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«Wir wollen mit der Welt im Kopf fotografieren»

«Wir wollen mit der Welt im Kopf fotografieren»
Sie wollen die Schweizer Fotobranche verändern: Mik Matter, Samira Gollin, Claude Bühler und Melo Jetzer gründen eine queer-feministische Fotoagentur. | © Tender Photo

Mit Tender Photo gründen Claude Bühler und drei weitere Kreative eine queer-feministische Fotoagentur. Sie wollen andere Perspektiven sichtbar machen und die Zusammenarbeit in der Fotobranche verändern. Die Crowdfunding-Kampagne läuft noch bis Mitte November. Ein Gespräch über Hass, Haltung, Machtverhältnisse, Solidarität und die Zukunft der Fotografie. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Claude, ihr startet mit «Tender Photo» eine queer-feministische Fotoagentur. Was wollt ihr anders machen als andere Fotoagenturen?

Ich glaube, grundlegend anders ist, dass wir mit einer recht klaren Haltung auftreten. Wir positionieren uns explizit queer und feministisch. Wir wollen aber nicht nur eine Agentur mit einer bestimmten Haltung sein, sondern auch eine Arbeitsstruktur aufbauen, mit der wir professionell arbeiten und von unseren Aufträgen leben können. Das ist ein ganz konkretes Ziel. Wir sind alle schon seit Jahren unabhängig voneinander aktiv – als Kulturschaffende, Fotografinnen, in der visuellen Kommunikation oder in der Kuration. In dieser Zeit haben wir gemerkt, dass uns die individuelle Arbeit immer wieder aufreibt. Irgendwann entstand bei allen vier das Bedürfnis, etwas gemeinsam aufzubauen.

Es geht also nicht nur darum, wer auf den Bildern zu sehen ist, sondern auch darum, wie ihr arbeitet. Was läuft in der Schweizer Fotobranche falsch, das ihr ändern wollt?

Wir haben selbst Situationen erlebt, in denen sich Räume bei einem Shooting oder einem Interview nicht sicher angefühlt haben. Dabei geht es nicht unbedingt um offene homophobe oder rassistische Äusserungen. Es können auch subtilere Dinge sein, die man als Mikroaggressionen bezeichnen kann.

Wie jemand mit einem spricht, wie man behandelt wird oder welche Machtdynamiken in einer Situation entstehen: Das ist für die betroffenen Personen oft sehr spürbar, auch wenn es nicht ausdrücklich ausgesprochen wird. Wir kennen Diskriminierung aus unserer beruflichen und persönlichen Erfahrung. Damit wollen wir uns auseinandersetzen – und zwar nicht nur individuell, sondern auch gemeinsam. Uns ist wichtig, miteinander zu kommunizieren und voneinander zu lernen.

Du hast am Anfang gesagt, dass ihr Fotografie mit Haltung verbinden wollt. Was bedeutet das für eure Arbeit?

Es geht für uns nicht in erster Linie darum, dass unsere Bilder auf den ersten Blick ganz anders aussehen als andere Fotografien. Es geht vor allem darum, wie wir arbeiten. Wie gehen wir an Fotografie heran? Was fotografieren wir, worauf schauen wir? Wie begegnen wir den Menschen, die wir fotografieren? Wie gestalten wir die Räume, in denen wir arbeiten, und wie gehen wir miteinander um?

Wir sehen uns in einer Tradition humanistischer Fotografie. Mich interessiert, wie wir fotografieren und was wir mit unseren Bildern erzählen. Ich habe dafür einmal die Formulierung verwendet, dass wir «mit der Welt im Kopf» fotografieren wollen. Es geht nicht nur darum, ein schönes Bild zu machen oder einen Moment festzuhalten. Wir wollen auch fragen: Woher kommt dieses Bild? In welchem Zusammenhang entsteht es? Was erzählt es über die Welt?

Wir verstehen uns selbst als Lernende. Wir wollen mit den Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, im Dialog bleiben und auch von politischen Bewegungen und gesellschaftlichen Debatten lernen. Für uns ist Haltung kein abgeschlossener Zustand, sondern etwas, mit dem wir uns immer wieder auseinandersetzen müssen.

 

«Es geht nicht nur darum, ein schönes Bild zu machen oder einen Moment festzuhalten. Wir wollen auch fragen: Woher kommt dieses Bild? In welchem Zusammenhang entsteht es? Was erzählt es über die Welt?» 

