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von Samantha Zaugg, 19.02.2018

Die heilige Einfaltigkeit

Die heilige Einfaltigkeit

Kakaduleichen und Teenieproleten, davon handeln die Texte am Mostindien Slam in Frauenfeld. Das tönt jetzt vielleicht sinnlos und das ist auch gut so. Denn genau von dieser Sinnfreiheit lebt der Slam.

Von Samantha Zaugg (Text, Fotos und Videos)

Die Frau mit der Atompilzfrisur. Gibt es eine geilere Metapher, um eine alte Dame zu beschreiben? Ich denke nicht. Das Publikum im Eisenwerk ist offenbar gleicher Meinung, denn am Schluss kürt es die Autorin Gina Walter zur Gewinnerin des Abends.

Die Baslerin hat im Final einen Text über das Busfahren vorgetragen. Soweit so banal. Mit den Texten über die Leiden der ÖV-Benutzer verhält es sich nämlich so, wie mit den Leuten die im morgens im Zug telefonieren: Sie sind inflationär und meistens gehen sie mir auf die Nerven. Nicht so der Text von Gina Walter. Sie schafft es die ÖV-Posse unterhaltsam zu präsentieren. Vergleiche, so überraschend wie treffend, die Dialoge realistisch, es entstehen sofort Bilder im Kopf.

Die Gewinnerin Gina Walter. Ihren Siegertext zum Busfahren gibt es hier zum nachschauen.

Das ist es was Jury und Publikum wollen. Alltägliche Themen, im Inhalt banal und teilweise sogar ein wenig einfältig. In der Form dafür aber umso raffinierter. Die Texte, die ankommen handeln von der Unsinnigkeit der Miss-Schweiz-Wahl, von der Wurst, die eben nicht zwei Enden hat, oder von einem Känguru und einem Berg toter Kakadus. Tiefgründige Themen scheinen es schwer zu haben. Terror in Europa, die Frage nach der ewigen Liebe oder ein Text über die Schönheit des Lebens lassen das Publikum kalt.

Das Publikum, das sind an diesem Abend rund 120 Personen. Der Saal ist voll, viele der Zuschauer sitzen auf dem Boden. Der Event wird zwar vom Kaff veranstaltet, aber im Theater des Eisenwerks durchgeführt. Wohl auch deshalb ist das Publikum bunt, die jüngeren Kaff-Besucher mischen sich mit den gesetzteren Zuschauern des Eisenwerks.

Doch zurück zur Sinnfreiheit. Wenn Sie beim Lesen gedacht haben, dass «Sinnfreiheit» gar kein Wort ist, dann haben sie recht. Laut Duden gibt es zwar «sinnfrei», im Sinn von «sinnlos», das Substantiv dazu scheint aber nicht zu existieren. Trotzdem oder gerade deshalb passt das Wort gut zum Poetryslam.

Auch der Slam hat nicht den Anspruch sinnvoll zu sein. Vielmehr erfüllt er das Bedürfnis nach einem Rückzugsort. Ein Rückzugsort an dem jeder die Freiheit hat, das Sinnlose zu zelebrieren. Vielleicht manchmal ein bisschen einfältig, aber ohne dabei jemals richtig dumm zu werden.

Auch der Thurgauer Jan Rutishauser hat am Slam teilgenommen. Im Video spricht er über Nachteulen, den kompetitiven Aspekt des Poetry Slams und die Slammer-Solidarität. Mehr zu Jan Rutishauser gibt es hier.

Bonus: Outtake aus dem Interview. Wer kommt eigentlich auf die Idee eine Backstage Beleuchtung mit Bewegungsmelder einzurichten?

 

 

 

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