21.03.2012
Kulturinfarkt?

Brigitta Hochuli
Seit Dienstag, 20. März, ist „Der Kulturinfarkt“ im Buchhandel erhältlich. Warum geht uns das etwas an? Die „Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention“ ist von Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel mitverfasst. Seit dem Vorabdruck eines Auszugs im „Spiegel“ vom 12. März werden die Thesen in Print- und sozialen Medien heftig diskutiert. Für Empörung sorgen drei Forderungen: Die Hälfte der bestehenden Kulturinstitutionen müssten schliessen, Veranstalter hätten mindestens 30 Prozent Eigenmittel zu erwirtschaften, zu fördern sei die Laienkultur. Sonst drohe der Infarkt.
Die Zeit seit Erscheinen des Buches ist zu knapp, um die nahezu 300 Seiten à fond studiert zu haben. Beim Blättern aufgefallen ist mir das kryptische Buch-Motto: „Auch Kultur ist nur eine unmassgebliche Schutzbehauptung.“ Es ist ein Zitat des Lyrikers und Provokateurs Peter Rühmkopf. Weiter die Schlagzeilen:
● Von allem zu viel und überall das Gleiche
● Gefangen in der selbst verschuldeten Unmündigkeit
● Am Staate hängt, zum Staate drängt doch alles
● Kulturpolitik am Ende
● Immer dasselbe Publikum
● Fünf Günde für die Halbierung der Infrastruktur
● Verknappung schafft Vielfalt
● Angebots- statt Konsumentenfixierung
● Wagenburgmentalität
● Jedem Kind ein Tablet (als Steigerung von „jedem Kind ein Insturment“)
Was bedeutet das alles für den Thurgau? Mein Eindruck: Das Angebot ist tatsächlich gross, vorallem an Theater. Nicht alle Säle sind immer voll besetzt. Am besten läuft die Laienkultur. Aktuell erwirtschaftet das ambitionierte KIK Kabarett-Festival in Kreuzlingen nicht weniger als 30, sondern mehr als 50 Prozent Eigenmittel. Und die Museen? Das Kunstmuseum soll erweitert werden, die öffentliche Hand hat für ein Vorprojekt eine halbe Million Franken gesprochen. Ginge es nach Pius Knüsel und seinen drei deutschen Mitautoren, die Geste wäre obsolet, denn: „Die Erweiterungsflügel aller gegenwärtigen Museen brauchen nur noch virtuell gebaut zu werden.“
Droht nun der Kultur im Thurgau der Infarkt? In der Szene fehle es an Debatten, schreiben die Autoren. Das kann man hierzulande nun wahrlich nicht sagen; Möglichkeiten (Debatten!) gibt es, der „Konsument“ muss sie nur nutzen.
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„Zur Sache: Kulturdiktatur statt Kulturförderung“, Kommentar von Peter Surber in Tagblatt und Thurgauer Zeitung.
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Kommentare zu «Kulturinfarkt?»
Alex Meszmer | 21.03.2012, 17.56 Uhr
Nein! Die Herren haben nicht recht – auf gar keinen Fall. Denn meiner Meinung nach kann es gar nicht genug Kultur geben. Und auch die staatliche Abhängigkeit immer wieder zu bemühen und die Kultur bewusst in die merkantile Ecke zu drängen, sind keine Lösungen, die für Kultur funktionieren. Die Thesen und Meinungen der Herren sind abgeschmackt, saturierte kleine Rülpserchen von mit Kultur Ueberfütterten, die sich in ihrem Gelangweiltsein noch unglaublich gut gefallen, genau zu wissen, was gut, was schlecht, was zu verändern ist.
Dass mit Pius Knüsel der Kopf unserer prominentesten Kulturförderinstitution in diesem Chor vertreten ist, ist peinlich – aber nicht das erste Mal, dass er sich im Argument leicht bis mittelschwer vergreift und eigentlich greift er sich selber an und die eigene Praxis.
Und dann: Deutschland ist nicht die Schweiz – und die Kulturförderung in Deutschland ist mit den hiesigen Praktiken nicht vergleichbar, ist viel elitärer und fast nur auf Hochkultur beschränkt. Genauso wie der Kunstbetrieb in Deutschland viel mehr nach dem Ellenbogenprinzip funktioniert – einem auch elitär gedachten Wettbewerb, aus dem nur die Besten hervorgehen sollten – was reine Illusion geblieben ist.
