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von Inka Grabowsky, 22.06.2026

Auf der Suche nach dem richtigen Stoff

Auf der Suche nach dem richtigen Stoff
Das Leitungs-Trio des See-Burgtheaters aus Rahel Wohlgensinger, Giuseppe Spina und Simon Engeli zeigt im Frühjahr mit Bühnenbildner Damian Hitz (links) den zukünftigen Schauplatz. | © Inka Grabowsky

Wie entsteht eigentlich Kunst? Um das herauszufinden, haben wir das See-Burgtheater bei der Vorbereitung der neuen Produktion mehrere Monate begleitet. Teil 1: Wie findet man ein Thema?  (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Das See-Burgtheater zeigt diese Saison ein Stück, das aus der Feder der Co-Leitung Simon Engeli und Rahel Wohlgensinger stammt. Das macht zwar Arbeit, gibt aber auch grosse Freiheiten. Die Idee zu «Anne Bonny» entstand schon im Sommer 2025 während der Produktion von «Honig im Kopf». Ein Jahr als Leitungstrio hatten Simon Engeli, Rahel Wohlgensinger und Guiseppe Spina hinter sich. «Es lief grandios», erzählt Simon. «Wir waren ausverkauft. Und wie es so ist im Theater, machten wir uns zwischen den Vorstellungen schon Gedanken zum nächsten Stück.» 

Nun befindet sich die Bühne des See-Burgtheaters an einem einzigartigen Ort direkt am Ufer des Bodensees. Der Genius Loci inspirierte: «Wenn wir schon an diesem Ort spielen dürfen, brauchen wir etwas, was mit Wasser und Weite zu tun hat.» 

 

Das Plakatmotiv ist als erstes fertig: Es muss schon vor dem Verkauf von Gutscheinen vor Weihnachten stehen.

Warum sich ein Kammerspiel nicht zur Open-Air-Bühne passt

Vier Stück-Ideen wurden diskutiert. «Man fährt besser mehrgleisig – irgendwann biegt man ab und landet ganz woanders als anfänglich gedacht», sagt Simon Engeli. Klar ist: Das Format Open-Air-Sommertheater schafft Rahmenbedingungen und eine gewisse Erwartungshaltung des Publikums. «Eine Zwei-Personen-Kammerspiel passt einfach nicht. Unterhaltung, Leichtigkeit und eine gute Geschichte müssen im Vordergrund stehen.» 

 

Die Serie und der Recherchefonds

«Wie entsteht Kunst?», das war die Leitfrage dieser Recherche. Wer im Thurgau ins Theater geht, erlebt ein Kunstwerk innerhalb von zwei bis drei Stunden.  Es ist eine extreme Verdichtung eines langen Schaffensprozesses. Wenn man sich bewusst macht, was Bühnenkünstler und -künstlerinnen an Zeit, Geld und Nerven investiert haben, wächst der Respekt.

Anhand der Aufführung von «Die Legende von Anne Bonny» zwischen dem 9. Juli und dem 4. August im See-Burgtheater zeigen wir, was zusammenspielen muss, damit ein Theaterabend gelingt. Unsere Autorin Inka Grabowsky hat den Produktionsprozess über mehrere Monate begleitet. In einer Serie schildert sie in den kommenden Wochen nun ihre Eindrücke.

Die Serienteile

Die Suche nach dem Thema, Teil 1
Wie erweckt man Puppen zum Leben?, Teil 2
Der richtige Rahmen: So ensteht ein Bühnenbild, Teil 3
Jenseits der Kunst: Die Organisation gehört zum Geschäft, Teil 4
Das Ensemble: Wie findet man die richtigen Schauspieler:innen? (Teil 5)

Dieses umfassende Recherche ist nur dank unseres Recherchefonds möglich. Zum 15. Geburtstag von thurgaukultur.ch haben wir im Mai 2024 einen Jubiläums-Recherchefonds initiiert, um bislang unterbelichtete Themen unter die Lupe nehmen zu können. Und unseren Autor:innen für diesen Aufwand auch ein angemessenes Honorar zahlen zu können. Unter dem Titel „15 Jahre, 15 Geschichten“ sollen tief recherchierte Beiträge zu verschiedenen Themenfeldern des Thurgauer Kulturlebens entstehen. Alle Beiträge werden in einem Dossier gebüldet. Der Recherchefonds wird unterstützt von der Stiftung für Medienvielfalt und der Crescere Stiftung Thurgau.

