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05.09.2017

Peter Stamm zu Gast in Weinfelden

Peter Stamm zu Gast in Weinfelden
Peter Stamm las seine Erzählung «Im Wald» ungekünstelt, mit ruhiger Stimme, aber sehr eindringlich. | © Sascha Erni

Am 31. August 2017 fand im Rahmen des Weinfelder Sommerateliers der dritte und letzte Anlass vor der Finissage statt: Peter Stamm nutzte seine Carte Blanche literarisch.

Von Zora Debrunner

Es war ein verregneter Abend, jener letzte Tag im August letzten Donnerstag. Rund dreissig Personen fanden den Weg in die Remise Weinfelden, um unter dem Motto „Kunst + Text“ Peter Stamms Lesung zu lauschen – umgeben von den Installationen der diesjährigen Sommeratelier-Künstlerin Sonja Lippuner, die an diesem Abend ebenfalls für Gespräche und Erklärungen zur Verfügung stand.

Sonja Lippuner erläuterte animiert die Hintergründe zu ihrer Ausstellung. (Bild: Sascha Erni)

Die Stimmung in der Remise war beinahe feierlich, die Zuschauer warteten geduldig, etwas ehrfürchtig und voller Vorfreude, um Stamms Lesung zum Thema „Heimat“ zuzuhören. Der Regen prasselte laut auf das Dach der Remise. Man konnte sich sehr gut vorstellen, wie es früher in diesem Gebäude zu und her gegangen sein musste.

Konzentrierte Stille

Peter Stamm las mit fein pointierter Stimme „Im Wald“ aus seiner Anthologie „Seerücken“. Er zog das Publikum von Anfang an in seinen Bann. Denn die Geschichte von Anja, die im Wald lebte, ist auf einer wahren Geschichte begründet. Stamm hatte vor der Lesung erläutert, wie er dazu kam, diese Geschichte zu schreiben: Vor bald zwanzig Jahren las er von einer jungen Frau, die lange im Wald gelebt hatte. Er hatte damals versucht, über einen Bekannten Kontakt zu ihr aufzunehmen, was aber fehlschlug. Jahre später, als die Kurzgeschichte erschien, wandte sich eben jene junge Frau an ihn. So lernte er sie kennen. Peter Stamm erzählte, wie sie ihm ihre Geschichte schilderte, in gewissen Punkten bestätigte und schlussendlich meinte: „Es ist seltsam, meine Geschichte zu hören, von jemandem, der sie nicht kennt.“

Während Stamm las, wurde es schnell still in der Remise. Die Zuhörerinnen und Zuhörer waren ganz bei der Sache. An den Gesichtern erkannte man, dass sie alle in Gedanken mit Anja im Wald unterwegs waren und sich in ihre Ängste und Gefühle hineinversetzten. Peter Stamm schaffte es, die Einsamkeit eines Menschen in Worte zu fassen, diese in Verbindung mit der Natur zu bringen und damit seine Zuhörerinnen und Zuhörer zu berühren.

Bild: Sascha Erni

Je stärker in Weinfelden der Regen wurde, desto besser konnte ich mir die Mühsal der Protagonistin vorstellen. Die Kühle nach der Hitze, das Drama ihres ungelebten Lebens, die innere Kälte. Gemeinsam mit ihr traf ich auf die Menschen in ihrem Leben, ärgerte mich über ihren ungelenken Ehemann, war fasziniert von jenem geheimnisvollen Ladendetektiv, der die Kleptomanie der Heldin ans Tageslicht brachte. Ich litt mit, als sie keine Geduld mehr für ihre Kinder aufbrachte. Je länger ich Peter Stamm zuhörte, desto klarer konnte ich Anjas Sehnsucht nach der Stille des Waldes und zugleich die Angst vor der Leere nachvollziehen. Das Ende der Geschichte schien abrupt, aber auch konsequent und stimmig.

In jener Nacht nach der Lesung schlief ich schlecht. Ich träumte vom Wald, von Schüssen und der Kälte. Dass Stamms Vortrag mich beeindrucken würde, hatte ich erwartet. Dass er mich aber dermassen gekonnt bis in den Schlaf und auch den Tag danach verfolgen würde, hat eine ganz eigene Qualität.

 

Sommeratelier Remise Weinfelden

Das Format des Sommerateliers hat dieses Jahr eine Neuerung erfahren. Während sich Teil 1 bis zu den Sommerferien auf die künstlerische Arbeit in der Remise konzentrierte, folgte vom 18. August bis 2. September Teil 2 mit drei Veranstaltungen in Kombination mit weiteren künstlerischen Ausdrucksformen. Unter dem Titel Sommeratelier + Text fand die Lesung mit Peter Stamm statt.

In unserem Magazin befindet sich das Porträt "Heimatfremdeln" über Sonja Lippuner.

 

„Paradise Island oder wie wir leben wollen"

Sonja Lippuners Installationen in der Remise Weinfelden beschäftigen sich mit Raum und Heimat. (Bilder: Sascha Erni)

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