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von Brigitta Hochuli, 01.06.2010

Kritik

Kritik

Brigitta Hochuli

Gut 500 Theaterfreundinnen und –freunde haben bisher im Steckborner “Phönix” die Aufführung „Bezahlt wird nicht“ des Freien Theaters Thurgau gesehen. Leider seien die Vorstellungen nie ganz voll, bedauert Regisseur Jean Grädel auf Nachfrage. „Ich kann mir das nicht so richtig erklären, der grossen Mehrheit gefällt die Aufführung ausserordentlich gut.“

„Sei’s drum. Das war zu erwarten“, folgert der Regisseur. „Einige können mit dieser Art Theater einfach nichts anfangen.“ Mag sein, denke ich, aber greift die Erklärung nicht zu kurz? Es gibt nämlich durchaus Kritikpunkte, auch wenn sie nur privat geäussert werden. Ich deute sie in Frageform an: Genügt es, zur Aktualisierung und Lokalisierung eines Stoffs das Stück zum Beispiel mit Zahlen aus dem statistischen Amt des Kantons Thurgau anzureichern? Ist das innovativ genug? Wirken in Schrank und Särgen versteckte Schauspieler heute noch lustig? Was sagt eine solche Anordnung allenfalls aus? Wird eine Aufführung durch ihre Länge besser? Wo hätte man sie kürzen können? Und: Erfüllt sie den Anspruch eines professionellen Theaters?

Der Anspruch ist hoch. Und Kritik heikel. Denn man schätzt ja die Künstler, man bewundert die Leistungen und bezahlt in diesem Fall gerne dafür. Aber Kritik kann auch beleben. Öffentlich fair diskutiert, kann sie der Kunst erst recht zu ihrem Recht verhelfen. Man stelle sich vor: jeder spricht von Dario Fo und jeder geht hin! Gelegenheit gibt es. Die Spielzeit wird verlängert.

***

Kommentare

Pfister-Kübler Margrith | 02.06.2010, 22.33 Uhr
Liebe Brigitta
Glückwunsch. Deine Kritik zu Jean Grädels Inszenierung der Aufführung “Bezahlt wird nicht” von Dario Fo macht mich neugierig aufs Stück. Endlich jemand, der nicht alles schönredet. So wird mein Theaterbesuch nicht zur Projektionsfläche überzogener Erwartungen. Und ich gehe nicht mit einer vernebelten Hoffnung ins Phönix, sondern weil ich aufgrund Deiner Rezension annehme, dass ich tatsächlich nachhaltige Eindrücke mitnehmen kann. So oder so.
Margrith Pfister-Kübler, Mammern

Huber Leopold | 03.06.2010, 11.05 Uhr
Liebe Frau Hochuli,
wir wollen, dass unsere Arbeit von den Journalisten ernst genommen wird. Die Journalisten haben die Pflicht, ihre Meinung zu sagen, ob uns das gefällt oder nicht.
herzlich
Leopold Huber
See-Burgtheater


Alex Bänninger | 03.06.2010, 11.51 Uhr
Liebe Frau Hochuli
Ob Ihre harten Fragen berechtigt sind oder daneben zielen, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber ich teile Ihre Auffassung, dass sich die bei uns veröffentlichten Kritiken fast ausnahmslos lesen wie Werbetexte. Sie verhindern die Diskussion und verweigern den Kulturschaffenden und dem Publikum den Respekt. Kritiken ohne anspruchsvolle Massstäbe und ohne Mut zur Ehrlichkeit bringen sich um ihre Glaubwürdigkeit und versagen als Orientierungshilfen. Ich hoffe, dass thurgaukultur eine Gegenposition einnimmt und auf die fatale Schönfärberei verzichtet.
Herzliche Grüsse, Alex Bänninger