Diese Diskussion ist gefährlich. Sie ist gefährlich, weil sie die Kultur entblösst, auf die Spar- und Abschussliste schiebt, und der Kultur die engen Stricke des freien Marktes umgebunden werden – weil sich durch eine solche Diskussion, Politiker nicht mehr bemüssigt fühlen müssen, die Kultur zu verteidigen, weil sie in den Medien, im alltäglichen Leben und in der Bildung auf wenige Halbsätze und Ueberschriften reduziert werden wird und einem kulturellen Leben, das über einen massentauglichen Alltagsgeschmack hinausgeht, damit der Todesstoss versetzt wird.
Solche Diskussionen – egal von wem sie geführt werden – gehören dahin, wo sie am besten auch bleiben sollten: an die Stammtische dieser Welt.
Aber nicht in ein Buch und auch nicht in die Öffentlichkeit.
Stefan Keller | 22.03.2012, 02.24 Uhr
Peter Surber hat heute im «Tagblatt» geschrieben: «Staatlich verordnete Kulturhalbierung und diktierte Umverteilung: Das wäre im höchsten Mass unliberal und kulturdiktatorisch. Dass deutsche Kulturbürokraten so argumentieren, ist das eine. Dass aber der oberste Schweizer Kulturförderer munter mit-diktiert, gibt zu denken.» Ich finde das einen richtigen Gedanken und habe mich über die «Tagblatt»-Berichterstattung zum Thema «Kulturinfarkt» gefreut. Die «Frankfurter Allgemeine» sprach ja letzte Woche von einem «Denkinfarkt» bei den Autoren.
erich schmid | 22.03.2012, 14.03 Uhr
Bei Knüsel stellt sich ein grundsätzliches Problem der Meinungsäusserung. Es gibt eine interne und eine öffentliche. Wird ein Standpunkt zur Ausgestaltung des Kulturangebots von prominenten Kulturverwaltern öffentlich vertreten, stellt sich sofort die Frage, von wem er für welche Zwecke benützt wird. Und wenn man hier eine Antwort sucht, findet man sie in der Erinnerung. Im Fall von Pius Knüsel ist die Diskussion absehbar Wasser auf die Mühlen jener Kräfte, die Ende der 80-er Jahre im Vorfeld der eidgenössischen Volksabstimung über die Einführung eines „Kulturprozents“ halbseitige Inserate mit exakt folgendem Wortlaut geschaltet hatten: „Keinen Franken für diese Saubande von Kulturschaffenden!“ – Und sie hatten gewonnen. Das darf man nicht vergessen.
Dass einer der wichtigsten administrativen Kulturverantwortlichen diese Kräfte, die längst nicht ausgestorben sind, munitioniert, hatte es meines Wissens in der Schweiz noch nie gegeben. Knüsel, auch nicht mehr der jüngste, der sich ohne Rücksicht auf Verluste um die Wirkung seiner Äusserungen foutiert, kommt mir vor wie ein graumelierter Offroader-Fahrer, der sagt, wenn das Klima dereinst kollabiert, dann bin ich ja nicht mehr da. – Es ist in einer Gesellschaft mit zunehmender allgemeiner Vereinsamung gefährlich, das direkte nicht-digitale Kulturangebot von Mensch zu Mensch zu reduzieren. Die Anonymisierung ruft nach einer Entwicklung, die derjenigen, die Knüsel propagiert, haargenau entgegen läuft.
Leopold Huber | 25.03.2012, 11.05 Uhr
Die scheidenden oder bald scheidenden Pro-Helvetia-Direktoren haben den Drang, uns etwas zu hinter-lassen; so Urs Frauchiger mit seinem Buch, jetzt Pius Knüsel. Ich finde gut, dass das Buch eine Diskussion in Gang bringt. Ob seine falschen Thesen den falschen Leuten in die Hand spielen? Ich glaube nicht. Die Kulturlandschaft ist eine gewachsene und fest verwurzelte. Interessant ist, dass Knüsel jetzt schweizweit die Leuchtturmdiskussion aufwärmt, mit der schon vor Jahren Alex Bänninger den Thurgau aufgebracht hatte.
