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von Brigitta Hochuli, 15.07.2016

Was ist mit dem Freien Theater los?

Was ist mit dem Freien Theater los?
Jean Grädel, Thurgauer Theatermacher | © Caroline Minjolle

Der 73-jährige Theatermacher Jean Grädel, Kulturpreisträger 2007, Stiftungsrat der Kulturstiftung des Kantons Thurgau 1999 bis 2011 und Gründer des Freien Theaters Thurgau (FTT) 2008, erklärt im Interview, warum man nichts mehr von diesem Angebot hört.

Brigitta Hochuli

Gerade hat Jean Grädel in Steckborn mit den Proben zu „Strandgut“ begonnen, ein Theaterprojekt mit Annette Kuhn und einem syrischen Musiker zum Thema Flüchtende. Es soll am 22. September im Phönix Theater zum ersten Mal gezeigt werden. Grädel inszeniert nicht mit dem Freien Theater Thurgau (FTT), das vor acht Jahren ebendort mit „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza und den Schauspielern Uwe Schuran, Markus Keller, Annette Kuhn und Monik Kravarik begonnen hat. Denn das FTT ist nicht mehr.

Jean Grädel, schon länger fällt auf, dass es um das Freie Theater Thurgau still geworden ist. Bei der vorletzten Produktion "Hereinspaziert" in Kreuzlingen im April 2012 hatten Sie sich noch als Verein organisiert. Jetzt soll sich die Truppe aufgelöst haben. Ist das so?

Jean Grädel: Ja, das stimmt. Wir haben das „Freie Theater Thurgau FTT“ 2015 aufgelöst.

Wer war denn bei dieser Auflösung noch dabei?

Zuletzt waren Uwe Schuran, Markus Keller, Annette Kuhn und ich noch Mitglieder des FTT. Insgesamt hat es sechs Produktionen realisiert. (Siehe Kasten!)

Was waren die Gründe für die Auflösung? Immerhin hatte ja Ihre persönliche Überzeugung, es brauche im Thurgau ein professionelles festes Theaterensemble, zur Gründung des FTT geführt.

Die erste Produktion 2008 wurde vom Lotteriefonds unterstützt. Der Regierungsrat hat uns damals mitgeteilt, dass wir erst einmal beweisen sollten, dass wir lebensfähig seien und fähig, gute Arbeit zu machen. Dies, nachdem ich schon 160 Inszenierungen realisiert und 36 Jahre lang als Theaterleiter gearbeitet hatte. Die nächsten Arbeiten haben wir mit finanzieller Unterstützung der Kulturstiftung des Kantons Thurgau und anderer Kulturstiftungen erarbeitet.

Und dann? Was ist dann passiert?

Nach drei Jahren sagte uns der damalige Kulturamtchef, dass eine professionelle Theatergruppe im Thurgau unnötig sei und der Kanton kein Geld habe für einen zusätzlichen Leistungsauftrag, ohne andere zu eliminieren. Wir wollten keine anderen Kultureinrichtungen um ihre Leistungsaufträge bringen und ich persönlich hatte es endgültig satt, immer wieder um Geld zu betteln, damit wir im Thurgau professionelle Theaterarbeit machen können. Ich hatte genügend anständig bezahlte Regieaufträge.

2007 hatten Sie den Kulturpreis des Kantons Thurgau erhalten, kehrten nach vielen Jahren als Theaterleiter in Zürich in die Heimat zurück und gründeten das Freie Theater Thurgau. Sie hatten Erfolg. War das alles zu wenig für den Thurgau?

Der Erfolg war mit sehr grossem Einsatz aller erarbeitet und wir mussten Jahr für Jahr quasi wieder von vorne beginnen, wieder Geld zusammensuchen. Wir hatten keine Planungssicherheit und haben dauernd mit dem persönlichen Risiko gearbeitet, dass wir das benötigte Geld nicht zusammen brachten. Das zermürbt!

Die Lust am Theater scheint Ihnen aber trotzdem nicht abhanden gekommen zu sein. Privat haben Sie zwar eine schwere Zeit hinter sich, als Regisseur sind Sie aber wieder aktiv und inszenieren Ende September im Phönix-Theater das Stück "Strandgut" zusammen mit der in Weinfelden aufgewachsenen Schauspielerin und Produzentin Annette Kuhn. War die Aufgabe des Freien Theaters vielleicht doch ein Fehler?

Nein. Das FTT haben wir aufgegeben, weil keine Aussicht auf eine gesicherte Zukunft bestand. Ich habe die Jahre seit 2008 immer an anderen Theatern als Regisseur gearbeitet und mache das auch jetzt noch, aber vor allem ausserhalb des Thurgaus. In der kommenden Theatersaison 2016/17 erarbeite ich vier Inszenierungen in Steckborn, Weinfelden, Arth und Appenzell. Die Lust am Theater, die Leidenschaft ist noch immer da. Ich wüsste nicht, was ich Besseres anstellen sollte mit meinem Restleben.

 

René Munz: festes Ensemble nicht gerechtfertigt

Mit dem von Jean Grädel erwähnten ehemaligen Thurgauer Kulturamtchef ist René Munz gemeint. Wir haben ihn zu Grädels Aussage, eine porfessionelle Theatergruppe sei im Thurgau für unnötig erachtet und ein Leistungsauftrag abgelehnt worden, befragt.

 

„Diese Aussage stimmt so nicht“, antwortet Munz. „Eine Projektfinanzierung war und ist immer möglich.“ Auch das Theater Bilitz werde vom Kanton als professionelles Kinder- und Jugendtheater wesentlich mitfinanziert. „Allerdings haben wir keine Notwendigkeit und keinen Bedarf eines permanenten festen Ensembles erkennen können, das über Jahre hinweg mitsamt Infrastruktur hätte finanziert werden müssen, ohne dass eine Ausstrahlung über die Region hinaus sichtbar gewesen wäre. Wenn schon nicht einmal die Vorstellungen in den kleinen Theatern im Thurgau voll sind und kaum Gastspiele ausserhalb des Kantons stattfinden, wie soll dann ein festes Ensemble gerechtfertigt werden können?“

 

Grundsätzlich würden feste Häuser ja primär von den Städten und Gemeinden getragen. Das sei im Thurgau allerdings nicht realisierbar. „Das Theater Bilitz und die Leute um die Theaterwerkstatt Gleis 5 machen das meiner Meinung nach geschickter“, so Munz. (ho/Bild: Archiv tgk)

 

Die Produktionen des FTT im Überblick

- 2008 Yasmina Reza „Der Gott des Gemetzels“
- 2009 „Die Frau von früher“, von Roland Schimmelpfennig
- 2010 "Bezahlt wird nicht" von Dario Fo
- 2011 "Spinnen" von Sabine Wang
- 2012 "Hereinspaziert" von Peter Höner
- 2013 „mix tape“ Kollektiv FTT

(Bild: «Der Gott des Gemetzels», inszeniert von Jean Grädel mit dem Freien Theater Thurgau, 2008. © Lukas G. Dumelin)

 

Frühere Beiträge zur Theater-Diskussion auf thurgaukultur.ch:

25. Februar 2010: „Weckruf“

17. Februar 2010: Blog von Kurt Schmid "A propos Leuchtspur: Lieber Jean!" mit 17 Kommentaren

 

 

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