Dieter Langhart | 04.06.2010, 10.57 Uhr
Liebe Brigitta
Vor gut einem halben Jahr hat sich ein Schauspieler bei mir beklagt, die Besprechung ihres neuen Stücks in der Thurgauer Zeitung habe sich weitgehend auf den Inhalt beschränkt und kaum Kritik enthalten. Ihm sei eine Auseinandersetzung wichtig, er könne mit begründeter Kritik umgehen. Es handelte sich um die Inszenierung einer Laienbühne.
Wie gehen wir mit den Profis um, den ausgebildeten Schauspielern und Regisseuren? An sie dürfen und müssen wir andere Massstäbe anlegen. Doch wer definiert die Massstäbe? Der Kritiker? Oder das Publikum? Oder die Anzahl Theaterbesucher? Der Kritiker hält den Daumen hoch oder senkt ihn – aber was, wenn er sich irrt?
Wie es Leopold Huber sagt: Journalisten müssen die Theatermacher ernst nehmen. Wie ein Lehrer die Lernenden. Ich habe lange Jahre unterrichtet und nicht rot, sondern grün und rot kommentiert, denn Rot wiegt immer schwerer; habe gesagt, was gut ist und was verbesserungswürdig. Auch Kritiker haben beides zu benennen.
Nächsten Montag will Jean Grädel in der “Leuchtspur” Dario Fos Begriff von Volkstheater erklären, weil er verschiedentlich darauf angesprochen worden ist, das Stück sei Klamauk und werde den angesprochenen ökonomischen Problemen nicht gerecht. Manche Menschen scheinen Lachen für etwas Unseriöses zu halten.


Anja Tobler | 04.06.2010, 13.22 Uhr
Liebe Brigitta Hochuli,
Danke für ihre Kritik. Wir SchauspielerInnen schätzen das, vor allem in dieser Form, da man so endlich auch einmal darauf reagieren kann… Da sie einige Fragen formuliert haben, wage ich ein paar Antworten. Die Zahlen aus dem statistischen Amt erfüllen für uns nicht den Zweck der Aktualisierung und Lokalisierung, wir halten das Stück für aktuell genug und es hat hier genauso seine Berechtigung wie anderswo. Die Zahlen sind eine Spielerei, mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Im Schrank versteckte Männer wird es (im Theater und im Leben) immer geben, und ich glaube nicht, dass das in den 70ern lustiger war als heute. Natürlich wird keine Aufführung durch ihre Länge besser. 2h 10min mit Pause halten wir für zumutbar. Und selbstverständlich haben wir das Stück gekürzt und und bis zum Schluss überlegt, wo man noch straffen könnte. Aber wir als Interpreten haben nicht nur dem Zuschauer, sondern auch dem Stück gegenüber eine Verantwortung und können und wollen nicht beliebig streichen. Ihre letzte Frage verstehe ich nicht ganz, denn da wir alles professionelle Theaterschaffende sind, halte ich sie für hinfällig. Denken sie, dass die Auswahl eines Volkstheaterstückes per se nicht professionell sein kann?


