von Jana Mantel, 03.03.2026
Von der Sprache der Bilder

Reduziert und präzise: Adolf-Dietrich-Förderpreisträgerin Lina Maria Sommer zeigt erstaunliche Aquarelle im Kunstraum Kreuzlingen. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Kennen Sie sich aus mit Kunst, oder lassen Sie sich einfach völlig unvorbereitet darauf ein? Legen Sie Wert darauf zu wissen, ob das Bild an der Wand mit Acryl, Öl oder Aquarell gemalt wurde, oder ist es Ihnen wichtiger, dass die in einer Ausstellung präsentierten Arbeiten Sie ansprechen? Nun, bei der aktuellen Ausstellung «Summen» im Kunstraum Kreuzlingen mit Arbeiten von Lina Maria Sommer (*1994) kommt jede Person mit, egal welcher Einstellung zum Thema Kunst, auf ihre Kosten.
Ausserdem gelingt es bei dieser Show, mit nur einigen wenigen gezeigten Arbeiten die Besucher abzuholen und ihnen somit viel Raum zum Nachfühlen und Nachdenken zu geben. Dass man gleich zu Anfang erfährt, dass es sich bei den gezeigten Arbeiten um Aquarelle handelt, mag die eine Personengruppe erfreuen, die andere wundern und einer dritten vielleicht gar nicht wichtig sein.
Bereits der Ausstellungstitel lädt ein zum Denken
Schon der Titel macht Laune. Geht es hier um summende Töne oder um mathematische Formeln? Oder ist gar die Summe aller äusseren Einflüsse gemeint, die Lina Maria Sommer zu ihren Arbeiten inspiriert? Summen sind mehr als nur das blosse Ergebnis einzelner Teile, so auch in der aktuellen Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen.
Eine sechsteilige Serie aus grossformatigen Aquarellen, betitelt nach Monaten, hängt gleichermassen geordnet und zugleich luftig im Ausstellungsraum des Kunstraums Kreuzlingen. Mit nur einem kurzen Blick fühlt man sich angezogen, fast hineingezogen in die zart anmutenden und zugleich prall gefüllten Bilder, die hinter den Glasscheiben wahrlich zu schweben scheinen. «Ich habe tatsächlich einen Hang zur Farbe Blau», so Lina Maria Sommer mit Blick auf ihre eigenen Arbeiten, die von genau dieser Farbe bestimmt werden. Mit der Farbe Blau assoziiere man positive Dinge; auch das Wasser und der Himmel stünden für Weite und Klarheit. Und doch sind ihre Arbeiten mehr als nur nette Aquarelle, die einen dekorativen Auftrag erfüllen, sondern fordern den Betrachter heraus beziehungsweise regen zum genauen Hinsehen an.
Zwischen Muster und Zufall
Ein Raster aus geometrischen Formen ist erkennbar; darüber oder darunter – das zeigt sich erst bei näherem Hinschauen – zeigen sich fliessende Formen, die Lust auf Interpretation machen. Ist das ein Bein oder ein Vogel, ein Schilfrohr oder ein Blatt, das sich in anderen Farben auf den Bildern zeigt? Was bedeuten die helleren Bänder, die bei jeder der sechs Arbeiten unterschiedlich angeordnet sind und doch offenbar einer eigenen Ordnung entsprechen? Welche Veränderungen in den einzelnen Arbeiten sind auf den ersten, zweiten oder gar dritten Blick erkennbar? Gibt es ein wiederkehrendes Muster, oder folgt alles dem Zufall?
«Ich freue mich, wenn Besucher über meine Arbeiten ins Denken und Fühlen kommen», sagt die Künstlerin, die 2025 den Adolf-Dietrich-Förderpreis bekommen hat. Dieser wurde 1984 zum 50-jährigen Bestehen der Thurgauischen Kunstgesellschaft lanciert und wird seither im Zweijahresrhythmus vergeben. Einher geht damit eine Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen, die in dem aktuellen Fall noch bis zum 12. April läuft.
Der Dialog zwischen innen und aussen
Die junge Künstlerin selbst lebt und arbeitet in Weiern im Thurgau und hat sich dem Medium Aquarell verschrieben. Ein Material, das uns Menschen seit Kindertagen vertraut ist und möglicherweise zu schnell mit Erinnerungen an schlichte, gar harmlose Landschaftsbildchen verbunden wird.
Sommer aber fordert sich und das Material heraus, indem sie gezielt grosse Formate nutzt und somit auf dem Boden arbeiten muss. Dennoch gelingt es ihr, dass ihre Bilder auch aufgrund der zarten Farbgebung unwahrscheinlich leicht wirken. Zudem arbeitet sie, ähnlich einer Zeichnerin, genau und präzise, versucht das Fliessen der Aquarellfarbe zu steuern, indem sie diese in ihre sorgsam vorgefertigten Quadrate drängt.
