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von Brigitta Hochuli, 13.09.2010

„Pseudo geht nicht“

„Pseudo geht nicht“
"Jugendliche verachten Dinge, die 'alt' verkörpern": Wanja Harb im Gespräch im "Bären" Kreuzlingen. | © BRIGITTA HOCHULI

Wie können wir die Jungen an unsere Kultur binden? Das fragen die Alten. Schwierig bis gar nicht, zeigt die Realität. - Ein Gespräch mit dem 18-jährigen Maturitätsschüler Wanja Harb als Beitrag zum aktuellen thurgaukultur-Blog „Tatort Jugend“.

Brigitta Hochuli

„Wenn ich weiss, dass Erwachsene mit Hemd und Krawatte da sind, gehe ich nicht hin.“ Wanja Harb ist 18 Jahre alt, Absolvent der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen und als Chef des Veranstaltungsteams der PMS-Schülerschaft alles andere als ein Kulturverächter.

Das Team organisiert die Schulbälle, eine Scène ouverte mit Gedichten, Gesang oder Tanz auf der Lesesaalbühne des Seminars oder lädt eine Band ein. Zum Beispiel die „Thomaten und Beeren“. Wanja Harb liest gern, hört Vivaldi, ihm ist dank seiner Eltern auch Kunst nicht fremd. Der Vater ist Grafiker, der Bruder studiert dasselbe Fach. Wanja Harb nutzt die Gelegenheit, wenn das KIK Kabarett in Kreuzlingen für Schüler die Tickets ermässigt oder die Klasse ins Theater fährt. „Das finde ich toll.“ In der Schule werde Kultur gut vermittelt. Gut heisst, wenn die Lehrer zu Ausstellungen oder Theatervorstellungen ausserhalb der Zeichen- oder Deutschstunde „ermutigen“.

„Kultur muss variabel sein“

Ansonsten sind Jugendliche in Wanja Harbs Alter „schlicht und einfach nicht interessiert daran, dass Erwachsene ihnen vorgeben, was Kultur ist“. Kultur müsse extrem variabel sein. Der Jugendliche verachte im Allgemeinen klassische Musik und Dinge, die für ihn „alt“ verkörperten. „Alt“ verkörpern und Schwellenangst verursachen Institutionen wie Konzerthäuser, Theater, Museen. Zum Konzert trifft sich die Jugend in der Grabenhalle oder im Palace St.Gallen, nicht in der Tonhalle. Der Rentner hingegen, sagt Wanja Hard, finde eine Graffiti-Ausstellung oder einen Breakdance-Event eventuell als unverschämt. Wenn Wanja Harb ausgeht, trifft er sich mit Gleichaltrigen zum Reden, Tanzen, Musikhören, Spass haben. Nicht zur „Kultur“.

Bodmanhaus? Nie gehört

Kürzlich war Wanja Harb an einer Lesung von Max Küng im „Alpenhof“ in Oberegg (AI). Vom Bodman-Literaturhaus in Gottlieben hat er noch nie gehört. Ein Flyer könnte da vielleicht helfen, meint er. „Ich würde ihn auf jeden Fall durchlesen.“ Überhaupt die Kommunikation. Vieles läuft über Facebook. Hier erfahren Jugendliche, was los ist. Oder sie haben Newsletters wie startickets oder ronorp abonniert und loggen sich in Blogs ein, die für ihre Altersklasse das Richtige anbieten. „Auf jeden Fall muss man werben“, rät Wanja Harb auch den Machern von thurgaukultur.ch.

„Voll cool“ daneben

Angebote von „Alt“ an „Jung“ gibt es. Doch sollten die Etablierten wissen, wie. Der Sekundarschüler springe nicht auf den Breakdance-Event des 40-jährigen Kulturbeauftragten auf. „Ein solcher Event wirkt pseudo, auch wenn er voll cool sein soll.“ Kultur für Jugendliche funktioniere nur dann, wenn sie von Gleichaltrigen organsiert seien. Wanja Harb weiss, dass das Engagement oft fehlt. „Weil im geballten Paket, das für uns bereits organisiert wird, kein Platz mehr für Eigenes ist.“ Gute Beispiele gebe es trotzdem. Etwa das Jugendsekretariat St. Gallen mit seinen Lokalitäten. Verwaltet werde hier von Erwachsenen, veranstaltet hingegen von Jugendlichen. Hier entstünden Ausstellungen von jungen Künstlern, Graffiti-Sessions und Flohmärkte. Das funktioniert, weil Veranstalter und Besucher „den gleichen Begriff von Kultur haben und die grauen Leute hier weniger anzutreffen sind.“

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