Claude Bühler, Künstlerin und Fotoagentur-Gründerin (Bild: Reto Martin)

Das sind die Menschen hinter Tender Photo

Samira Gollin, Bern (Fotografin, Grafikerin, Kuratorin)
Melo Jetzer, Zürich (Fotograf:in, Kurator:in)
Claude Bühler (Fotograf:in, Künstler:in, Sound Researcher)
Mik Matter: (Fotograf:in, Sound Artist)

Mehr zum Projekt auch hier.

Die Crowdfunding-Kampagne läuft noch bis zum 15. November 2026. Das Ziel ist bis dahin 10'345 Franken zu sammeln. Aktuell sieht es gut aus: das Projekt konnte bereits fast 100 Unterstützer:innen finden. Rund 70 Prozent der angestrebten Summe sind bereits erreicht. Wie man das Projekt unterstützen kann, wird auf der wemakeit-Seite von Tender Photo erklärt.

Video: In ihrem Crowdfunding-Video erklären die Gründer:innen, was sie machen wollen

Im Journalismus ist der Begriff Haltung umstritten. Manche befürchten, dass eine Haltung der vermeintlichen Neutralität im Weg steht oder dass man sich schon vor einer Recherche auf eine bestimmte Sichtweise festlegt. Wie geht ihr mit diesem Spannungsfeld um?

Ich glaube, kein Mensch ist einfach ohne Haltung. Man hat immer bestimmte Überzeugungen, auch wenn man sagt, man sei unpolitisch. Für uns geht es aber nicht darum, anderen eine Meinung vorzuschreiben. Es geht tatsächlich um das fotografische Handwerk und darum, wie wir es ausüben.

Geht es bei eurem Projekt auch darum, andere Perspektiven sichtbar zu machen?

Ja, definitiv. Ich hoffe, dass das auch in der Natur des Projekts liegt. Wenn wir uns explizit queer und feministisch positionieren, sprechen wir damit Menschen an, die sich in anderen Zusammenhängen vielleicht weniger angesprochen fühlen. Das merken wir bereits bei den Anfragen. Gleichzeitig gibt es Menschen, die sich von unserem Branding nicht angesprochen fühlen. Auch das gehört dazu. Wir sehen aber, dass sich durch unsere Positionierung neue Möglichkeiten ergeben.

Wir haben bereits Kund:innen, die uns explizit für Projekte engagieren, in denen es auch um das Zeigen von Vielfalt geht. Weil da liegt unsere Expertise. Ich finde es spannend, dass sich dadurch unterschiedliche Gespräche ergeben. Es geht nicht nur darum, wer auf einem Bild vorkommt, sondern auch darum, welche Perspektiven in der visuellen Darstellung unserer Gesellschaft überhaupt Platz bekommen.

Was unterscheidet eure Fotografie von anderen Fotografien? Wird Tender Photo eine eigene, erkennbare Bildsprache haben?

Ich glaube nicht, dass alle bei uns dieselbe Bildsprache haben müssen. Die einzelnen Fotograf:innen sollen ihre eigene Handschrift behalten. Ich würde nicht wollen, dass man jedes Bild sofort als typische Tender-Fotografie erkennt. Vielleicht wird die gemeinsame Haltung eher sichtbar, wenn man viele unserer Bilder zusammen betrachtet. Dann kann man sich fragen: Wer ist auf diesen Bildern sichtbar? Wie fotografieren wir diese Menschen? Welche Perspektiven kommen vor, und welche fehlen? Es geht also weniger um ein einzelnes Bild, das man neben ein anderes stellt und sagt: Das ist jetzt Tender. Vielleicht zeigt sich unsere gemeinsame Handschrift eher in der Gesamtheit unserer Arbeit, in der Vielfalt der Perspektiven, die darin sichtbar wird. Wie genau das aussehen wird, müssen wir aber auch erst herausfinden.

 

«Vielleicht zeigt sich unsere gemeinsame Handschrift eher in der Gesamtheit unserer Arbeit, in der Vielfalt der Perspektiven, die darin sichtbar wird.» Claude Bühler über die Bildsprache von Tender Photo. Bild: Tender Photo

 

«Wir haben bei der Gründung bedacht, dass es solche Anfeindungen geben könnte. Wir haben vielleicht nicht mit der Intensität gerechnet.»

Claude Bühler, Künstlerin und Fotoagentur-Gründerin

Wenn man die Reaktionen auf eure Ideen verfolgt, gibt es neben Zustimmung auch Kritik, Anfeindungen und Hass. Hattet ihr das in dieser Form erwartet?

Ich weiss gar nicht, ob es Hass war. Ich habe es eher als Verachtung wahrgenommen. Eine Verachtung unseres Lebensstils und unserer Haltungen. Wir haben bei der Gründung bedacht, dass es solche Anfeindungen geben könnte. Wir haben vielleicht nicht mit der Intensität gerechnet.

