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von Roland Schäfli, 22.07.2026

Von der Heilquelle zur Geldquelle

Von der Heilquelle zur Geldquelle
Die Vernehmlassung läuft bis 16. Oktober. Zur Entlastung der Hotelbetriebe wird die Erhebung touristischer Zusatzabgaben teilweise automatisiert. Der neue Erlebnisabgaben-Automat befindet sich derzeit in der Testphase. | © KI-generiert/rs

Unser Kanton will die Kurtaxe einführen. Momoll! Zwar Jahrhunderte nach allen anderen, aber jeder Rappen zählt. Der Thurgaukler fragt sich: Wie rechtfertigen wir das ohne Heilquelle? (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

«Äh, dann wäre da noch die Kurtaxe.» Den Spruch kenn ich. Die meisten Hoteliers tragen ihn entschuldigend vor, manche flüstern ihn, alle hoffen: hoffentlich fragt der jetzt nicht, wofür. 

Ja, wofür wohl, die staatlich sanktionierte Fünfliber-Abluchserei? Wenn ich mich an einem Kurort aufhalte, müsste dann nicht meine Krankenkasse dafür aufkommen? Als Tourist hab ich ja bereits Devisen gebracht. Hab im Souvenirshop was gekauft, was ich nicht brauche. Hab in der Beiz dem österreichischen Servierpersonal Trinkgeld gegeben. Und wenn ich am Grill einen Cervelat bestelle, gehe ich davon aus, dass das Brot im Preis drin ist. Und dann wird nochmals die hohle Hand gemacht? 

Gesetzlich veranlagt

Seit der Einführung im Jahr 1507 in Baden verbreitete sich die Geschäftsidee unter den Tourismusdirektoren der einschlägigen Kurorte so schnell wie das Buzzword «Workation». Übrigens wurde die Taxe nicht überall so widerspruchslos akzeptiert wie die US-Zölle. 

1964 musste das Bundesgericht klären, ob die Kurtaxe in Flims rechtmässig war. Die Kantone mussten also jeweils noch die gesetzliche Grundlage schaffen, damit man sie nicht der Wegelagerei bezichtigen konnte. Also das, was der Thurgau nun nachholen will. Bisher verteidigte man den Betrag damit, dass er Menschen indirekt gesund macht. Wir können das problemlos argumentieren, wenn wir folgende heilsamen Kuren anbieten (ohne Heilversprechen):

·      Algenkur im Bodensee: Moorbad bei Wassertiefstand 

·      Mostkur: täglich ein Liter Apfelmoscht für bessere Digestion

·      Spargel-Regeneration: therapeutischer Erfolg ist olfaktorisch nachweisbar

·      Apfelwickel: überliefertes Mostindien-Rezept, lindert den Drang, in Konstanz einzukaufen 

·      Lungenkur: tief einatmen zwischen Obstplantagen und Güllefass, Heustock-Inhalation als Radikalkur für Allergiker

Marketingtechnisch müssen wir uns bei der technischen Bezeichnung was einfallen lassen. Wie die Deutschen, die das als «Gästebeitrag» aufhübschen, oder die Österreicher mit ihrer «Nächtigungstaxe» (nur im Niederländischen versteckt sich, was es eigentlich ist: Toeristenbelasting). Darum nennen wir die Kurtaxe ab sofort die «Thurgau Welcome Fee» (engl. ausgesprochen Fii, hat nichts mit der Märchengestalt mit Freiwünschen zu tun). 

 

Da Frauenfeld zu Rom, Paris und Barcelona aufschliesst, eine weitere Empfehlung zur Thematik Kurtaxe: das Schloss Frauenfeld ächzt unter Massentourismus. Dieses Panorama gibt’s nicht mehr zum Nulltarif. Wer guckt, soll blechen. Wer innert 24 Stunden ein Selfie mit dem Frauenfelder Wahrzeichen publiziert, ohne die Gebühr entrichtet zu haben, muss mit einer Nachveranlagung rechnen. Bild: KI-generiert/rs

Wir waren schon mal Kurort

Ausgerechnet, wenn jetzt die Taxe eingeführt wird, gibt’s die einzige Kur nicht mehr, die wir je hatten: im Schloss Steinegg bei Hüttwilen wurden Fettleibige in der «Hungerburg», so der Volksmund, mit Tee und leichten Süppchen kuriert. Der damalige «Schweizerische Verein zur Hebung der Volksgesundheit» führte die Trutzburg offiziell als Kurhaus. Gegen ein beträchtliches Entgelt lebten dort auch Promis, die abspecken mussten. 2003 war die Fastenklinik selbst finanziell ausgehungert. Und das Beste daran: Hüttwilen hat nicht einmal eine Kurtaxe erhoben! 

Offizielle Sprachreglung

Die «Thurgau Welcome Fee» muss vor Ort sauber kommuniziert werden. Wir stellen schon jetzt allen Hoteliers dieses einheitliche FAQ zur Verfügung, die passende Antwort auf jede Frage: 

Tourist: Was, fünf Franken?! Ich habe Ihnen doch eben fünf Franken Trinkgeld gegeben!

Thurgauer: Das war für den Service. Die Kurtaxe ist für den Tourismus. Wir achten auf klare Zweckbindung.

Tourist: Ich habe die Minibar nicht angerührt, habe im Fernseher keine Bezahl-Sender ausser SRF abgerufen und kein Mobiliar zertrümmert. Wofür bezahle ich 5 Franken extra?

Thurgauer: Für Ihre Willenskraft, allem zu widerstehen. 

Tourist: Wird das wenigstens sinnvoll eingesetzt?

Thurgauer: Selbstverständlich. Jeder Franken fliesst in touristische Angebote, die Ihren nächsten Aufenthalt noch attraktiver machen. Und so weiter. Beehren Sie uns bald wieder. 

Tourist: Wie kommen Sie denn genau auf fünf Stutz?

Thurgauer: Das ist ein aufgerundeter Betrag. 4.99 Franken hätte administrativ einen unverhältnismässigen Mehraufwand verursacht.

Tourist: Diese Zusatzkosten standen aber nicht in den AGB, die ich selbstverständlich vor der Buchung vollständig gelesen habe. Darum zahle ich nicht!

Thurgauer: Das ist kein Problem. Während wir uns hier unterhalten, hat unser Dorfpolizist bereits eine Parkbusse unter Ihren Scheibenwischer geklemmt.

Tourist: Nein, meine versteckte Steuer zahl ich nicht!

Thurgauer: Aber das tun Sie doch längst: mit der Hundesteuer, der Serafe-Abgabe, der Motorfahrzeugsteuer und der Autobahnvignette. Die Kurtaxe ergänzt dieses Angebot lediglich um eine Übernachtungskomponente.

 

Ob die «Thurgau Welcome Fee» kommt, entscheidet sich nach der Vernehmlassung. Fest steht jetzt schon: Der Thurgau hat endlich eine Kur gefunden. Nicht für seine Gäste, sondern für seine Staatsfinanzen.

 

 

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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

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