von Barbara Camenzind, 16.03.2026
«Es gibt keine Gralshüter des Volksliedes»

Der Thurgauer Festchor startet am Samstag, 21. März, in Weinfelden seine Konzertreise «Volkslieder – traditionell und neu gedacht». Komponist David Lang erklärt, was dahintersteckt – und was das mit Heimat zu tun hat.
Gefüttert mit den beiden Schlagwörtern «Volkslieder» und «Thurgau» spuckt Googles KI Gemini genau zwei Titel aus: die über 200-jährige Kantonshymne von Bornhauser/Wepf, genannt das Thurgauerlied – und David Langs Ballade «Heimat». Zwei Lieder.
Da die Künstliche Intelligenz, was Wissen über tradierte Liedkultur und die Region zwischen Thur und Bodensee betrifft, als nicht zuverlässig angesehen wird, befragen wir den Komponisten und Dirigenten David Lang, der das wohl differenzierter überblickt:
David, der Titel der neuen Konzertreise deines Thurgauer Festchores lautet «Volkslieder – traditionell und neu gedacht». Was habt ihr an euren Konzerten vor?
Wir singen Volkslieder, die im kollektiven Bewusstsein der Schweiz verhaftet sind. Wie zum Beispiel «Es wott es Fraueli z’Märit goh». Mir ist es wichtig, in zeitgemässen Arrangements die «Urschrift» des Liedes mit dem Heute zu verbinden. Das macht Spass, der Wiedererkennungswert ist hoch, und die Lieder leben weiter. Wichtig ist es, mit ihnen sorgfältig umzugehen. Schweizer Volkslieder neu zu denken und zu musizieren haben ja auch schon andere gemacht. Wie die Band Rumpelstilz zum Beispiel.
Und wie bearbeitest du diese Lieder?
Bleiben wir doch beim Beispiel des Fraueli: Das Lied hat extrem viele Strophen, und ich habe eine grosse Leidenschaft für Hip-Hop und Heavy Metal. Das heisst aber nicht, dass ich die Urform des Liedes stilistisch plattwalze, sondern hinspüre, wie ich es in einer frischen Fassung neu beleben könnte. Viele Strophen funktionieren zum Beispiel mit Hip-Hop-Elementen. Mit Ronja Katzman begleitet uns am Konzert eine tolle Sängerin mit einer flexiblen, gut ausgebauten Stimme von Jodel bis Pop. Fredi Sondereggers Alphorn musste ich mich bei den Arrangements natürlich harmonisch fügen.
«Mir ist es wichtig, in zeitgemässen Arrangements die «Urschrift» des Liedes mit dem Heute zu verbinden.»
David Lang, Komponist und Chorleiter
Ist das nicht eine Verwässerung unseres musikalischen Erbes? Die Klassik beruft sich auf Werktreue, und der Eidgenössische Jodlerverband hat ganz genaue Vorstellungen, was Schweizer Volksmusik sein soll und was nicht.
Nein. Weil du zwischen Volkslied und tradierter Volksmusik, zu der auch die Jodlerchöre gehören, unterscheiden solltest. Für unsere Volkslieder gibt es keine Gralshüter, die bestimmen, was «original» ist und was nicht. Die Lieder wurden meist mündlich überliefert, dann irgendwann einmal in der Urform aufgeschrieben. In der Zeit, als viele Volkslieder entstanden oder eingewandert sind, wie beispielsweise der Heimatvogel aus dem Solothurnischen, hatte man ein anderes Mindset, andere Lebensumstände. Die Schweiz kennt viele Söldnerlieder. Die Reisläuferei gibt es heute nicht mehr. Das ist sehr fern unserer Gegenwart.
Und deshalb darf man die Lieder bearbeiten, wie es einem gefällt?
