von Roland Schäfli, 15.09.2026
Kein Hitzefrei für die Kultur!

Kulturschaffende kamen diesen Sommer ins Schwitzen. Da man nicht auf Massnahmen des Bundesrats warten wollte, reagierte der Thurgauer Kulturbetrieb mit eigenem Hitzeschutzplan. Lesedauer: zwei Minuten (bei über 30 Grad regelmässige Trinkpausen einlegen).
Massnahme 1: Sommergerechte Kostümierung
Nach Beschwerden der Schauspielergewerkschaft waren Stücke zu bevorzugen, die leichte Bekleidung dramaturgisch rechtfertigen. Tschechows «Die Möwe» stand hoch im Kurs: Wo ein See ist, lässt sich eine Badehose immer begründen. Auch die griechische Tragödie erlebte ein unerwartetes Comeback, denn in Tunika und Sandalen war Sophokles selten so angenehm.
Massnahme 2: Hitzige Stoffe vermeiden
Intendanten waren bei der Wahl der Gastspiele angehalten, Stücke zu vermeiden, die das Publikum zusätzlich aufheizen könnten. «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?» fiel wegen hitziger Wortgefechte unter die Kreislaufwarnung. Da bei Goethes «Faust» beim Pakt mit dem Teufel höllische Temperaturen erreicht werden, wurde als klimatisch unbedenkliche Alternative Andersens «Schneekönigin» vorgeschlagen.
Massnahme 3: Klassiker hitzetauglich machen
Shakespeares «Sommernachtstraum» durfte nur in hitzeangepasster Inszenierung aufgeführt werden. Puck musste auf Anweisung der Krebsliga Thurgau Sonnenhut und Sonnencreme mit Schutzfaktor 50 tragen. Der Liebestrank wurde durch eine Elektrolytlösung ersetzt. Szenen im Wald standen wegen erhöhter Waldbrandgefahr unter Vorbehalt. Bühnennebel war zu unterlassen, weil bereits der Anblick die Feuerwehr nervös macht. Vorstellungen begannen erst nach 22 Uhr, sobald MeteoSchweiz Entwarnung gab.
Massnahme 4: Filmprogramme herunterkühlen
Filmclubs befolgten die Zensurvorschriften, thermisch bedenkliche Titel aus dem Programm zu nehmen. «Manche mögen’s heiss», «In the Heat of the Night» und «Flammendes Inferno», die unter die höchste Hitzewarnstufe fallen, wurden ersetzt durch die temperaturfreundlichen Kinderfilme «Frozen» und «Ice Age».
Massnahme 5: Literatur vor Selbstentzündung schützen
Die Kantonsbibliothek durfte «Fahrenheit 451» nur noch mit dem Warnhinweis abgeben, das Buch könne sich selbst entzünden. «Harry Potter und der Feuerkelch» wurde nur noch ohne Kelch ausgeliehen. Karl Mays «Durch die Wüste» war schon früher für überhitzte Diskussionen über kulturelle Aneignung gebrandmarkt worden.
Massnahme 6: Natürliche Beschattung nutzen
Die Sonnenfinsternis wurde als temporäre Beschattungsmassnahme des Bundes angerechnet. Museen profitierten ebenfalls: Für einige Minuten sank die UV-Belastung empfindlicher Exponate auf ein kulturverträgliches Niveau.
Massnahme 7: Offenes Feuer vermeiden
Beim Apéro galt das kantonale Grillverbot sinngemäss auch für Kulturgüter. Die Feuerzangenbowle wurde aus thermischen Gründen aus dem Angebot gestrichen. Die einschneidendste Arbeitsschutzmassnahme traf die Veranstaltungstechniker: Schwarze Crew-Shirts waren während der Hundstage verboten.
Der Massnahmenplan soll voraussichtlich im Hitzesommer 2027 in Kraft bleiben.
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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

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