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von Barbara Megert-Lüthi, 02.03.2026

Melancholie auf ganz dünnem Eis

Melancholie auf ganz dünnem Eis
Bestseller-Autor Peter Stamm im Gespräch mit Karsten Redmann, Programmchef des Literaturhaus Thurgau während seiner Lesung im Februar 2026. | © Hannes Brunner

Ein ausverkaufter Abend im Literaturhaus: Peter Stamm spricht über sein neues Buch, Melancholie, Nichtkommunikation und die Frage, ob Literatur politisch sein muss. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Der Saal im dritten Geschoss des Literaturhauses in Gottlieben war ausverkauft – wie eigentlich immer, wenn Peter Stamm hier liest. Bereits eine halbe Stunde vor Beginn füllte sich der Raum, und bald waren viele Plätze belegt. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher hielten das Buch mit dem winterlichen, gefrorenen See als Cover in der Hand. Nicht irgendeine Winterlandschaft ziert den Buchdeckel, sondern ein Bild von Adolf Dietrich.

Pünktlich begrüsste Karsten Redmann die Anwesenden und erklärte, dass bereits die zweite Auflage des Erzählbandes «Auf ganz dünnem Eis» gedruckt werde. Der Autor wiegelte jedoch ab und meinte, entscheidend sei die Grösse der Auflage. Nach diesen einleitenden Bemerkungen stellte der Moderator Fragen zum Inhalt und zur Entstehung des Buchs sowie zu allgemeineren Themen, die sich daraus ergeben.

Die Verbindung zum Literaturhaus war rasch hergestellt: Den grösseren Teil der Erzählungen schrieb Peter Stamm in der Gästewohnung des Literaturhauses, die restlichen in Scherzingen am Bodensee, wo er über eine eigene Schreibstube verfügt.

Wie der Titel des Buches entstanden ist

Wie kam das Buch zu seinem Titel, der fast identisch mit zwei der enthaltenen Erzählungen ist? Bildet er eher eine Klammer für den Band, oder steht er für einen gemeinsamen Nenner? Ein identischer Titel sei bereits vergeben gewesen, erklärte Peter Stamm. Zudem habe ihm «sehr» als Füllwort weniger zugesagt als das nun gewählte «ganz».

Das Zusammenspiel der Erzählungen vergleicht er mit der Komposition eines Musikalbums. Am Anfang brauche es eine starke Geschichte – nicht zwingend die beste –, damit sich im Verlauf eine Steigerung ergeben könne. Dieser Prozess beginne allerdings erst dann, wenn alle Texte vorlägen. Der Titel «Seerücken» (2013) bleibt das einzige Werk des Autors, in dem eine Erzählung denselben Titel trägt wie das Buch selbst.

Geboren wurde Peter Stamm am 18. Januar 1963 während der Seegfrörni – einem seltenen Naturereignis am Bodensee. Dieses Datum deutet er in seinen Erzählungen selbst als symbolisch. Wetterphänomene wie Hoch- oder Niedrigwasser, die er in seiner Kindheit erlebte, fliessen immer wieder in seine Texte ein.

Auch Orte spielen für ihn eine wichtige Rolle. Die Erzählung «Lieke schreibt …» führt er als Beispiel an: Eine Skihalle im Ruhrgebiet inspirierte ihn dazu, eine passende Geschichte und die entsprechenden Figuren zu entwickeln.

 

Peter Stamm im Literaturhaus Thurgau (Februar 2026). Bild: Hannes Brunner

Spannung aufbauen, aber wie?

Um Spannung zu erzeugen, entschied er sich für einen Schweizer Skilehrer – eine Figur, die eigentlich in die Berge gehört – und versetzte ihn in die künstliche Welt einer Skihalle. Dort trifft er auf eine Gruppe niederländischer Touristinnen und Touristen, insbesondere auf Lieke, die in das Klischee «Skilehrer, toller Typ» gerät.

Aus seiner Sicht passte sie auch deshalb gut in die Konstellation, weil als Vegetarierin in nahezu jeder Reisegruppe eine entsprechende Person anzutreffen sei. Um die Atmosphäre authentisch einzufangen, verbrachte Peter Stamm selbst einen Tag in jener Skihalle, die von Marc Girardelli, dem ehemaligen, für Luxemburg startenden österreichischen Skistar, gegründet wurde.

Sie bietet die längste Indoor-Abfahrt Europas. Zudem sei ein All-inclusive-Tag dort günstiger als ein Skitag in den Bergen, stellte er fest. Während seines Besuchs wurde ihm klar, dass ein Skilehrer als Hauptfigur hier stimmig wäre. In der Geschichte deutet sich früh an, dass dieser vor etwas flieht, das ihn stark belastet.

Peter Stamm, ein feinsinniger Seismograf?

Karsten Redmann zitiert Nora Zukker, die Peter Stamm einmal als Seismografen bezeichnet habe – als einen Autor, der alles erzählt, indem er nicht erzählt. Peter Stamm bestätigt, dass in jedem Buch ein Geheimnis bleiben müsse. Gerade das Nichtausgesprochene verleihe einem Text Spannung und Kraft und eröffne den Lesenden Raum für eigene Bilder.