Diese Lieder dürfen darum heute neu klingen, wenn sie lebendig bleiben sollen. Das ist ihre grosse Chance und für uns Musizierende ein freies Gestaltungsfeld. Die Urform verschwindet darum ja nicht, wenn darauf geachtet wird. Die Regeln in der tradierten Volksmusik entstanden mit dem wachsenden Nationalbewusstsein. Der Thurgau kennt keine eigene Volksmusik, so wie das Appenzellerland, mit typischen Merkmalen. Und was das Thurgauer Volkslied betrifft: Meines Wissens gibt es als überliefertes Lied, das im Thurgau entstanden ist, wirklich «nur» das Thurgauerlied.
Ich frage mich gerade, ob diese «Leerstelle» bedauerlich ist oder nicht. Der verstorbene Literaturprofessor Peter von Matt beschrieb die Identität der Schweiz sinngemäss so: Sie sei entstanden durch Vielfalt und Aussenbezüge. Gilt das – musikalisch gesehen – auch für den Thurgau?
Absolut. Es ist einfach so, wie es ist. Wir sind ein vielfältiger Kanton. Im Thurgau wurde von jeher Musik aus dem deutschsprachigen Raum gesungen. Man muss sich nicht nur aus sich selber erfinden. Volkslieder, die in der Deutschschweiz gesungen werden, gibt es ja nicht nur in Mundart, und sie kümmern sich nicht um Landesgrenzen oder den Kantönligeist. Sie gehören denen, die sie gerne singen. Allerdings glaube ich zu wissen, warum es kaum Mundartlieder in unserem Thurgauer Dialekt gibt.
Jetzt bin ich neugierig.
Unser Dialekt wird als zu hell und hart empfunden. Ausserdem sind wir zu wenig selbstbewusst. Denn: Im Italienischen funktioniert das in Bezug auf helle Vokale problemlos. Die Berner sprechen einen Satz, und schon ist es Poesie (lacht). Jedoch: Wenn wir von der typisch musikalischen DNA des Thurgaus sprechen, so gibt es einen grossen gemeinsamen Nenner: Wir sind ein Singkanton.
Woran machst du das fest?
Ich bin mit dem Männerchor sozialisiert worden. Es gibt so viele Chöre im Thurgau, in allen Altersgruppen. Mit dem Fest der Chöre und dem Kompositionswettbewerb geben wir vielen Gruppen die Möglichkeit, sich vorzustellen, qualitativ weiterzukommen und auf ein Ziel hinzuarbeiten. Die Chormusik wird so in einer lebendigen Art und Weise weiterentwickelt.
«Volkslieder kümmern sich nicht um Landesgrenzen oder den Kantönligeist. Sie gehören denen, die sie gerne singen.»
David Lang, Pianist
Das ist ja eine ganz wunderbare Form von Identität. Aber du hast ja der Landschaft, in der du aufgewachsen bist, mit «Heimat» eine zweite Hymne geschrieben. Was verbindet dich mit diesem Lied?
Jedes Mal, wenn ich dieses Lied singe, bin ich tief bewegt. Für das Konzert habe ich es so arrangiert, dass der Festchor begleitet, darüber die Solostimme. Einen reinen Chorsatz daraus zu machen wäre eine Idee, müsste aber in der Rhythmik etwas angepasst werden.
So hätte dieses Lied ja dann auch die Transformation in die Volksliedkultur geschafft, ähnlich wie Franz Schuberts «Lindenbaum». Was ist dein persönliches Ziel für dieses Konzert?
Nach einem Konzert mit Männergesang, in dem wir auch Volkslieder «neu gesungen» haben, sagte mir jemand: Man hörte das Neue und den respektvollen Umgang mit dem Ursprung. Das ist mir wichtig.
Alle Daten der Volkslieder-Konzerttournee auf einen Blick
Konzertdaten „ Volkslieder“ mit dem Thurgauer Festchor:
Sa, 21. März: 16:00 Uhr – Weinfelden (Rathaus)
Sa, 21. März: 20:00 Uhr – Frauenfeld (Rathaus)
So, 22. März: 17:00 Uhr – Diessenhofen (Evang. Kirche)
Sa, 28. März: 16:00 Uhr – Romanshorn (Evang. Kirche)
Sa, 28. März: 20:00 Uhr – Bischofszell (Evang. Kirche)
So, 29. März: 17:00 Uhr – Sirnach (Kath. Kirche)

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