von Inka Grabowsky, 20.04.2026
Menschliche Schädel in der Sammlung

Das Historische Museum Thurgau erforscht die Herkunft seiner ethnologischen Sammlung. Und hat dabei einige problematische Exponate gefunden. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
«Man geht davon aus, dass sich schätzungsweise 95 Prozent von allen historischen afrikanischen Kulturobjekten ausserhalb Afrikas befinden, meist in europäischen Museen», sagt Ethnologin Anja Soldat. Seit Oktober 2025 arbeitet sie im Magazin des Historischen Museums in Frauenfeld an jenen rund 200 Objekten dort, die aus ihrem Forschungsgebiet Afrika stammen. Andere Fachleute beschäftigen sich noch bis Ende 2027 mit Gegenständen aus Skandinavien, aus Süd- oder Mittelamerika. Gelder aus dem Lotteriefonds machen dies möglich.
«Provenienzforschung betrifft nicht nur Kunst aus jüdischem Besitz, sondern eben auch Objekte aus der Kolonialzeit», sagt Sammlungskuratorin Christine Süry. Um herauszufinden, woher etwas stammt, werden Archive durchforstet. Alte Inventarlisten, Museumskataloge oder Briefe der Donatoren sind wichtige Quellen.
Gut belegt ist die Sammlung der Thurgauischen Naturforschenden Gesellschaft, deren Sammlung das Historische Museum übernommen hat. «Sie hat sich 1889 bei der Weltausstellung in Paris eingedeckt», so Süry. «Dort gab es Völkerschauen, bei denen echte Menschen in künstlichen Kulissen einen Eindruck vom Leben in Afrika vermitteln sollten. Und die Requisiten wurden verkauft.»
Provenienzforschung untersucht die Herkunft und Besitzgeschichte von Objekten – etwa Kunstwerken, Kulturgütern oder Alltagsgegenständen. Ziel ist es, lückenlos nachzuvollziehen, wem ein Objekt zu welchen Zeiten gehörte und unter welchen Umständen es den Besitzer wechselte. Besonders wichtig ist dies bei Raubkunst, etwa aus der Zeit des Nationalsozialismus oder aus kolonialen Kontexten. Die Forschung schafft Transparenz, klärt rechtliche und ethische Fragen und bildet die Grundlage für mögliche Rückgaben.
Gekauft wurde damals zum Beispiel das sogenannte Eisengeld aus Gabun und aus Sierra Leone. «Eisen hatte einen realen Materialwert, der als Tauschmittel anerkannt war», so die Afrika-Spezialistin Soldat. «Gleichzeitig gab es einen symbolischen Wert, weil das Eisen in Form von kleinen Werkzeugen geschmiedet wurde.»
Als Spende ins Museum gekommen ist die Sammlung von August Künzler, der von 1929 bis 1979 in Tansania lebte. Als Weizenhändler und Tierfänger wurde er ein vermögender Mann und kehrte erst im Alter – nach einem Regierungswechsel in Tansania – in die Schweiz zurück. Unter anderem ein Halskranz einer Massai-Frau stammt aus seinem Nachlass. «Die Farben der Glas- und Kunststoff-Perlen haben eine symbolische Bedeutung. Wenn man den Code kennen würde, könnte man etwas über die Frau herausfinden», sagt Anja Soldat.
Weniger harmlos ist die Nilpferd-Peitsche, die aus dem von Deutschen kolonisierten Kamerun stammt. «Der geschnitzte Griff in Form eines Dobermanns zeigt uns, dass sie ein Prestigeobjekt für Kolonialbeamte gewesen sein dürfte», so die Ethnologin. «Benutzt wurde sie, um Einheimische mit Gewalt willfährig zu machen.»
Zu den problematischen Objekten zählt Anja Soldat eine 30 Zentimeter hohe Kraftfigur aus dem Kongo. Sie ist 1929 in die Sammlung aufgenommen worden. «Damals litt die Bevölkerung unter der zum Teil sehr brutalen Kolonialherrschaft der Belgier. Die Menschen fühlen sich verunsichert und baten über die Figur um Schutz für eine Person oder für ein ganzes Dorf.»
Ein Heiler lud mystisch auf, was ein Schnitzer nach Auftrag geschaffen hatte. Auf dem Kopf wurden Opfer dargebracht – Eier etwa oder Federn. Spiegelglas in den Augen reflektiert den bösen Blick, ein Stück Antilopen-Horn und ein Leopardenzahn symbolisieren Macht. Im Innern könnten sich weitere Substanzen verbergen. «Wir werden die Figur röntgen lassen», so Sammlungskuratorin Christine Süry. «Dann werden wir sehen, ob sie ‹entladen› wurde, ob also wirkmächtige Substanzen entfernt würden.» Das hätte man wahrscheinlich getan, wenn die Figur regulär verkauft wurde – vergleichbar dem Entweihen von Kirchenräumen, wenn sie weltlichen Zwecken dienen sollen.
Nicht alles ist echt
Kraftfiguren aus dem Kongo erzielen auf dem Kunstmarkt mitunter hohe Preise, entsprechend oft werden sie gefälscht. Das war auch bei einer Tanzmaske im Baoulé-Stil aus Côte d’Ivoire der Fall, die Anja Soldat unter die Lupe genommen hat. «Sie ist viel grober geschnitzt als die Originale. Sie hat keinerlei Schweiss-Spuren, die da sein müssten, wenn sie von einem Tänzer getragen worden wäre. Und ihr fehlen Löcher, um Bänder zur Festigung anzubringen.» Der Spender hat die Maske offenkundig auf einem Markt für Touristen gekauft. «Airport-Art» heissen solche Stücke deshalb.
Rückgabe? Aber wenn ja, an wen?
Wenn ethnologische «Reisemitbringsel» extra zum Verkauf an Ausländer geschaffen wurden, ist ihr Besitz unproblematisch. «Doch bei Kultgegenständen könnte man eine Restitution überlegen», meint die Ethnologin. Prinzipiell würde man in solchen Fällen mit den Botschaften der betroffenen Länder Kontakt aufnehmen, um herauszufinden, ob Interesse an den Kulturgütern besteht. «Das ist nicht selbstverständlich», so Kuratorin Süry. «Eine Regierung kann sich natürlich von den Werten distanzieren, die früher vertreten wurden.»
Vor einem praktischen Problem steht man durch Veränderung von Staatsgrenzen im Laufe der Zeit. Wem sollte man etwa Fundstücke aus der Inka-Zeit zurückgeben? Auf dem Gebiet des Reichs existieren heute sechs Länder.
Das Historische Museum muss sich dem stellen: Zu den besonders problematischen Stücken in der Sammlung gehören menschliche Überreste (Schädel), die aus Gräbern in Südamerika stammen. «Sie sollten in ihrer Heimat würdig bestattet werden», findet Christine Süry.

Von Inka Grabowsky
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