von Brigitta Hochuli, 05.12.2012
Aera eines Unbequemen

Alex Bänninger wird am 9. Dezember 70 Jahre alt. Zehn Jahre lang hat er im kulturellen Thurgau mitgemischt. Dauermandate gibt er nun ab. Allen voran jenes als Geschäftsführer der Stiftung Turmhof in Steckborn.
Brigitta Hochuli
Mit 27 Jahren wurde er jüngster Chefbeamter des Bundes. Von 1970 bis 1984 war Alex Bänninger Chef der Sektion Film und stellvertretender Direktor des Bundesamtes für Kultur. Dafür habe er gerne den Dissertations-Abschluss seines Studiums geopfert. Er bereue es nicht. Unter anderem habe er beim BAK den Solothurner Filmtagen die nationale Förderung gesichert und mit Frankreich das erste Koproduktionsabkommen initiiert. Noch heute nennt man ihn „Film-Papst“, etwa dann, wenn er die diesbezügliche Bundespolitik kritisiert. Kritik und Schreiben liegen ihm. Als Kolumnist der „Thurgauer Zeitung“ führt er eine spitze Feder, leuchtet in verborgene Ecken, bringt Offensichtliches und Wünschenswertes auf den Punkt. Unbequem, oft zitiert und nicht immer unwidersprochen.
Nicht als Fallschirmspringer gelandet
Wir treffen uns im „Stelzenhof“ auf dem Ottenberg. Ein guter Ort, um ungestört plaudern zu können. Gespräche mit Alex Bänninger können lange dauern. Er kennt den Thurgau und seine Kultur gut. Seit er 1993 als Abteilungschef Kultur und Gesellschaft beim Schweizer Fernsehen aufgehört und zusammen mit seiner Frau Regula Bänninger die „Kanzlei für Kultur und Kommunikation“ gegründet hat, arbeitet er als Publizist und Kulturberater auch im Thurgau. „Ich kannte den Thurgau, bevor er mich kannte“, sagt Bänninger. „Ich bin nicht als Fallschirmspringer hier gelandet.“ Seine Frau hat Wurzeln in Istighofen. Er selber hatte längst berufliche Kontakte beispielsweise zum Ausbildungszentrum der UBS auf dem Wolfsberg und Unternehmerforum Lilienberg in Ermatingen, als er 2001 den Wohnsitz nach Stettfurt verlegte. Das Ehepaar sehnte sich damals nach dem ruhigen Land.
Das erste Mandat: Kulturfahrplan TG
Die Beziehungen zur UBS brachten ihm denn auch das erste Thurgauer Mandat. Im Auftrag des 2003 gegründeten Think Tank Thurgau (TTT) verfasste er bis 2004 den „Kulturfahrplan TG“. Bis heute erhitzt Bänningers Vorschlag zur Schaffung von kulturellen Leuchttürmen die Köpfe. Im denzentrierten Kanton hält man an Gewachsenem fest. Das zeige sich aktuell auch beim Kunstmuseum Thurgau, das in ein urbanes Zentrum gehöre. Ein weiterer Auftrag des TTT war auf eigene Initiative ein Konzept für „Kulturellen Erlebnisraum Untersee“. Insgesamt sei von beidem herzlich wenig geblieben. Bänninger weiss auch, warum: „Das ist ein Strukturproblem des Think Tank. Im irrigen Glauben, dass Visionen genügen, werden Ideen lanciert und ihrem Schicksal überlassen.“ Dass hier keine Nachhaltigkeit gegeben sei, findet er „thurgau-typisch“.
Bleibende Verletzung
Alex Bänninger ist, was man streibar nennt. Er kann austeilen, aber auch einstecken. „Einige sind nicht gut zu sprechen auf mich.“ Ein paar Narben bleiben wohl aus den Thurgauer Kulturjahren zurück. Am meisten verletzt hat ihn der Rauswurf als Initiant und erster Generalsekretär des TTT-„Stein am Rhein Symposiums“ im Jahr 2009. Die Gründe kenne er bis heute nicht. Eine Aussprache sei keine erfolgt. „Das ist eine bleibende Verletzung.“ Bänninger kritisierte damals öffentlich die «geringe Qualität der Kongresse, ihre magere Resonanz und ihre Wirkungslosigkeit für den Thurgau“.
Rücktritt bei Stiftung Turmhof
Seinen Geburtstag feiert Alex Bänninger in Brescia, der einzigen italienischen Stadt, die er noch nicht kennt. Bänninger ist bis nach Asien und Australien viel gereist. Italien ist aber eines seiner Lieblingsländer. Ansonsten findet er, mit 70 Jahren sei es Zeit, sich aus Dauermandaten zu lösen. Eines davon ist die Geschäftsführung der Stiftung Turmhof Steckborn. Der Stiftungsrat hat ihn „mit grossem Dank für die geleisteten Dienste“ per Ende Jahr verabschiedet. Zwar sei in den acht Jahren seiner Tätigkeit für die Stiftung nicht das erreicht worden, was er sich einmal vorgestellt habe, sagt Bänninger. „Aber die Arbeit hat mir trotz Dauerbeschuss Freude gemacht.“
Dietrich, Baumgartner, Hall
Freude hatte Alex Bänninger letztlich auch am „Kulturfahrplan“. „Es war eine schöne Aufgabe. Heute wäre ich befangen.“ Damals, als „fremder Fötzel“ im Thurgau, habe er die Fettnäpfchen noch nicht gesehen. Als „guten Beitrag“ bezeichnet er auch das Berliner Kulturstipendium und die Aufarbeitung des Fotografienachlasses von Adolf Dietrich zu dessen 50. Todestag im Auftrag der Kunstgesellschaft, deren Präsident er vier Jahre lang war. Gerne nimmt er auch den Bildband „Fotografie heute“ zur Hand, den er zusammen mit den Jubiläumsveranstaltungen zum 100. Geburtstag von Hans Baumgartner betreut hat. Und berührt haben ihn die Bilder des lange in New York lebenden Malers Dieter Hall, für den er In der psychiatrischen Klinik in Littenheid erst kürzlich eine Austellung kuratiert hat. Künftig nutzt er die gewonnene Zeit für seine publizistische Tätigkeit und den Ausbau der Internetzeitung Journal 21. Aber die Thurgauer Aera dieses Unbequemen geht nun zu Ende.

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