Die Kulturinstitutionen zu halbieren, und die Mittel dann den Grossen zu geben, passt nicht zur föderalistischen Schweiz. Die Kulturanbieter vor Ort können ihr Publikum, das sie kennen, besser durchkneten, als in anonymen Kulturtempeln. Von dem Vorschlag, jene Kulturinstitutionen zu schliessen, die nicht 30 % Eigenwirtschaftlichkeit haben, halte ich nichts. ( Das See-Burgtheater erwirtschaftet immer mindestens 50 %, trotz Wetterabhängigkeit.) Die Kunst sollte von den Zwängen unserer Gesellschaft weitgehend frei sein, damit sie ihre Aufgabe, dem Bürger im Nacken zu sitzen wie der Löwe dem Gaul, erfüllen kann.
Alex Bänninger | 28.03.2012, 19.40 Uhr
Warum auf die Moral-Pauke hauen? Warum auf den Mann spielen? Es ist doch sinnvoll, immer wieder nach Zielen und Wirkungen der Kulturförderung zu fragen und Verbesserungen zu prüfen. Diese Diskussion wollten die Infarkt-Autoren auslösen. Polemisch zwar, provokativ und auch etwas windschief. Dennoch liesse sich darauf souverän, sachlich und weiterführend antworten.
klaus estermann | 31.03.2012, 15.31 Uhr
Kultur ist heute vielfach ein Industrieprodukt, ein Konsumartikel. Wir brauchen eine Kultur des Alltags, das würde uns guttun. Wir aber leben trostlos unsere Brotberufe und lassen es uns am Feierabend kulturell besorgen. Kultur ist nicht einfach per se gut. Es kommt darauf an was und wieviel, wie beim essen und lesen.
Daniel Badraun | 04.04.2012, 20.54 Uhr
Von aussen betrachtet ist die Kulturwelt nicht nur enorm vielfältig, interessant und bereichernd, sie ist auch verwirrend, provozierend und mit vielen Doppelspurigkeiten und Wiederholungen gesegnet. Was in dieser schrillen und oft unübersichtlichen Szene erhaltenswert ist und was überflüssig, was förderungswürdig sein könnte und was den Untergang verdient hat, kann wohl nicht immer schlüssig beantwortet werden.
Dennoch müssen diese Entscheidungen immer neu getroffen werden, schliesslich sollen die Kulturförderungsmittel an die Frau und an den Mann gebracht werden. Auch wenn versucht wird, die Mittel nach objektiven Kriterien zu verteilen, wird doch immer wieder der eigene Geschmack, die eigene Werthaltung die Entscheidungen beeinflussen.
Wenn uns die Diskussion vor Augen führen kann, dass Kulturförderung oft subjektiv beeinflusst ist, haben wir schon viel erreicht.
Brigitta Hochuli | 11.04.2012, 09.45 Uhr
Verdruss und Überdruss
Unter diesem wortschöpferischen Titel kommentiert auch der Thurgauer Theaterregisseur Jean Grädel das Buch “Der Kulturinfarkt”. Grädel war von 1981-1991 Stiftungsrat der Kulturstiftung Pro Helvetia und kennt die Materie folglich auch von der Seite des Buchautors Pius Knüsel her. Grädels Kritik ist nachzulesen in der Thurgauer Zeitung vom 11. April.
orlando_vom_andern_stern | 26.04.2012, 15.02 Uhr
freejazz ist musik von musiker für musiker und für an einer halben hand abzählbaren enthusiatischen minderheitsmusikanhörfraktion.
mit der zeitgenössischen schweizer kultur ist es irgendwie ähnlich.
kultur geschaffen von kultusschaffenden für kulturschaffende die sich gegenseiteig bewundern/vernissagen besuchen/gratulierend auf die schulter klopfen und einem an einer halben hand abzählbaren haufen kulturenthusiasten, ausgenommen jenen gelangweilten oberschichtszugehörigen, die sich mal einen teuren modernen schinken an die bürowand nageln um sich in der cüplibar effektvoll als intellektueller kulturbewandter zu positionieren.
manchmal sterben arten einfach aus weil es wegen überpopulation kein futter mehr gibt und die zeit des populationsgesundschrumpfens angesagt ist.
vielleicht steht ein effektiver aderlass auch dem kulturbetrieb gut an.
Brigitta Hochuli | 30.04.2012, 10.44 Uhr
Theaterregisseur Jean Grädel hat das Buch “Der Kulturinfarkt” zu Ende gelesen. In der “Leuchtspur” der Thurgauer Zeitung schreibt er von seinen Erkenntnissen.
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