von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 04.05.2026
Auf der Höhe der Zeit

Kriegsfotografie, viel Tanz, Skulpturen, Sounddesign und Aquarelle – die Vergabe der diesjährigen Kulturförderbeiträge des Kantons zeigt die Breite des Thurgauer Kulturschaffens. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Meinrad Schade ist im Schweizer Kulturschaffen kein Unbekannter. An zahlreichen Ausstellungen (unter anderem in der Fotostiftung Winterthur, dem Kunstraum Kreuzlingen oder dem Kunstmuseum Singen) hat er seine Fotografien gezeigt. Sein Lebensthema ist der Krieg. Er dokumentiert, was Krieg anrichtet – einerseits. Seine Bilder untersuchen aber auch den Machtfaktor in kriegerischen Auseinandersetzungen. Viel aktueller kann ein Thema kaum sein.
Zu seiner Ausstellung in Kreuzlingen hiess es in unserer Besprechung: «Der Fotograf schaut dem Krieg zwar nie direkt ins Auge, durch seine beispielhafte Reproduktion und Aufbereitung der Vorab-Planungen und der nachhallenden Erinnerungen, der offen stehenden Traumata und der magnetischen Faszination entsteht doch eine schmerzhafte Reise ins allgegenwärtige Herz der Finsternis.»
57 Künstler:innen hatten sich beworben
Schade, in Kreuzlingen geboren und aufgewachsen, erhält nun einen von insgesamt sechs Förderbeiträgen des Kantons Thurgau. Einmal im Jahr vergibt der Kanton diese Auszeichnung an sechs Künstlerinnen und Künstler. Sie ist mit je 25'000 Franken dotiert. Mit den Förderbeiträgen soll eine künstlerische Entwicklung ermöglicht werden. Die Fachjury hat aus 57 Bewerbungen ausgewählt.
Neben Meinrad Schade erhalten in diesem Jahr den Förderbeitrag: die Tänzerin Jana Dünner, der Musiker David Flütsch, der Tänzer Neil Höhener sowie die beiden Künstlerinnen Lina Maria Sommer und Lucca Cora Süss. Dass in diesem Jahr gleich zwei Tänzer:innen zu den Ausgewählten gehören, sieht der Kanton auch als Erfolg der Kulturstiftung. Dies sei auch das «Ergebnis des besonderen Fokus der Kulturstiftung Thurgau auf die Tanzförderung in den vergangenen Jahren», heisst es in einer Medienmitteilung.
Video: Jana Dünners Erfolgsprojekt Giant Steps
Tanz in diesem Jahr besonders erfolgreich
Jana Dünner, eine der ausgezeichneten Tänzer:innen, hat in diesem Jahr bereits ein erfolgreiches Projekt auf die Bühne gebracht – mit ihrer Compagnie Remi Demi kombinierte sie Hip-Hop und Street Dance im Phönix Theater. Das Publikum kam in Scharen, alle Aufführungen waren ausverkauft. Neil Höhener ist in seiner Entwicklung noch einen Schritt dahinter, aber der Tänzer aus Arbon will jetzt auch eine eigene Compagnie aufbauen. Die Jury lobte seine Arbeit aber bereits jetzt: Höhener arbeite sehr konzeptionell und habe «eine gute visuelle Vorstellungskraft für seine Choreografien», hiess es.
Der Schlagzeuger David Flütsch lebt seit zehn Jahren in Weinfelden. Er macht eigene Musik, produziert aber auch andere Bands in seinem Musikstudio. Flütsch arbeitet als Komponist und Songwriter, aber auch als Sounddesigner. «Viele der Projekte, an denen er beteiligt war, wurden schweizweit gefördert und ausgezeichnet», heisst es in der Medienmitteilung. Mit dem Geld des Förderbeitrags will er sich vermehrt eigenen musikalischen Projekten widmen.
Transformation und Sensibilität
Die Künstlerin Lucca Cora Süss ist in Aadorf und Frauenfeld aufgewachsen, sie arbeitet skulptural und interessiert sich vor allem für das Thema Transformation. Sie arbeitet mit Alltagsmaterialien, zerlegt diese jedoch und baut sie neu zusammen. Lina Maria Sommer war gerade mit einer Ausstellung ihrer Aquarelle im Kunstraum Kreuzlingen zu sehen. Nach dem Adolf-Dietrich-Förderpreis ist der Förderbeitrag des Kantons nun die zweite Auszeichnung, die sie binnen weniger Jahre erhält. «Ihre Arbeiten sind sehr sensibel und zugleich ernsthaft und authentisch und im Umgang mit dem Material überzeugend», schreibt die Jury.
Die Übergabe der Förderbeiträge findet im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am Mittwoch, 1. Juli 2026, um 19 Uhr im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden statt. Musikalisch begleitet wird der Anlass von Irina Ungureanu, welche den Förderbeitrag im Vorjahr erhalten hat und erste Ergebnisse präsentieren wird.
Wer vergibt die Förderbeiträge?
Die Förderbeiträge werden von einer Jury vergeben, die sich aus den Fachexpertinnen und Fachexperten des Kulturamts sowie externen Fachpersonen zusammensetzt. Die Jury wählte Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Sparten aus und würdigt damit ein breites künstlerisches Schaffen im Kanton sowie darüber hinaus.
Der diesjährigen Jury gehörten an: Annette Amberg, Kuratorin; Marcel Grissmer, Theaterschaffender; Ray Hegelbach, bildender Künstler; Lea Gabriela Heinzer, Musikerin; Stefanie Hoch, stellvertretende Direktorin Kunstmuseum Thurgau; Raphael Hugentobler, Musikveranstalter; Pat Kasper, Musiker; Patrizia Keller, Kuratorin; Carina Neumer, Tanzschaffende; Simone Reutlinger, Musikerin; Anja Tobler, Schauspielerin; Laura Vogt, Autorin; Regula Walser, Lektorin; Julia Zutavern, Filmschaffende sowie Michelle Geser, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Kulturamts (Vorsitz).

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