Seite vorlesen

von Roland Schäfli, 22.06.2026

Verbrannte Erde

Verbrannte Erde
Preisträger Meinrad Schade, gebürtiger Kreuzlinger, verfolgt sein Langzeitprojekt mit viel Geduld und persönlichem Einsatz. | © zVg

Verbrannte Erde zeigt sich nicht nur in zerstörten Häusern. Sie zeigt sich in Gesichtern, Erinnerungen und im Alltag der Überlebenden. Seit Jahrzehnten spürt der Thurgauer Meinrad Schade diesen Spuren des Krieges mit der Kamera nach. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Sechs Thurgauer Kulturschaffende erhalten einen Förderbeitrag von 25'000 Franken vom Kulturamt des Kantons. Der freischaffende Fotograf Meinrad Schade ist einer davon. Sein thematischer Fokus: was Kriege hinterlassen. Auf seinen Bildern verbinden sich vom Konflikt geprägte Landstriche mit den Seelenlandschaften ihrer Bewohner. 

Wenn der Krieg weitergezogen ist

Schade widmet einen Teil seiner Arbeit der fotografischen Dokumentation von Konflikten, den meist undokumentierten Rändern des Krieges und deren Auswirkungen auf die Menschen. Er bezeichnet sich jedoch nicht als Kriegsfotograf – darunter ist eher den News-Fotograf zu verstehen, der die direkte Auseinandersetzung festhält. 

Stattdessen bewegt Schade sich sozusagen antizyklisch zur News-Fotografie. Ihn interessiert nicht die Momentaufnahme der kriegerischen Handlung, sondern ihre spätere Auswirkung. Nicht das Schlachtfeld, sondern den Schauplatz, und wie er sich mit der Nähe zum Krieg präsentiert. Er fragt mit der Kamera danach, wo sich das Erlebte im Alltag niederschlägt, und findet Antworten in Gesichtern, die wie die Landschaften gezeichnet sind. Sein Fazit nach jahrelanger Fotodokumentation: „Kein Bereich des Lebens bleibt von einem Konflikt unberührt.“

 

Mit Fotos dokumentiert Meinrad Schade, was Krieg anrichtet. Seine Bilder untersuchen den Machtfaktor in kriegerischen Auseinandersetzungen. Bild: Meinrad Schade

Die Suche beginnt in der eigenen Familiengeschichte

Warum der 1968 in Kreuzlingen Geborene seinen Themenschwerpunkt so setzt, kann er sich selbst nicht schlüssig erklären. Wegweisend war eine erste solche Reise, eine Spurensuche in der Heimat seines Vaters. Dieser war seinerzeit aus Schlesien (das Gebiet gehörte damals zu Deutschland, heute liegt es in Polen) vor den Russen geflohen – und nie zurückgekehrt. Später dokumentierte Meinrad Schade Flüchtlinge aus Kosovo-Albanien in der Schweiz, begleitete eine Familie fotografisch, von der Ankunft im Asylzentrum bis zur Rückkehr in die Heimat. 

2015 wurde „Krieg ohne Krieg“ publiziert, wofür er in verschiedenen Staaten der ehemaligen Sowjetunion auf Motivsuche ging. 2017 verbrachte er sieben Monate in Israel und den besetzen Gebieten, in der Westbank, auf dem Golan und im Gazastreifen. Er fotografierte auf beiden Seiten des Nahostkonflikts. Die unterschiedlichen Perspektiven wurden für ihn zur unmittelbaren Erfahrung – dokumentiert im Fotoband Unresolved (2018). Er arbeitet mit Menschen, die unter ständiger Bedrohung leben, sieht sich selbst dabei aber nicht als jemand, der bewusst unkalkulierbare Risiken eingeht. Eine Einreisesperre in Israel, Schikanen beim Grenzübertritt, das gehört schon dazu und ist auszuhalten. 

Gegen die Logik des Kriegsbildes

„Gerade ikonische Kriegsbilder sind oft sehr eindimensional, lassen primär eine einzige Aussage zu: der Krieg ist schrecklich und grausam“, findet der Bildermacher. Dagegen wirken seine Aufnahmen ruhig, ja unangestrengt, gemacht von einem vorurteilsfreien Beobachter. Dafür sucht er nicht bewusst nach einem besonderen Motiv oder dem symbolträchtigen Schnappschuss, wie es in der Kriegsfotografie ja einige gibt. Überhaupt glaubt er nicht, dass ein einzelnes Foto in unserer Zeit der Bilderflut überhaupt noch eine so starke Aussagekraft besitzt. 

 

Der Fotograf Meinrad Schade.

Wenn Bilder zu langen Geschichten werden

Sein Langzeitprojekt – man kann es schon fast ein Lebenswerk nennen – legt fotografischen Schwerpunkt darauf, wie Konflikte das Kollektivgedächtnis der Bewohner der Kriegsgebiete einschreiben. Der Förderpreis gilt der Weiterentwicklung dieser Langzeitstudie. Seit Jahrzehnten beschäftigt ihn das fotografische Projekt Krieg ohne Krieg in Abständen, immer wieder. Es ist eine Endlosschleife aus Aufbau und Zerstörung. Aus Wiederaufbau und Destruktion. Menschen sind in dieser Schlaufe gefangen. 

Wer erinnert – und warum?