Was hat das mit euch gemacht?

Das hat sehr viel mit uns gemacht. Ich bin sehr froh, dass wir ein Kollektiv sind. Wir können miteinander darüber sprechen, uns gegenseitig unterstützen und die Reaktionen gemeinsam verarbeiten. Es ist wichtig, Dinge durchleben und irgendwann auch wieder loslassen zu können. Natürlich haben die negativen Reaktionen Unsicherheit ausgelöst. Gleichzeitig zeigen sie auch, dass das Thema etwas auslöst und gesellschaftlich relevant ist.

Es gibt Menschen, die uns offenbar als Projektionsfläche benutzen. Sie laden ihren Frust, schlechte Erfahrungen oder andere Dinge, die in ihrem Leben passieren, bei uns ab. Aus ihrer Perspektive passen wir vielleicht nicht in die Welt, wie sie sie sich vorstellen. Daneben gab es auch sehr viele positive Reaktionen, das darf man bei all den Anfeindungen und der Verachtung nicht vergessen. Ich glaube, viele Menschen freuen sich darüber, dass wir so etwas starten und fühlen sich dadurch vielleicht auch empowert und nicht mehr so alleine.

Euer Vorhaben betrifft nicht nur eure eigene Agentur. Ihr wollt auch etwas in der Fotobranche verändern. Wie kann daraus ein grösserer Wandel entstehen?

Das Projekt hat eigentlich schon vor der Agenturgründung begonnen. Gemeinsam mit Kulturbüros hat unser Agenturmitglied Mik Matter noch vor der Gründung des Tender-Kollektivs queer-fotografische Meet-ups organisiert. Ich persönlich fände es spannend und wichtig, ähnliche Räume mit Tender zu kreieren und zu entwickeln. Dabei kommen Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen. Viele von ihnen haben das Gefühl, in ihrem Berufsfeld mit bestimmten Fragen allein zu sein. Es ist schön und spannend zu merken, dass es anderen ähnlich geht und dass man Gemeinsamkeiten findet.

Wir vernetzen uns auch mit Kurator:innen, Journalist:innen und anderen Fotograf:innen. Von vielen bekommen wir positive Rückmeldungen und Unterstützung. Wir möchten Räume schaffen, in denen Menschen zusammenkommen, sich austauschen und voneinander lernen können. Es muss ja nicht jede Person auf dieselbe Weise arbeiten. Aber wir können bewusster damit umgehen, wie wir miteinander arbeiten und welche Bedingungen wir schaffen. Wenn sich daraus etwas entwickelt, das über unser eigenes Kollektiv hinausgeht, wäre das schön.

 

Bei der Arbeit: Tender Photo will eine Arbeitsstruktur aufbauen, mit der die Gründer:innen professionell arbeiten und von ihren Aufträgen leben können. Bild: Tender Photo

«Eine Maschine kann nicht selbst an einem Ort stehen, Menschen begegnen und aus dieser Begegnung ein Bild machen. Für uns geht es um menschliche Fotografie, um Austausch und um Verbindungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt.» 

Claude Bühler, Künstlerin und Fotoagentur-Gründerin

Eine grosse Herausforderung für die Fotografie ist die Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Bilder lassen sich heute in kurzer Zeit künstlich erzeugen. Man kann es für eine ziemlich kühne Idee halten, gerade jetzt eine Fotoagentur zu gründen. Warum macht ihr das trotzdem?

Wir beschäftigen uns auch mit KI. Das Thema betrifft uns, und wir wollen uns damit weiter auseinandersetzen. Gleichzeitig glaube ich, dass wir uns auf Aufträge konzentrieren, die eine Maschine nicht auf dieselbe Weise erledigen kann. Eine Maschine kann nicht selbst an einem Ort stehen, Menschen begegnen und aus dieser Begegnung ein Bild machen. Für uns geht es um menschliche Fotografie, um Austausch und um Verbindungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt. Das ist der Kern unserer Arbeit. Natürlich kann KI bei der Bildbearbeitung helfen und bestimmte Arbeitsschritte verändern. Aber das, was uns interessiert, ist nicht allein das fertige Bild. Es geht auch um den Weg dorthin: um die Begegnung, um das Nachdenken und darum, wie wir uns der Welt nähern. Darauf wollen wir uns konzentrieren.

Ihr sammelt derzeit über ein Crowdfunding Geld für die Gründung. Was passiert, wenn ihr den angestrebten Betrag nicht erreicht?

Ich bin überzeugt, dass wir das Geld zusammen bekommen. Und dann starten wir das Projekt.

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