 

Rahel Wohlgensinger ergänzt: «Wir wollten nach ‹Honig im Kopf› zur Abwechslung in die Vergangenheit eintauchen. Gleichzeitig hatten wir mit Moira Albertalli bereits eine Hauptdarstellerin vor Augen. Das Personal, das man hat, füttert den Inhalt.» Wasser, Weite, mindestens eine weibliche Hauptfigur: Die Entscheidung für eine Abenteuergeschichte um die legendäre Piratin Anne Bonny erscheint plötzlich ganz logisch. 

 

Schreibtischarbeit: Ohne Recherche geht es nicht, wenn man über eine historische Persönlichkeit schreibt. Bild: Inka Grabowsky

Der historische Kern der Geschichte

Die Freibeuterin hat es wirklich gegeben. Über die historische Persönlichkeit weiss man nur, was in den Gerichtsakten steht. Sie dürfte brutal und rücksichtslos gewesen sein. 

Gerade, weil so wenig über sie bekannt ist, eignet sie sich ideal als Projektionsfläche, wie auch Engeli und Wohlgensinger bei der Recherche herausfanden. «Wir haben Romane gelesen, feministische Theaterstücke aus den 70gern und sogar Comics – einer war überraschend erotisch. Aus den Legenden und Anekdoten haben wir ausgewählt, was zum Seeburgtheater passt und einen eigenen Plot geschmiedet.»  

 

Der Text steht: Das vorläufig fertige Skript mit achtzig Seiten. Bild: Inka Grabowsky

Weibliche Biografie ergibt den Plot

Anne Bonny stammt aus Irland, verbringt ihre Kindheit aber als uneheliches Kind auf einer Plantage in den USA. Der Vater wird vom Anwalt zum Grossgrundbesitzer. Um der gesellschaftlichen Enge zu entkommen, brennt sie als junge Frau durch und heiratet einen Piraten. 

Nachdem er sie enttäuscht, wird sie selbst als Mann verkleidet Teil einer Piratencrew. Sie wird enttarnt, ihre Freundin Mary Read tötet den Piratenkapitän, Anne nimmt seine Rolle ein. Zwei Jahre geht das gut, dann wird sie gefangen genommen und entkommt nur deshalb der Todesstrafe, weil sie eine Schwangerschaft vortäuscht. 

Freier und weniger Kosten für Externe

Eine Stück-Entwicklung ist ein Kraftakt. «Nach ‹Prometheus› haben wir uns gesagt: Nie wieder schreiben wir unser eigenes Stück», lacht Rahel Wohlgensinger. «Aber es gab eben nichts Passendes für unseren Zweck.» 

Ausserdem hat das Selbstschreiben noch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Man muss keine Rechtediskussionen führen und keine Tantiemen an einen Theaterverlag zahlen. Also setzten sich die beiden zusammen und warfen sich Ideen für Handlung und Charaktere wie Ping-Pong-Bälle zu. «Es zieht mich in die Mischform von Geschichten mit langer Erzähltradition», so Engeli. «Sie gehören allen, und wir erzählen sie auf unsere eigene Weise.»

 

Konferenz am Küchentisch: die Co-Autor:innen Simon Engeli und Rahel Wohlgensinger. Bild: Inka Grabowsky

Der Schreibprozess kann harzig sein

Ein Selbstläufer war das Projekt trotzdem nicht. Simon Engeli, der von sich selbst sagt, er schreibe gern, ist oft von Selbstzweifeln geplagt. «Da leidet die ganze Familie mit», sagt er jetzt, als alles geschafft ist, mit einem Lachen. 