Sommer selbst sagt dazu: «Ich spüre in mir eine grosse Sehnsucht zu malen, es ist wie ein ständiger Dialog zwischen innen und aussen. Gleichwohl möchte ich gern die Aquarellfarben kontrollieren. Nichts auf meinen Arbeiten ist beliebig!»
Die Bedeutung des Materials
Besonderen Wert legt sie auf das Papier als Grundlage ihrer Arbeiten. «Ich habe hochwertiges Arches-Aquarellpapier gefunden, das passt perfekt zu meiner Arbeitsweise, denn die Oberfläche atmet», verrät sie.
Man möchte ergänzen, dass in der Ausstellung das Material Papier aus seiner normalen Alltäglichkeit herausgenommen wird und sich in Sommers grossformatigen Arbeiten mit der Aquarellfarbe fast schon majestätisch leuchtend verbindet. «Hier werden Zeit, Körper, Material und Entscheidungen zusammengeführt», fasste Cornelia Mechler, Kunsthistorikerin und Literaturwissenschaftlerin, in ihrer Eröffnungsrede treffend zusammen.
Im Ergebnis sind es Bilder, die zugleich ästhetisch und inhaltlich wirken.
Was die Titel über die Werke verraten
Angesprochen auf die Betitelung der Serie ergänzt sie: «Ich wollte gern den Jahreszeiten folgen. Ich begreife mich selbst auch als Teil, als Körper in dieser Welt, der diesem wechselnden Jahresrhythmus unterworfen ist.» Entstanden ist deshalb die sechsteilige Serie, deren Titel eher auf die Entstehungsmonate hinweisen und weniger sinngebende Inspirationen sind. «Ursprünglich hatte ich geplant, pro Monat ein Bild zu malen, nun ist es eines alle zwei Monate geworden.» Diese sechs Arbeiten zeigen Präsenz im Raum, Tiefe und Bewegung.
Hinter allem ist auch ihr Wunsch erkennbar, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, zu fokussieren. Da kommt ihr das Material Aquarell zugute, da es Stimmungen ähnlich komprimiert wie ein Gedicht. Letztere schreibt Lina Maria Sommer übrigens auch.
Zwischen Ästhetik und Intellekt
Sie betont jedoch, dass ihre Gedichte eigenständige Arbeiten seien, keine Begleittexte oder flüchtigen Nebenprodukte. Dabei seien sie jedoch ähnlich rätselhaft und ansprechend wie ihre Malerei, mit dem einzigen Unterschied, dass sich das Schreiben auf die intellektuelle Ebene beschränke, während bei der Malerei die Ästhetik den Inhalt unterstütze.
Auf ihrer Homepage schreibt Sommer selbst:
«Und wo wird die Sprache bleiben? Wann kehrt sie zurück? Wohin kehrt sie zurück? War sie je da, oder war das nicht die Sprache, bin ich ihrer im Grunde genommen nicht mächtig und soll kein Wort erheben?»
Vor diesem Hintergrund erfahren ihre Bilder eine weitere Bedeutungsebene und werden umso mehr zur Aufzeichnung von Zeit und Überlegungen – nur ohne Worte.
Die Ausstellung und der Förderpreis
Ausstellung «Summen» mit Arbeiten von Lina Maria Sommer
Geöffnet:
Dienstag 10:00 – 12:00 (Kunstraum Kaffee)
Freitag 14:00 – 17:00
Samstag/Sonntag 13:00 – 17:00
Weitere Informationen zum Kunstraum Kreuzlingen:
Lina Maria Sommer, *1994, lebt und arbeitet in Weiern, Thurgau.
Der Adolf Dietrich Förderpreis:
Der Adolf Dietrich-Förderpreis wurde 1984 zum 50-jährigen Bestehen der Thurgauischen Kunstgesellschaft lanciert und wird seit dem alle zwei Jahre vergeben. Die Kunstgesellschaft leistete damit Pionierarbeit, denn der Preis war lange Zeit das einzige Stipendium für Bildende Künstler:innen im Kanton Thurgau.
Der Preis wurde nach dem Maler Adolf Dietrich benannt, dessen Nachlass von der Thurgauischen Kunstgesellschaft gepflegt wird. Verliehen wird der Preis an Kunstschaffende aus dem Thurgau oder dem Bodenseeraum. Er versteht sich als Förderbeitrag an Künstler:innen, die am Beginn ihrer Karriere stehen. Zu Beginn beinhaltete das Stipendium ein Preisgeld, eine Publikation und eine Ausstellung. Die Ausstellungen fanden schon im Hafterkeller in Weinfelden, dem Eisenwerk in Frauenfeld und bis 2005 im Kunstmuseum Thurgau statt. Heute umfasst der Preis einen Geldbetrag von CHF 15’000.— sowie seit 2007 eine Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen.
Weiterlesen: In einem eigenen Beitrag haben wir 2024 über die Bedeutung des Adolf-Dietrich-Förderpreises geschrieben. In dem Text erinnern sich drei Künstler:innen, wie der Preis ihre Karrieren beeinflusst hat.

Von Jana Mantel
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