Jean Grädel | 09.06.2010, 21.19 Uhr
Statt einer Replik wiederhole ich hier meine Leuchtspur vom 7.6.:
Es gibt Zuschauer und Zuschauerinnen, die mir sagen, diese Art Theater sei zu anbiedernd an einen Volksgeschmack. Gehören sie nicht zum Volk?
Bei der Idee, eine sozialkritische Farce zu schreiben, werde “die ‘seriösen und pedantischen’ Intellektuellen unseres doktoralen Marxismus” ein kalter Schauer überlaufen, befürchtete Dario Fo, aber er fühle sich nun einmal nicht als “seriöser” Marxist. Er hält die Satire für eine “Waffe des Volkes”; sie sei “der höchste Ausdruck des Zweifels, die wichtigste Hilfe der Vernunft.” Außerdem meint er: “Menschen, die nicht lachen können, sind gefährlich.”
In Diskussionen und Interviews betont Fo immer wieder, wie sehr seine Dramaturgie des Komischen – sein Spiel mit Verwechslungen und Verstellungen ebenso wie die Betonung des Körperlich-Sinnlichen und die Typisierung der Figuren – durch die Auseinandersetzung mit der Tradition des Volkstheaters geprägt ist. Er hat sich intensiv mit der Commedia Dell’Arte, italienischen Farcen des 19. Jahrhunderts, dem mittelalterlichen Drama und speziell der Kultur der „giullari“ – der Spielleute, die mit kurzen Szenen, Liedern, Witzen, Anekdoten und akrobatischen Einlagen das Volk auf den Marktplätzen unterhielten – beschäftigt.
Mit diesem Rückgriff auf die jahrhundertealte Tradition der „cultura populare“ verbindet Fo eine politische Absicht. Indem er die Eigenständigkeit und die subversiv-oppositionelle Kraft dieser Tradition betont, widerspricht er der konservativen Kulturthese, die in der Volkskultur lediglich eine trivialisierte Form der sogenannt „hohen“ Kultur sieht und ihr entsprechend kritisch-schöpferische Kreativität abspricht. Laut Fo kann nur ein Theater, das diese Vergangenheit in die Reflexion der Gegenwart einbezieht, zur notwendigen Findung von sozialer und kultureller Identität beitragen: „Ein Kulturschaffender, für den Kultur mehr als nur eine Sache persönlicher Eitelkeit oder seiner Privilegien ist, wird den Prozess zurückverfolgen, in dessen Verlauf dem Volk die eigene Kultur unterschlagen wurde.
Mich interessiert und fasziniert das Volkstheater. Damit meine ich Laientheater und von Schauspielern gespieltes. Leider gibt es in der Schweiz kaum Autoren, die mit Farcen oder Satiren so schnell theatralisch auf gesellschaftliche und politische Themen reagieren können wie Dario Fo.


Micky Altdorf | 10.06.2010, 09.29 Uhr
Liebe Frau Hochuli
„Menschen, die nicht lachen können, sind gefährlich“, zitiert Jean Grädel Dario Fo. Wie ist denn dann der Lachzwang des Volkstheaters zu bewerten? Wer nicht lacht, wird als Spassbremse mit einem zweijährigen Stadionverbot, sprich Theaterverbot belegt? Müssen wir uns jetzt auch noch im Theater zu Tode amüsieren, dem vorletzten Hort abendländischer Kulturvermittlung? Mir haben Ihre Denkanstösse und Kritikpunkte aus der Seele gesprochen. Und ich würde mir als Veranstalter des öfteren kritische Töne bei eigenen Veranstaltungen im Theater an der Grenze und beim KIK – Kabarett in Kreuzlingen wünschen – dies an Stelle von blossen Nacherzählungen oder Werbetexten oder „Honig-um-den-Bart-Schmierereien“. “Kritik wird oft nicht schön empfunden, derweil sie mit Geräusch verbunden”, sinnierte schon Wilhelm Busch vor über 100 Jahren. Lassen wir doch einfach mal wieder ein paar dieser Geräusche zu, ohne die liebreizenden Klänge unter den Tisch zu kehren.


