von János Stefan Buchwardt, 19.11.2010
Rummelplatz mit Flairdefizit

Das seit dreissig Jahren aktive «theagovia theater» weiss mit seiner zweiten diesjährigen Produktion wohl nur ein unbedarftes oder besonders gewogenes Publikum zu überzeugen. Hans Gysi legt eine uninspirierte Inszenierung von Ödön von Horváths Volksstück Kasimir und Karoline vor. Und für einmal will die Formel, die Ästhetik des Amateurtheaters läge in seiner Authentizität, nur wenig überzeugen. Den Aufwand und das Engagement der Theatertruppe in allen Ehren, es stellt sich die Frage, welchen Stoffen sich das Laientheater guten Gewissens widmen darf.
Es will etwas nicht stimmen im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden. In diesem Fall fällt es nicht schwer, den Mut aufzubringen und die Dinge beim Namen zu nennen. Horváths sozialkritisches Volksstück findet in Gysis Inszenierung nur bedingt statt, trotzdem ist alles andere als Ereignislosigkeit am Werk. Wenn etwa die Tristesse der bretternen Bühnenversatzstücke und die Einförmigkeit der Lichtregie (Claus Peter Täterow) zuvorderst an Einfallslosigkeit denken lassen, wen wundert es da, dass der für die Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut so bedeutsame Zeppelin nur unbeholfen und staksig durch den Bühnenhimmel zu wippen vermag. Die Faszination und Schwärmerei für das vorbeifliegende, mit Wirtschaftskapitänen bestückte Luftschiff in einem hübsch gebastelten Papp-Element zu fassen versuchen, erinnert an Kindergarteneifer. Ein exemplarisches Indiz dafür, Horváths genialer Vorlage auch sonst kaum gerecht werden zu können.
Zu erfreulich persönlichem Ausdruck gesteigert
Es ist bezeichnend für den Abend, dass nur wenige elegante Schleifen beschrieben werden. Eine mehrheitlich hölzerne Personen- und Dialogführung lässt sich wohl zu gleichen Teilen auf unterlassenen Effort der Regie wie auf einen für Laientheatertruppen entschuldbaren Mangel an Rollenauthentizität und -beweglichkeit zurückführen. Besonders die beiden Titelfiguren (Kasimir: Andi Metzger, Karoline: Christine Steiger) steigern sich aber im Laufe des Abends zu einem erfreulich persönlichen und so stellenweise auch berührenden Ausdruck.
Dann eine ausgiebige Pause. Der Eindruck, dass hier etwas schief gewickelt ist, verstärkt sich: Die Einrichtung des Foyers und das Pausenbuffet wissen mehr Oktoberfestlaune zu verbreiten als der Bühnenraum selbst. Weisswürste, Magenbrot und Eierlikör trösten über die manierlichen Musikeinsätze (Akkordeon: Volker Zöbelin) der zweiten Hälfte, jetzt gepaart mit artigen Gesangssequenzen, hinweg. In den besten Momenten der Darbietung wird der Horváthsche Dialogzauber immerhin gut tangiert. Die ergreifende Mischung zwischen Sarkasmus, Trauer und Humor bewegt die Gemüter im Zuschauerraum nun doch ansatzweise und lässt eine schöne Ahnung von der Ausserordentlichkeit des grossen Dramatikers und Zeitdiagnostikers aufkommen.
Starker Dialogkosmos bahnt sich den Weg
Es hat nichts an Aktualität eingebüsst, dass Beziehungspartner heute wie in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts unfähig sind, ihre inneren Konflikte wahrzunehmen, sie sprachlich zu erfassen und sich mitzuteilen. An dem Theaterabend in Weinfelden lässt sich, aller inszenatorischen Mängel zum Trotz, schmerzlich nachvollziehen, wie Kommunikationsunfähigkeit eine gelingende Beziehung von vorneherein vereitelt. Wie unausgereift Verheissungsvolles und Aussichtsloses einer Zweierkonstellation auch gespielt und erzählt wird, wie wenig Freiraum für intensive Sehnsucht und überbordendes Vergnügen die Jahrmarktkulisse auch bieten mag, es ist geradezu tröstlich, an einem Mindestmass an innerer Erschütterung dennoch nicht vorbeizukommen. Der Dialogkosmos des Stationendramas ist so stark, dass er sich unweigerlich seinen Weg bahnt ... – Ja, es liessen sich nun, gut und gerne und bunt jonglierend, weitere Einzelheiten unter die Lupe nehmen, wie sie als Bestandteil einer anständigen und diskutablen Kritik erwartet werden.
Es lässt sich noch viel entdecken
Hier sei anderes versucht: Das «theagovia theater» lebt von einer Vielzahl an Menschen, die sich auf, vor und hinter der Bühne um das Beste bemühen. Das ist ehrenwert und unterstützungswürdig. Die zehn Darsteller geben ohne Zweifel ihr Bestes. Hilflose Gesten, ängstliche Bewegungen, steife Auf- und Abgänge – natürlich kann der Reiz und die Schönheit des Amateurtheaters nicht im hochvollendeten Kunstgenuss liegen. Selbstverständlich ist es eine grosse Herausforderung, die Ironie-Finessen, die wie Tellerminen in die Dialoge eingegraben sind, im Spiel spürbar werden zu lassen. Es kann nicht darum gehen, elitäre Kunstvorstellungen auf das Laientheater zu übertragen. Hochgegriffene Massstäbe für Ausstattung, Technik und Schauspielkunst anzuwenden, wäre vermessen. Die unbarmherzig kritische Sicht darf im besten Fall ein Bewusstsein für (noch) mehr Handwerk, Phantasie, Leidenschaft und Mut auf, vor und hinter der Bühne schaffen. Mit dem Wunsch, im Theaterspiel aus der Alltagsrolle auszubrechen, ist es nicht getan. Auch werden Laiendarsteller niemals ganz in einer Rolle aufgehen können. An den kommenden Theaterabenden lässt sich aber noch viel entdecken, herauslesen und intuitiv umsetzen – zum Nutzen der Mitwirkenden, des Publikums und besonders auch zur Wertschätzung des Theaterautors.

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