegenseitig, aber wir leben dabei nicht abgeschottet wie in einer Kommune.»

 

Begegnung und kultureller Austausch im Open Place Kreuzlingen: ukrainische Familien schaffen gemeinsame kulturelle Räume zwischen Herkunft und neuem Alltag im Thurgau.

 

In der Gesprächskultur ist Yuliia aufgefallen, dass Schweizer Gesprächspartner sie nicht nach dem Krieg fragen, «weil sie wohl nicht ein Thema anschneiden möchten, das mich verletzen könnte.» Erst bei einem zweiten oder dritten Treffen komme die Sprache darauf. «Wir haben übrigens dieselbe Höflichkeitsregel, nicht nach dem Gehalt zu fragen, und persönliche Fragen, etwa zu Beziehungen, werden nur im passenden Umfeld gestellt.»

Yuliia Kovalenko stellt sich auf den Standpunkt, dass man auch als Flüchtling nicht erwarten könne, dass man Freundschaft einfach geschenkt bekomme. Unterdessen versteht sie, dass die Freundschaften von Schweizern oft bis auf die Jugend zurückgehen. «Der Aufbau von Freundschaften mit Schweizern benötigt ebenso Zeit, aber ich freue mich, nach dreieinhalb Jahren einen wachsenden Freundschaftskreis pflegen zu dürfen.» 

Und in Zukunft?

Victoriia wagt eine vorsichtige Zukunftsprognose ihrer Landsleute: «Es ist für uns noch immer schwierig, langfristig zu planen. Weil sich die Kriegslage so schnell ändert, ist in den Köpfen vieler Ukrainer, dass wir morgen schon zurückkehren könnten. Darum sind spontane Anlässe wichtig für die Ukrainer in der Schweiz.» Derzeit ist Victoriia mit der Planung eines Theaterstücks beschäftigt, das die Geschichte der Schweiz und der Ukraine zeigt. Ukrainische und Schweizer Kinder sind daran beteiligt. Zudem steht die Veranstaltung „Ukrainischer Tag in der Schweiz“ an.

Yuliia ist heute in der der Evangelisch-methodistischen Kirche Romanshorn tätig, wo sie auch mit dem Integrationsprojekt «Ein offenes Haus» in Erscheinung tritt. Seit 2026 ist sie in der Abteilung Finanzen und Steuern bei der Politischen Gemeinde Egnach tätig. Was sie am meisten vermisst? «Wäre es umgekehrt, und die Schweizer würden bei uns leben, wären sie wahrscheinlich überrascht, wie gern wir an Festen singen und tanzen.»

Olesina Tarasenko sieht nach vier Jahren Aufenthalt in der Schweiz den grössten Unterschied zwischen den Mentalitäten in einer gewissen Ungeduld der Ukrainer, die der Beständigkeit der Schweizer gegenübersteht. «Obwohl wir alle Europäer sind, können wir diesen Unterschied aufgrund der politischen Systeme unserer Länder auch in ihren Bürgern erkennen. Der Schweizer ist geprägt von der Stabilität seines Landes, wohingegen wir in unserem Land nicht die Ruhe der Ökonomie und der Neutralität kannten. Ich würde mir wünschen, wenn wir eines Tages zurückkehren können, dass wir in einem Land mit einem ebenso unaufgeregten System leben können.»

 

 

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