René Munz | 10.06.2010, 15.40 Uhr
Ich wünsche mir im und ums Theater grundsätzlich mehr Subjektivität. Als Zuschauer bleibt mir ja gar nichts anderes übrig, als subjektiv zu sein: entweder gefällt’s mir, was geboten wird oder ich ärgere mich oder ich langweile mich – oder alles zusammen.
Und damit ich hingehe ins Theater, verlasse ich mich ab und zu auf die subjektive Meinung derer, die es schon gesehen haben.
Ob das Theater voll ist oder nicht, hängt wohl in erster Linie damit zusammen, was die Zuschauer, die’s gesehen haben, ihren Verwandten und Bekannten über das Theater erzählen. Diese Rolle hat ja auch der Kritiker oder die Kritikerin: aus subjektiver Empfindung heraus berichten, was er (oder sie) erlebt hat (und idealerweise einordnen und begründen – aber das ist häufig ein bisschen viel verlangt). Die Handlung eines Stückes interessiert mich meistens nicht. Mich interessiert, „wie’s war“.
Mehr Subjektivität wünsche ich mir oft auch von den Theaterleuten. Man muss mir nicht erklären, wie eine Komödie funktioniert. Ich habe extrem gern Humor im Theater – überhaupt in der Kunst. Aber am liebsten ist mir der Humor, der nicht aufgesetzt und konstruiert ist. Am liebsten ist mir jener Humor, bei dem man die persönliche Note spürt – jene des Autors, des Regisseurs und jene der Schauspielerin. Ob mit oder ohne expliziten Humor: mich berührt meist nur das, was auf subjektiver, auf persönlicher Ebene herüberkommt.
Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein Regisseur versucht, den Leuten den Stil des Stückes zu erklären. Es ist auch kein gutes Zeichen, wenn eine Schauspielerin erklärt, was Absicht war. Dann muss man einfach feststellen: es hat vermutlich nicht so funktioniert wie erhofft. Mit Kritik muss man leben, ob sie publiziert oder nur im privaten Rahmen geäussert wird.
Der Begriff Volkstheater hängt übrigens vermutlich weniger mit dem Stil zusammen als zum Beispiel mit einem gewissen Unterhaltungs- oder Attraktivitätsfaktor für ein breiteres Publikum. Für das Volkstheater müsste sich also eine breitere Öffentlichkeit interessieren, damit es auch wirklich ein Volkstheater ist. Laut Bundesamt für Statistik (erhoben 2008) gehen 42% der Schweizer Bevölkerung mindestens ein Mal oder mehrmals im Jahr ins Theater. Das wäre im Thurgau ein Potenzial von fast 100’000 Besuchern. 500 gezählte Besucher sind da nicht sehr viel. Möglicherweise gibt’s zuwenig subjektive, positive Feedbacks von jenen, die’s schon gesehen haben. Man kann sich darüber ärgern – oder nach neuen Ideen suchen.


Anja Tobler | 10.06.2010, 16.59 Uhr
Wenn die Leute Fragen haben und in einem Blog veröffentlichen- dann darf man doch versuchen, sie zu beantworten, oder? Es leuchtet mir nicht ganz ein, aus Fragen von Zuschauern abzuleiten, dass etwas offenbar nicht funktioniert hat. Es wird hoffentlich niemals auf der Welt ein Theaterstück geben, das keine Fragen offen lässt. Und niemals Theaterschaffende, die nicht so genau über ihr aktuelles Stück Bescheid wisse, als dass sie nicht gerne allfällige Fragen dazu beantworten würden.


Markus Keller | 11.06.2010, 09.03 Uhr
Vielleicht hat jemanden von den BesucherInnen, resp. BloggerInnen den Mut, hier ganz konkret seine/ ihre persönliche, subjektive Meinung zu “Bezahlt wird nicht” zu formulieren, anstatt sich hinter Fragen oder Statistiken zu “verstecken”.? Vielleicht sogar mit der einen oder anderen Begründung.? Dadurch würde es möglich die Bedeutung, die Wirkung und die Qualität der Produktion und der Arbeit der Beteiligten an Hand von konkreten Äusserungen und Statements einzuschätzen, zu reflektieren und zu diskutieren.
Vielen Dank!


Dieter Langhart | 11.06.2010, 11.37 Uhr
Dieses Hin und Her von Meinungen, Erklärungen, Befindlichkeiten ist erfrischend und erhellend. Und dank Thurgaukultur.ch ist es überhaupt möglich – von Interaktivität kann eine Tageszeitung nur träumen. Dennoch fehlen nach wie vor – und auch hier – Stimmen aus dem Publikum. Auch von ihm höre ich selten mehr als “isch schön gsi” oder “häpmer gfale”. Und mir scheint ebenso wichtig zu sein, *wer* sich positiv äussert, als “wie viele* das tun. Kein Geschmack ist besser als der andere, nur anders. Oder häufiger.