Menschliche Beziehungen stehen im Zentrum seines Werks. Bewusst etwas zu verbergen, sei jedoch nicht seine Absicht. Da jeder Mensch ein Geheimnis in sich trage, ergebe sich dieses Moment des Verborgenen von selbst.

Auf die Frage, ob er eher mit Tragik oder mit Drastik arbeite, reagiert er zurückhaltend. Beide Begriffe erscheinen ihm zu stark; «melancholisch» treffe es besser. Und er betont: «Am Ende der Geschichten geht es den Protagonisten immer besser als zu Beginn.»

Weiter führt er aus: «Was Menschen in Beziehungen erleben, ist meist nicht drastisch, dafür sind Menschen zu komplex und viel subtiler, als in vielen Büchern dargestellt wird.» Durch diese melancholische Grundstimmung entsteht in seinen Erzählungen eine besondere Dichte. Sie fesselt und weckt Interesse an den Figuren. «Wir sind mehr als die Summe unserer Tage.»

 

Peter Stamm, Autor. Bild: Jule Kuehn

Wie der Autor für die Erzählungen recherchierte

Peter Stamm liest die erste Geschichte des Bandes, «Lieke schreibt …», vollständig vor. Mit seiner ruhigen, präzisen Vortragsweise gelingt es ihm, die Zuhörenden atmosphärisch dicht in die Handlung hineinzuziehen. Konzentriert und beinahe andächtig folgen sie dem Text, lassen sich zwischendurch auch zum Schmunzeln verleiten.

Die Zeitsprünge wirken nicht irritierend, sondern organisch verbunden. Am Motiv der Schneeflocken zeigen sich feine Parallelen, Erinnerungen an die Heimat tauchen in der Hauptfigur auf.

Neben dem Selbstversuch in der Skihalle recherchierte Peter Stamm auch bei der Staatsanwaltschaft in Chur, um Einblicke in den Ablauf von Gerichtsprozessen zu erhalten. Zudem besichtigte er Unterkünfte, wie sie von Monteuren gemietet werden.

Ein Satz steht exemplarisch im Raum: «Sie lacht mich an. Ihr Lachen macht sie schön.» Gibt es also hässliche Menschen? Peter Stamm verneint. In seinen Beobachtungen habe er keine gefunden. Entscheidend sei nicht das Äussere, sondern der Ausdruck, die Ausstrahlung eines Menschen.

Er schreibe bevorzugt über nachdenkliche Figuren, die ihm sympathisch seien, da es ihm wichtig sei, sich in sie einzufühlen. Soll eine Figur unsympathisch wirken, erhält sie eine Nebenrolle.

Nichtkommunikation als grosses Thema

Die zweite gelesene Passage stammt aus «Auf dünnem Eis II». Im Zentrum steht eine Beziehung, die ausschliesslich über Chatnachrichten geführt wird. Der digitale Austausch ersetzt die körperliche Begegnung. Zwei getrennte Räume treffen aufeinander – und schlagen dennoch Funken.

Gleichzeitig fehlt die Reibung, die erst durch reale Nähe entsteht. Eine Nachricht zu senden ist einfacher, als persönlich auf jemanden zuzugehen. «Solange man etwas nur schreibt, ist es ja noch nicht geschehen», sagt Peter Stamm. Nichtkommunikation sei ein grosses Thema – auch in der Schweiz und im Thurgau.

Wirklich unpolitisch?

Zum Abschluss richtet sich der Blick auf die letzte Geschichte des Bandes. Der Moderator fragt nach einer möglichen politischen Botschaft in Stamms Texten. Der Autor verneint: Literatur, die stark an aktuelle politische Ereignisse gebunden sei, verliere mit der Zeit an Relevanz. Als Beispiel nennt er Texte aus den 70er-Jahren.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob nicht gerade Werke aus diesem Jahrzehnt heute wieder aktuell erscheinen. Umweltthemen etwa wurden damals mit Nachdruck diskutiert – unter anderem durch den Bericht des Club of Rome von 1972, «Die Grenzen des Wachstums», eine der bekanntesten Buchveröffentlichungen unserer Zeit.

Auch in Stamms Erzählungen tauchen solche Motive auf: In «Wintern» breiten sich Gletscher in die Täler aus, eine andere Geschichte ist von anhaltendem Dauerregen geprägt. Trotz dieser Bezüge zieht es Peter Stamm vor, seine Literatur zeitlos anzulegen – selbst wenn Umweltfragen darin deutlich präsent sind.

 

Das Buch 

Peter Stamm. Auf ganz dünnem Eis. ISBN: 978-3-10-397127-9. Verlag: S. FISCHER

 

Unsere Besprechung des Buches gibt es hier. 

 

 

Peter Stamm Auf ganz dünnem Eis. Das Cover ist ein Bild von Adolf Dietrich.

 

 

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