Richtig absurd sei es, am Computer an Stück zu arbeiten, und oben in der Bildschirm-Ecke werde bereits der Verlauf des Vorverkaufs angezeigt. «Wenn man etwas Unfertiges, noch Angreifbares verkauft, müssen Zweifel aufkommen. Aber wenn das Premierendatum steht, dann muss man eine Szene auch mal für fertig erklären.» 

Kleinere Schreib-Etappen, lautes Vorlesen und Feedback-Schleifen halfen dem Paar. «Wichtig war das Timing», erzählt Rahel. «Wir hatten im Januar und im März je zehn Tage ohne Gastspiele. Ich habe mich in den Frühjahrsferien in unserem Wohnwagen verschanzt, Simon hat zuhause geschrieben. An zwei Sitzungen am Tag haben wir uns ausgetauscht.» 

Orientierungshilfe: Die Fieberkurve der Handlung

Die grobe Dramaturgie stand schnell. Simon Engeli wusste zum Beispiel, mit welchem Bild er die Zuschauer in die Pause entlassen wollte. «Wir haben uns dann immer gefragt, wie wir diesen Punkt erreichen.» Sich schreibend treiben zu lassen kommt für ihn nicht in Frage. 

«Ich kann nicht nur für mich schreiben, ich brauche ein konkretes Publikum im Kopf. Also habe ich an der Wand des Arbeitszimmers eine Art Fieberkurve, auf der verzeichnet ist, wann innerhalb der zwei Stunden die Zuschauer was erleben: wann es laut und wann es leise ist, wo es intensiv wird und actionreich.» Die erste Skrip-Version hatte achtzig Seiten und wurde noch mehrfach überarbeitet. «Die Erzählbögen werden geschliffen und zum Teil umgebogen», so Rahel. 

 

Hier wird es laut, dort wird es leise: Schon vor dem Schreiben ist alles geplant. Bild: Inka Grabowsky

Gelegenheit für Action und Musik 

Simon gibt unumwunden zu, dass er die Gelegenheit ein Spektakel zu inszenieren, sehr schätzt. «Theater ist mehr als Figuren, Haltung und Sprache. Sie bilden den Kern. Aber Spezialeffekte, Fahrzeuge, Akrobatik gehören manchmal auch dazu – darauf habe ich Lust.»

Mehr als eine Abenteuer-Geschichte

Das Künstler:innen-Paar hat drei Kinder - zwei Töchter und einen Sohn. Als Eltern wissen sie um die Herausforderung von Heranwachsenden, heute ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden. Geschlechtervorstellungen sind immer noch weitgehend vorgegeben. «Unser Stück soll auch eine Ermutigung für Frauen und Männer sein, sich von den Klischees zu befreien», sagt Engeli. 

Und: «Wir haben alle ein inneres Theaterensemble in uns. Jeder erfüllt diverse Rollen. Und jede der Facette kann mal zum Vorschein kommen. Warum geht man nicht einmal mit dem Selbstbewusstsein einer Piratin, die sich nimmt, was sie will, in die Gehaltsverhandlung!»

 

Die Aufführungen und die Tickets

Premiere: Donnerstag 9. Juli 2026, 20.30 Uhr

 

Weitere Aufführungen, jeweils 20.30 Uhr an folgenden Tagen:

 

Juli:
Do 9.7., Fr 10.7., Sa 11.7.
Di 14.7., Mi 15.7., Do 16.7., Fr 17.7., Sa 18.7.     
Di 21.7., Mi 22.7., Do 23.7., Fr 24.7., Sa 25.7.     
Di 28.7., Mi 29.7., Do 30.7., Fr 31.7.

 

August:
So 2.8., Mo 3.8., Di 4.8.

 

Tickets für alle Termine gibt es hier.

 

Aufführungsdauer: 20.30 – ca. 22.30 Uhr

 

Die Zuschauertribüne ist gedeckt. Gespielt wird bei jeder Witterung, ausser bei Dauerregen oder Sturm. Die Abendkasse öffnet um 18 Uhr. 

 

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