Brigitta Hochuli | 11.06.2010, 13.27 Uhr
Liebe Anja Tobler
Ich bin Ihnen eine Antwort schuldig. Zum Beispiel zu Ihrer Antwort auf meine Frage zu den im Schrank versteckten Männern. Mir genügt die Erklärung nicht, dass es solche Schlaumeier immer geben werde, sowohl im Theater wie im Leben, ob lustig oder nicht. Regisseur Jean Grädel spricht von der Typisierung der Figuren in der Dramaturgie des Komischen bei Dario Fo. Das habe ich eben vermisst. Das Versteckspiel blieb Episode. Dabei versteckt sich dahinter eine Haltung, eine Verhaltensweise, ein Gestus, wie Brecht das nannte. Vielleicht hätte man ganz viele Männer in ganz viele Schränke (und Särge) stecken sollen, um diesen Gestus des Verdrängens, Wegschauens und damit sich selber Täuschens auch dem Zuschauer vor Augen zu führen. Aber so steht es nicht in den Regieanweisungen, ich weiss.
Womit wir bei der Länge wären. 2 Stunden und 10 Minuten mit Pause seien zumutbar, schreiben Sie, und dass Sie auch dem Stück gegenüber eine Verantwortung hätten. Da bin ich natürlich einverstanden. Trotzdem ein Vorschlag zum Diskutieren: Ich hätte die Streichung der Vaterfigur geprüft. Aber das ist jetzt unausgegoren, und ich bin nicht Regisseur.
Schliesslich Ihre letzte Bemerkung. „Denken Sie, dass die Auswahl eines Volkstheaterstückes per se nicht professionell sein kann?“, fragen Sie. Das denke ich auf keinen Fall! Aber ein professioneller Anspruch, den Sie ja nicht bestreiten und der nebenbei gesagt mit Unterstützungsgeldern auch honoriert wird, heisst für mich: Das Spiel muss fetzen, es darf mich erschüttern oder vor lauter Freude fast vom Stuhl hauen. Und das tat es nicht in allen Teilen.
Nun hoffe ich mit Markus Keller, dass mich die „grosse Mehrheit“, der die Aufführung gemäss Jean Grädel „ausserordentlich gut gefällt“, eines Besseren belehrt. Es gab viele im Premierenpublikum, die häufig und herzhaft gelacht haben. Wer weiss, vielleicht sind sie ja die professionelleren Zuschauer.

Anja Tobler | 15.06.2010, 09.40 Uhr
Liebe Brigitta Hochuli,
Danke für diese konkrete Kritik. Im Theater werden Entscheidungen gefällt. Diese sind praktisch immer irgendwie angreifbar. Und man kann die Lösungsfindung optimieren, indem man sich hinterfragt und hinterfragen lässt.