„Ich habe versucht, das einzufangen…“: So beginnt Meinrad Schade mitunter eine Erklärung zu einem Bild. Doch selbst die Erklärung des Urhebers ist nicht immer abschliessend. Seine Bilder lassen Interpretation zu. Der Moment ist flüchtig. Ihn interessiert die Langzeitwirkung und wie sich diese Einzelbilder über die Zeit zusammensetzen. Seine Bildbände erzählen die Geschichte eines Konflikts über längere Zeit. 

„In Kriegsgebieten Aufnahmen zu machen, ist immer irgendwie surreal, vor allem, wenn man in der sicheren Schweiz lebt. Ebenso krass ist dabei, wie schnell man sich sogar an solche Zustände gewöhnen kann.“ 

Aber im Anschluss folgt auch für ihn die Einordnung des Erlebten. „Vor Ort ist mir nicht immer klar, welche Bedeutung eine einzelne Fotografie im Gesamtbild haben wird. Am Ende setzen sich die Aufnahmen zusammen zu einer Geschichte.“ Und wie grenzt er sich von der Verzweiflung ab, die man in manchen Regionen erlebt? „Das ist ein ständiges Ausbalancieren. Ich werde mir immer stärker bewusst, wie gut wir es hier haben. Gleichzeitig empfinde ich es intellektuell als Bereicherung, Land und Leute solcher Gebiete kennenzulernen. Sie lehren mich, was es wirklich braucht, um glücklich zu sein.“ Im vergangenen Winter haderte er damit, dass er nicht in Kiew sein konnte, um dokumentieren zu können, wie seine Bekannten grosse Not leiden.  

 

Aus Schades Serie „Krieg ohne Krieg“. Bild: Meinrad Schade

Wenn Krieg zur Inszenierung wird

Heute findet seine Linse einen neuen Fokus. Seinem Work in Progress fügt er nun ein weiteres Kapitel hinzu. Die Idee kam ihm während der Aufenthalte in Israel und Palästina. Bei Gedenkveranstaltungen, Unabhängigkeitstagen, Trauerveranstaltungen wurde ihm erneut vor Augen geführt, wie machtvoll das Bild in Konflikten ist. Ein Beispiel: Sein Foto zeigt einen toten Märtyrer. Der Leichnam jedoch ist nicht echt, es handelt sich um eine denkmalartige Installation, die die Gefallenen ehren soll. Ihm stellte sich die Frage, wann quasiinstitutionalisiertes Gedenken und die damit verbundene Trauer dazu führen, dass ein Konflikt weiterbrennt. 

Dieses Nachspüren führt ihn zu den Drehorten von Spielfilmen, die ein Kriegsgeschehen verfilmen. Bisher dokumentierte er die Entstehung solcher Filme im Kaukasus, in Palästina und in der Ukraine. Dabei schauspielern ausgerechnet Menschen in Filmen, die ihre eigene schmerzvolle Geschichte nacherzählen. Ist das für sie eine Überwindung des Traumas? 

Die Bilder entlarvt nun ihrerseits die Konstruktion der Filmbilder, die für den Betrachter oft nicht mehr von der Realität unterscheidbar sind, was auch für den Fotografen unwirklich anmutet. Meinrad Schade wird weiter mit der Kamera versuchen, dem „Alltag“ des Kriegs ein Gesicht zu geben. 

 

„In Kriegsgebieten Aufnahmen zu machen, ist immer irgendwie surreal." Bild: Meinrad Schade

 

Neue Serie über Förderbeitragsgewinner:innen

Einmal im Jahr vergibt der Kanton Thurgau seine Kultur-Förderbeiträge an Künstler:innen mit Bezug zum Thurgau. Die diesjährigen Gewinner:innen stellen wir in den kommenden Wochen in Porträts vor. Alle Texte bündeln wir in einem Themendossier. Dort finden sich auch Porträts früherer Preisträger:innen.

 

Die Übergabe der Förderbeiträge findet im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am Mittwoch, 1. Juli 2026, um 19 Uhr im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden statt. Musikalisch begleitet wird der Anlass von Irina Ungureanu, welche den Förderbeitrag im Vorjahr erhalten hat und erste Ergebnisse präsentieren wird.

 

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kunst

Kommt vor in diesen Interessen

  • Porträt
  • Fotografie

Ist Teil dieser Dossiers

Werbung

Dazugehörende Veranstaltungen

Diverses

Personenbezogene Förderbeiträge

Weinfelden, Theaterhaus Thurgau

Kulturplatz-Einträge

Kulturförderung

Kulturamt Thurgau

8510 Frauenfeld

Ähnliche Beiträge

Kunst

Könnten wir das alles nicht auch anders machen?

Lehren aus der Landwirtschaft: Claude Bühlers Ausstellung «how goes tomorrow» im Eisenwerk Shed lädt zum Mitdenken über gesellschaftliches Miteinander ein. mehr

Kunst

Im unendlichen Fluss von Bedeutungen

Lulu Cora Süss bricht mit ihren Assemblage-Skulpturen scheinbar unveränderliche Kategorien auf und zieht damit Parallelen zur queeren Körperlichkeit. Der Kanton Thurgau hat sie nun mit einem Förderbeitrag von 25‘000 F... mehr

Kunst

Ein Prozess des Herantastens

Lina Maria Sommer ist eine der Förderbeitragsempfängerinnen. Es ist nach dem Adolf-Dietrich-Preis die zweite Thurgauer Auszeichnung für die junge Kunstschaffende innert eines Jahres. mehr