von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 30.11.2016
2017 wird Jahr der Religionen

In diesen unruhigen Zeiten könnte es wohl kaum ein besseres Thema geben: Die Initiatoren des Konziljubiläums Konstanz machen 2017 zum Jahr der Religionen. Der Austausch der drei grossen Weltreligionen Judentum, Islam und Christentum steht im Mittelpunkt vieler Veranstaltungsformate. Auch der Kanton beteiligt sich mit spannenden Projekten.
Man schrieb den 11. November 1417 als nicht im Vatikan, sondern im kleinen Konstanz weisser Rauch aufstieg. Damals hatte die Konklave, die während des Konstanzer Konzils tagte nach nur drei Tagen einen neuen Papst gewählt. Der Kardinal Oddo di Colonna sollte die Geschicke der Kirche leiten. Das Schisma mit bis zu drei Päpsten gleichzeitig war damit überwunden. Der neue Papst wurde fortan Martin V. genannt. Dieses Ereignis ist die zentrale Geschichte an die das Konstanzer Konziljubiläum 2017, in seinem vierten Jahr, erinnern will.
Was diese Wahl damals wie heute so besonders macht, erklärte der Konzil-Experte Henry Gerlach bei der Pressekonferenz zum Jahresprogramm am Mittwochvormittag im Konzil, dem historischen Ort der Papstwahl, so: "Es gibt drei Gründe. Erstens war es die einzige Papstwahl, die nördlich der Alpen stattfand, Zweitens lief sie nach heutigem Recht nicht ganz korrekt ab, da auch Nicht-Kardinäle ihre Stimme abgegeben durften. Und drittens lief die Wahl für Konklave-Verhältnisse sehr schnell. Schon nach drei Tagen hatte man einen Kirchenführer gefunden", so Gerlach.
Auch der Thurgau beteiligt sich im kommenden Jahr wieder an dem Jubiläum. Geplant sind zahlreiche Veranstaltungen. Unter anderem bietet das Historische Museum Bischofszell ab März 2017 eine Ausstellung unter dem Titel "Bischofszell: Städtisches Leben im Mittelalter". Erstmals seit Langem wird dann in der Region auch wieder der Bischofszeller Bilderteppich zu sehen sein. Das wertvolle Textil kommt als Leihgabe aus Basel. In Kreuzlingen soll das mittelalterliche "Kreuzlinger Tor" wieder in Szene gesetzt werden. "Vom Papst bis zum heutigen Einkaufstourist passierten alle dieses Tor. Das Konzilsereignis ist nur der Auslöser und der Beginn dieser geschichtlichen Reihe. Geplant sind 12 Fahnen, die jeweils eine Persönlichkeit zeigt, die durch dieses Tor nach Konstanz bzw. Kreuzlingen kamen", heisst es in einem Pressetext zu der Aktion.
Dominik Gügel im Interview zu den Veranstaltungen im Thurgau während des Konziljubiläums 2017
Deutlich konkreter sind die Planungen im Napoleonmuseum am Arenenberg. Unter dem Titel "Arenenberg! Weltgeschichte am Bodensee" will Museusleiter Dominik Gügel den Bogen vom Konzil zu Napoleon Bonaparte schlagen. "Die kaiserlich-französische Familie und ihre namhaften Besucher kannten die Erzählungen über das Konzil. Sie wussten Bescheid über die Richentalchronik, die Mitra im Kloster Kreuzlingen oder über Jan Hus und Johannes XXIII. im Schloss Gottlieben. So besichtigte Eugéne Scribe von Arenenberg aus die Originalschauplätze des Konzils und holte sich dort die Anregungen für die Texte zur Oper "La Juive", die 2017 aufgeführt wird. Schloss Gottlieben gerät sogar in den Besitz der Bonapartes und wird von ihnen aufwendig umgebaut. Nicht umsonst berichten die Angehörigen des kaiserlichen Hofes, man habe Jan Hus dort als Gespenst umgehen sehen", erklärt Dominik Gügel.
Die Soderausstellung beginnt im April 2017 will darüber hinaus auch die Zusammenhänge zwischen dem Arenenberg, seinen Bewohnern und der europäischen Geschichte beleuchten. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Das Museum Rosenegg in Kreuzlingen hat sich eine Ausstellung unter dem Titel "Ländliches Leben im späten Mittelalter" vorgenommen. Im Mai und Juni soll es zudem eine Begleitausstellung zu "Frauen im Mittelalter" geben.
Vier Höhepunkte im Jahresprogramm 2017 in der Konzilstadt
In Konstanz selbst soll das Jahr der Religionen vor allem den interreligiösen Dialog gewidmet werden. "Ziel ist es, die Vielfslt der Religionen ins Bewusstsein zu rücken, die das kulturelle Leben in der Stadt bereichert. Die vier spannendsten Projekte dürften diese hier sein. Erstens: Ende April 2017 startet unter dem Titel "Papstwahl 2.0" ein Planspiel für Jugendliche und junge Erwachsene. Das Konklave wird hier nachgespielt. Bis zu 120 Jugendliche aus ganz Europa sollen hier zusammenkommen und die Geschehnisse von damals neu erleben und diskutieren. Der Ausgang ist dabei vollkommen offen. Es könnte auch eine Päpstin gewählt werden.
Zweitens: Das Archäologische Landesmuseum (ALM) und die Universität Konstanz beschäftigen sich mit dem jüdischen Leben in der mittelalterlichen Stadt. "Wir wollen zeigen, dass Christen und Juden damals durchaus friedlich nebeneinander gelebt haben", erklärte Ralph Röber vom ALM. Drittens: Die Konziloper "La Juive" wird neu aufgeführt. Sie thematisiert Konflikte zwischen Juden und Christen während des Konzils. Die Inszenierung soll dabei an historische Schauplätze führen. Viertens: Die Volkshochschule Landkreis Konstanz veranstaltet eine Diskursreihe zu den drei Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam. Unter dem Titel "Du kannst die Welt nicht verstehen ohne die Religionen!" erläutern unter anderem Experten wie Mouhanad Khorchide, Ellen Ueberschär und Michael Wolffsohn die Sicht der Religionen auf die Welt.
Zudem wird im November 2017 zum zweiten Mal der Konstanzer Konzilspreis verliehen. 2015 erhielt den Preis der Schweizer Theatermacher Milo Rau. Der Preis soll ein Appell für Dialog und Verständigung innerhalb Europas sein. Ein breites Expertengremium entscheidet über den Preisträger. Der Name soll im Frühjahr 2017 bekannt gegeben werden.
Alle weiteren Informationen zum Konstanzer Konzil gibt es hier: www.konstanzer-konzil.de

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