Kurt Schmid | 16.06.2010, 11.24 Uhr
An „Magic Afternoon“ von Wofgang Bauer und Dario Fo kam in den Siebzigern wohl keiner herum, der sich mit Theater beschäftigte. Dazu gehörten auch Pasolinis „Teorema“ oder Antonionis „Deserto Rosso“ im Kino. Ätzende Gesellschaftskritik alltagsnah dargestellt. Ohne Zeigefinger, nah dran. Die Wucht dieser subversiven und subkultanen Würfe steckt in diesen Werken immer noch drin. Aber auch der Zeitgeist von damals. Und der ist heute anders.
„Bezahlt wird nicht“ von Dario Fo kann ich nur auf dieser Folie sehen. Und mir scheint, Jean Grädel auch. Wer heute diese Stücke inszeniert, kann nicht auf deren direkte Kampfansage an das etablierte Theater setzen. Damit lässt sich nicht mehr schocken. Und die Lacher, welche die Posse auslösen, bleiben auch nicht stecken wie damals. Sie perlen raus. Und das ist irgendwie tragischkomisch und hat mich bei der Aufführung etwas verwirrt.
Die Aufführung, deren Premiere ich sah, war höchst kunstvoll und sehr stilsicher inszeniert. Das muss wohl so sein nach so langer Zeit. Dafür war das Spiel freier. Die Antonia, von Annette Kuhn begeisternd gespielt, bekam zu ihrer Rolle ein eigenes Leben hinzu. Markus Kellers Verwandlungskünste kasperlten bestens; und woher hatte er plötzlich diese Hakennase unter der Carabinieri-Mütze? Uwe Schuran hielt seine Rollen-Tumbheit bestens durch, und Pascal Holzer wäre auch mit Skateboard nicht aus dem Konzept gefallen. Das war Echtzeit.
Also mir kann man das nicht besser machen und braucht das auch nicht. Denn wenn ich mal so unbeschwert, direkt und ohne jede Erklärung lachen möchte, gibt’s ja immer noch das Fernsehen. Das ziehe ich allerdings höchst selten rein, denn Lachen mit der Mehrheit ist mir mittlerweile suspekt. Es bleibt mir zwischen den Zähnen stecken. Danke Jean, du hast dem Stück die Zähne nicht gezogen. Und danke Schauspielteam. Ihr habt euch locker darüber hinweggesetzt.


János Stefan Buchwardt | 17.06.2010, 12.34 Uhr
Es ist schön, aus den hier gemachten Kommentaren herauszulesen, dass man sich Theaterkritik auch im Thurgau gefallen lassen muss und will. Inwieweit sie wirklich von tiefstem Herzen erwünscht ist, scheint mir dennoch fragwürdig – nicht nur hier vor Ort. Will das Archaische in uns nicht zuerst einmal zurückbellen, wenn wir in Frage gestellt werden? Der aufgeklärte Geist gibt dann bestenfalls «Niveau» und «Diplomatie» ins Süppchen. Er verfeinert, schminkt und überspielt. Ich finde, Kritik kränkt und ärgert, aber sie ist anzunehmen. Keine Frage, als kultivierter Mensch klopfe ich mir auf die Schulter, weil ich trotz allem nutzbringend damit umgehen kann. Und doch, es steckt viel Unwirsches in den Hirnrinden der höheren Säugetiere. Und das ruft Zähnefletschen und Säbelrasseln hervor.
Im Kulturgespräch vom Juni 2010 mit Jean Grädel ist eine schöne Portion gepflegter Intellektualität am Werk. Wenn ich die im Vorfeld gemachten Aussagen im konkreten Aufführungsspiel nicht eingelöst finde, dann bin ich enttäuscht. Das ist der Fall. Die Erwartungshaltung hochzuschrauben, das ist immer riskant. Diese Diskrepanzen zwischen dem Beabsichtigten und dem real Vorgefundenen finden sich in Steckborn, aber auch in Zürich oder Berlin. Gutes Theater braucht einen klugen Unterbau. Wirklich gute Stücke sprechen für sich. Beide Faktoren lassen sich gewinnbringend vermählen. Das Wechselspiel zwischen eigenem Kosmos und dem Geist eines Theaterstücks wirksam aufblühen zu lassen, das erlebt man eben doch nur an wenigen Frühlingstagen. – Andererseits, sozusagen mit der Priesterin Sybille aus den Tiefen des Apollotempels gesprochen: Theater ist jeder Witterung ausgesetzt, jeder Witterung ist etwas abzugewinnen.


Franziska Bolli | 01.07.2010, 10.33 Uhr
Eine Stimme aus dem Publikum
Ich finde es wunderbar, dass Brigitta Hochuli diese Diskussion angestossen hat.
Ich zitiere aus ihrem Beitrag vom 11.06.: “Aber ein professioneller Anspruch, den Sie ja nicht bestreiten und der nebenbei gesagt mit Unterstützungsgeldern auch honoriert wird, heisst für mich: Das Spiel muss fetzen, es darf mich erschüttern oder vor lauter Freude fast vom Stuhl hauen. Und das tat es nicht in allen Teilen.”
Stimmt fast, mindestens der letzte Satz. Den ersten wage ich anzuzweifeln. Niemals
darf man aus der Tatsache, dass etwas professionell ist, schliessen, dass es automatisch fetzt, erschüttert oder einen vor lauter Freude fast vom Stuhl haut. In keinem Theater der Welt wird mit jeder Inszenierung ein Meisterwerk auf die Bühne geklöpft, und sei es noch so professionell.
Ohne Zweifel wird es jedes Mal versucht, aber das ist schlicht nicht möglich. Darum ist unbedingt zu empfehlen, jede Inszenierung jedes erreichbaren Theaters anzuschauen, damit man auf keinen Fall die wenigen Sternstunden verpasst, die auf der Bühne so selten sind wie irgendwo sonst auch. Das ist viel verlangt, vor allem auch, weil manchmal etwas viel verlangt wird, aber auch als Zuschauer muss man eine gewisse Professionalität anstreben.
Dann ist da noch die Sache mit dem Geschmack. Von professionellen Geschmacklosigkeiten sind wir ja heutzutage umzingelt, sei es im Alltag oder in der Kunst. Andererseits sind die Geschmäcker nun mal verschieden, den einen freut’s, den anderen reut’s.
Und nun zur konkreten Aufführung vom 18. Juni, die ich gesehen habe: Am Anfang dümpelte sie vor sich hin, ich begann schon, innerlich zu gähnen ob der mehr oder minder abgestandenen Vorstellung von “italienischer Art”, aber dann kamen alle Spieler immer mehr in Fahrt, und am Schluss ging ich ziemlich vergnügt aus der Vorstellung raus, nicht ohne einige Male herzhaft gelacht zu haben, andere Male eher etwas halbherzig, zugegeben. Ich würde sagen, dass diese Inszenierung kein wahnsnnig grosser Wurf ist, dass sie aber durchaus “verhebt”.
Commedia dell’arte ist eine äusserst schwierige Sache, nicht vergebens verschreiben sich gewisse Theatertruppen gänzlich diesem Genre. Deren Schauspieler machen unter Umständen ihr Leben lang nichts anderes und können sich trotzdem bei jeder Vorstellung immer noch steigern. Jede Komödie ist ja eine ‘verunglückte Tragödie’ oder eine Tragödie mit Happy End. Es wird versucht, über das Lachen der Zuschauer das Gleiche zu erreichen wie über das Weinen und die Empörung, die sich mitunter nach einer Tragödie einstellen. Tränen sind Tränen und bedeuten Aufgelöstheit, Gelöstheit vom Alltag, In-Erwägungziehen von Dingen oder Aspekten des Lebens, die sonst untergehen. Die Komödie ist ein Theatertrick, der den menschlichen Problemen die Schwere nimmt, die vielen Tragödien unzweifelhaft anhaftet. “Leichte” Inszenierungen von Tragödien sind heute das Markenzeichen vieler erfolgreicher Regisseure. Solche leicht inszenierten Tragödien kommen unter Umständen der Komödie sehr nahe. Der Komödientrick eignet sich natürlich hervorragend, um politische oder subversive Inhalte halbwegs unverdächtig zu transportieren, und ist um einiges kultivierter als plumpe Gewalt. Gerne würde ich auch hierzulande aktuelle Komödienschreiber vom Schlage Dario Fos kennenlernen (siehe auch Beitrag J. Grädel vom 9.06.).
Jetzt bin ich von der konkreten Aufführung etwas abgekommen. Machen wir’s kurz: Am Spannendsten für mich war, dass ich Schauspieler, die ich schon öfter erlebt hatte, plötzlich von einer ganz anderen Seite kennenlernte. Das allein schon lohnte den Theaterbesuch. Leute, geht ins Theater! Wo immer es stattfindet!
Eine Empfehlung von Franziska Bolli

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